Lemonheads im Jazzhaus: Sympathisch verspult

Alexander Ochs

Evan Dando, Kopf der Lemonheads – vom gefragten Mann zum fragwürdigen Männchen? Er war der Beau, der gern gesehene Talkshowgast, dann der Junkie. Mit seinen Coversongs wie "Luka" und "Mrs. Robinson" verzauberte er Millionen. Und nun? Verwirrte er ein paar Hundert im Jazzhaus. Mit Kreditkarte statt Plektrum.



Nachdem Evan Dando und seine beiden Lemonheads am 24. September den Weg nach Freiburg geschweige denn ins Jazzhaus nicht gefunden haben, fiel der ursprünglich geplante Gig aus. War die Band aus Versehen nach Freiburg an der Elbe gefahren, wie ein Gerücht besagt? Tourbegleiterin Sam konnte diese Vermutung nicht entkräften und wiederholte auf Nachfrage mantraartig den Satz: „We had car problems.“ So wurden die Fans damals mit einem Gratiskonzert der Vorband Racoon abgespeist.




Für den zweiten Versuch ist ein fruchtiger Cocktail angekündigt: von der Kirsche zur Zitrone. Vor den Lemonheads geht das Freiburger Gitarrenduo Cherrychords an den Start. Barhocker, Akustikgitarren, ein Paar albern-trashig durchlöcherte Westernhüte und die Gesangsstimmen von Elke Sachsenmaier und Nils Kaiser. Sie spielten ruhige, countryeske Songs, die den Verdacht nährten, man sei in Freyburg, Texas, gelandet. Der local support für den einstigen global export – The Lemonheads.



So hat Evan Dando, der Mann vor und hinter den Zitronenköpfen, einen weiten Weg hinter sich, als er sein Set beginnt. Das T-Shirt eingerissen, die Jeans am Saum zerfetzt, die Chucks dermaßen löchrig, dass sie aus seiner besten Zeit von vor 15 Jahren stammen könnten: Der einstige Indie- und Klatschspalten-Darling wirkt verlebt. Tiefer Fall? Nein, erst einmal auf zu neuen, alten Höhen.

Den verlebten Eindruck widerlegt sein Spiel. Eine ganze Reihe von Songs gibt er solo zum Besten, darunter auch „It’s about time“ – mit gewohnt warmer, weicher, einfühlsamer Stimme, die nichts von ihrem Können und von ihren Höhen eingebüßt hat, begleitet von eingängigen Gitarrenakkorden. Immer mehr drängt sich Dandos Gitarre in den Vordergrund, wird lauter und rockiger und, siehe da, seine Band gesellt sich zu ihm.



Die bestand gestern Abend aus Vess von Ruhtenberg am Bass und What’s his name? am Schlagzeug (Dando stellt ihn als George Best vor). Doch das kann sich schnell ändern, bekanntlich sind die Lemonheads eine One-Man-Show. Dando, der Schlagzeugerverschleißer.

Soundtechnisch wird es dann heikel: Bass, Schlagzeug und Gesang gehen größtenteils unter im Gitarrenstrudel. Immerhin, die alten Fans erkennen und goutieren „It’s a shame about Ray“ und „My Drug Buddy“, beide von 1992. Die spärlichen Ansagen kommen in einer Mischung aus Nölen, Nuscheln und Lallen durchs Mikro, so Herr Dandos Mund selbiges trifft. Zielsicherer ist er da beim Ausgleich des Flüssigkeitsverlusts. In Sekundenbruchteilen knallt er sich einen Shot zwischen die Kiemen. Programmatisch der nächste Song vom letzten Album vor der Auflösung der Band 1996: „Break me“.



Evan Dando hat in all den Jahren sicher so manchen Kredit verspielt – und heute, trotz aller Schwächen, so manchen zurückgewonnen: Als er sein Plektrum verloren hat, zückt er einfach die Kreditkarte. Und spielt. Am Ende von knapp anderthalb Stunden sauren und süßen Zitrusfrüchten bringt Dando, sympathisch verspult, dann doch noch zwei kurze und knappe Coverversionen – allerdings nicht die, mit denen die Band damals zum Erfolg ritt. Und dann will er nicht mehr. Musik vom Band statt Band. Licht an. Aus.