Lehrer trifft Lebert

Dirk Philippi

Als Benjamin Lebert am Mittwochabend im voll besetzten Roots aus seinem neuen Roman “Kannst du” vorlas, lagen ihm viele seiner Zuhörer förmlich zu Füßen, die meisten von ihnen Schülerinnen und Schüler. fudder hat mit Dirk einen Lehrer dazu geschickt. Ein Gespräch über Schule, Literatur und das Leben (mit Soundslide-Galerie).



Ich habe Dich heute in meiner 12. Klasse zur Schullektüre gemacht. Einverstanden?

Ich kann damit nur leben, wenn es die Schüler in Ordnung finden. Weil die meisten Schullektüren, die ich in meinem Leben hatte, waren ganz schlimm und nicht weil die Bücher schlimm waren, sondern weil ich das Gefühl hatte, ich muss mich mit einem Thema auseinandersetzen, mit dem ich mich nicht auseinandersetzen wollte.

Eine Vorgabe, an der ein Lehrer eigentlich nur scheitern kann.

Ja, von mir ist das wohl auch etwas Ich-süchtig, aber in meinem Leben habe ich mich eben immer selbst gefragt, ob ich das gerade auch will, was man von mir wollte.

Will ich das auch?


Ich weiß vorher nie, ob Schüler, das wollen, was ich von ihnen gerne hätte, ich kann es nur versuchen zu erahnen.

Genau deshalb krieg ich manchmal einen Schreck, wenn ich höre, dass Lebert in der Schule durchgenommen wird. Wenn ich Lehrer wäre, was ich hoffentlich niemals sein werde, dann würde ich versuchen das zu lesen, was die Schüler wirklich lesen wollen.

Hättest Du Dich bzw. Literatur von Gleichaltrigen gerne in der Schule gelesen?

Auf jeden Fall wäre ich solchen Büchern gegenüber weniger voreingenommen gewesen, als ich in Bayern zur Schule ging. Allerdings glaube ich wirklich, dass sich in den letzten Jahren einiges zum Besseren gewendet hat und der Umgang mit der Literatur nicht mehr so trocken ist.

Eine Pforte für die Literatur


Aber all die Anti-Trockenheits-Methoden können ein Buch auch zerstören.

Das wäre wohl das Schlimmste, denn das Schönste, was man machen kann, ist eine Pforte für die Literatur zu öffnen, nicht sie schon zu Schulzeiten zu verschließen.

Obwohl Du Dich so vehement gegen eine Lehrzukunft aussprichst, warst Du schon als Lehrer aktiv und hast amerikanische Schüler und Studenten in Literatur und kreativem Schreiben unterrichtet.

Aber dieses Lehrersein ist mit Deinem nicht zu vergleichen. Erstens bin ich jeweils am ersten Tag meiner Kurse hingegangen und habe gesagt, dass ich nicht lehren werde, sondern das alles ein Austausch sein wird, wo jeder von jedem lernt. Und dann war es ja auch so, dass alle, die in meinen Kursen waren, dies von sich aus auch wollten. Das Zwanghafte aus Deinem Lehrerleben, das lernte ich zum Glück niemals kennen.

Gib mir doch mal einen Tipp, was ich Eltern sagen soll, die ängstlich oder gar zornig sind, dass ihre Kinder Lebert in Schule lesen.

Ich würde meine Stimme niemals an alle Eltern wenden, wie soll das funktionieren? Ich würde zuerst versuchen genau zuzuhören, worin die Ängste oder die Wut bestehen, nur so kann es eine vielleicht sogar sehr spannende Auseinandersetzung darüber geben.

Sex ist nicht sachte


Ein konkreter Vorwurf ist Deine grobe Sprachwahl, wenn es um die Schilderung sexuellen Lebens geht.

Sexualität spielt eine unglaublich große Rolle in meinem Leben, das ist einfach nicht wegzureden, das kann ich und will ich nicht. Für mich ist der Akt an sich nichts, was nur in Schönschrift geschrieben ist, sondern etwas, bei dem zumindest bei mir auch schmutzige Worte in mir hoch kommen. Sex ist nicht sachte - wenn ich es sachte ausformulieren würde, dann müsste ich lügen.

Kennst Du die Angst von Schülern vor lauter Sex keine Liebe mehr abzubekommen?

Es war schon immer so, das Sexualität und Liebe einerseits in sich verwoben sind und sich andererseits aber auch bekämpfen. Allerdings glaube ich nicht, dass die Ängste so einseitig sind, denn genauso wie manchmal die Liebe auf der Strecke bleibt, ist es manchmal die Sexualität, was beides aber furchtbar sein kann. Ich versuche für mich einfach so wahrhaftig wie möglich zu sein.

Wahrheit ist für mich, dass immer mehr Schüler sehr traurig sind. Ich kann den Vorwurf von der Spaßgesellschaft jedenfalls nicht mehr hören.

Genau das beobachte ich leider auch immer mehr. Ich habe das Gefühl, dass die Generation, die jetzt zwischen 15 und 18 ist, dass die insgeheim wahnsinnig, wahnsinnig traurig ist. Ich weiß nicht, ob es ein bestimmtes Themengebiet gibt, das all diese Traurigkeit sammeln kann, aber ich glaube, dass diese Generation kaum mehr etwas Eckiges, Kantiges findet, an dem sie sich festhalten kann. Alles ist so furchtbar glatt geschliffen und zum Wegrutschen und Zerrinnen.

Speed kills


Wenn ich Sport unterrichte, dann schreie ich oft “speed kills” und wenn Du Recht hast, dann würde das wohl auch auf das Leben dieser Generation zutreffen.

Geschwindigkeit spielt jedenfalls eine riesengroße Rolle, wenn jemand das alles nur noch mit Mühe bewältigen kann und sich in den Düsterkeiten aalt, die in einem stecken, und es dann Wochen dauert, bis man sich selbst da wieder herausgeholt hat.

Dabei werden all die Schulreformen, achtjähriges Gymnasiums oder auch der Praktikumswahnsinn aber mit staatlicher Fürsorge etikettiert.

Es stimmt ja auch und ich verneine die Fortschritts-Argumentation auch überhaupt nicht, aber ich denke, dass die Rolle der Geschwindigkeit, mit der das Leben an uns vorbeizieht, schlicht unterschätzt wird. Man darf das nicht verharmlosen, weil die Probleme, die in vielen Schülern und jungen Menschen fest verankert sind, genau damit zu tun haben.

Kann Selbstmitleid helfen?

Selbstmitleid hilft nie.

Aber Du scheinst oft Mitleid mit Dir zu haben.

Schon, aber es hilft mir nicht.

Ohne den Blick in die Welt hilft nichts


Hilft Dir Dein Hauptschulabschluss, den Du als früherer Schulabbrecher in Freiburg nachgemacht hast?

Momentan nicht, aber was, wenn ich irgendwann nicht mehr vom Schreiben leben kann?

Du hast Angst.

Ich habe nur versucht, mir einen Rettungsanker zu besorgen, wobei der Abschluss oder die Ausbildung für sich genommen nicht in gleichem Maße wichtig sind, wie das, was du in Dir trägst.

Das glaubt Dir kein Schüler!

Mag sein, aber für mich steckt genau dahinter eine ganz große Wahrheit. Nicht das Praktikum X oder die Weiterbildung Y sind das Entscheidende, sondern es ist der Blick, mit dem man die Welt betrachtet! Ohne diesen Blick hilft nichts.

“Kannst Du” noch?

Ehrlich? Heute nicht mehr lange.

Eingeschlafen und irgendwie verstorben


Gibt es für Dich Städte, in denen es einfacher ist, “zu können” als in anderen und mit welchem Blick betrachtest Du Freiburg?

Das erste, das kann jedenfalls manchmal so sein, und zu Freiburg fällt mir jetzt nur ein Bild ein: Es gibt solche Seen, die umstürzen, wo das Wasser nicht mehr rein ist, und ich hab das Gefühl, dass Freiburg ein bisschen so ist, wo nur noch wenig sauerstoffreiches Wasser da ist ? irgendwie eingeschlafen und teilweise leider auch verstorben. Aber vielleicht ist das zu negativ und ich sage das nur, weil ich müde bin.

Dann wünsche ich Dir, dass die Müdigkeit bald nachlässt und Du noch lange kannst.

Und ich Dir, dass Du mit Deinen Schülern kannst.





fudder präsentiert Euch eine Soundslide-Galerie von der Lesung mit einem Audiomitschnitt des Prologs von "Kannst Du".
Zum Starten einfach auf das Bild klicken. Viel Spaß!