Leerstand, Kunst, Abriss

Gina Kutkat

Pop-Up-Shops, temporäre Kunstausstellungen, vierwöchige Installationen: In Freiburg werden leerstehende Räume immer häufiger als kurzzeitige Kunsträume genutzt. Warum das Phänomen Zwischennutzung ein Segen für junge Künstler ist:



"Leerstand Kunst" steht auf dem Transparent, das die Stadträte der Freiburger Kulturliste, Atai Keller und Brigitte von Savigny, in ihren Händen halten. Sie stehen vor dem ehemaligen ADAC-Gebäude am Freiburger Karlsplatz. Was sie wollen? Das leerstehende Objekt, das sich im Besitz der Freiburger Stadtbau befindet, soll kurzfristig als temporärer Kunstraum genutzt werden, an dem junge, zeitgenössische Kunst gezeigt wird. "Eine Art Zwischennutzung, wie es sie auch schon in anderen Räumen gibt", so Keller.


Damit spricht Keller ein Phänomen an, das sich in den letzten Monaten und Freiburg immer öfter zeigt: Junge Künstler, Designer oder Unternehmer mieten sich in leerstehende Räume oder Etagen ein, bleiben dort für ein paar Wochen und verschwinden dann wieder. Vom Concept Store in der Marienstraße, Kunstausstellungen am Friedrichring 1, Aktionen im Pförtnerhaus der Brauerei Ganter bis hin zum Büro der Kulturliste F58: Zeitlich befristete Nutzung baulicher Anlagen bezeichnet man als Zwischennutzung. Sie funktioniert in der Regel nach dem Prinzip "Günstiger Raum gegen befristete Nutzung".

Zurück am ADAC-Gebäude. Atai Keller zeigt gerade in die Richtung des Siegesdenkmals: "Ein gutes Beispiel für Zwischennutzung gab es an der Ecke Habsburgerstraße/Friedrichring." Dort, wo Projektentwickler Peter Unmüssig ein neues Gebäude für die Hotelkette Motel One errichtet, nutzten im Jahr 2014 Designer und Künstler die leerstehenden 280 Quadratmeter, um einen temporären Coworking-Space inklusive Kunstgalerie zu eröffnen. "Etwas Besseres kann man sich als Geschäftsmann doch gar nicht wünschen", sagt Atai Keller. "Die haben Miete gezahlt, den Raum aufgewertet und somit noch Werbung für den Ort gemacht."



Warum gerade in letzter Zeit so viele Zwischennutzungs-Projekte aus dem Boden schießen, lässt sich vielleicht anhand der Wohnraum-Situation erklären. "Die Stadt macht gerade große Zäsuren, Häuser werden abgerissen, Orte verändern sich", spekuliert Keller. Aufgrund der hohen Mieten wechseln Häuser öfter die Eigentümer und niemand ist mehr lange an einem Ort. Diese Auswüchse der negativen Mietentwickung sind der Nährboden für Projekte der Zwischennutzung: Junge Künstler, die einen Ausstellungsort für ihre Kunst suchen, finden in den leerstehenden Räumen genau die Umgebung, die sie suchen.

    Ein aktuelles Beispiel ist die Atrium-Passage am Augustinerplatz. Eigentümer Peter Unmüßig wird das Einkaufszentrum ab dem kommenden Herbst komplett umbauen, die ansässigen Geschäfte sind entweder bereits ausgezogen oder stehen kurz davor. Die Zeit zwischen Auszug und Umbau haben junge Designer und Künstler genutzt, wie zum Beispiel Isabel Kohler und Ines Thiemann. Sie haben dort zwei Wochen lang den Pop-up-Shop pre.loved eröffnet.        

 

Auch der gemeinnützige Verein Kulturaggregat, der es sich zum Ziel gesetzt hat, mehr Kunst und Kultur in den öffentlichen Raum zu bringen, hat einen Platz im Atrium gefunden. Unter dem Slogan "August im August" zeigen dort Künstler wie Virus One, der Fotosalon der hKDM und das Projektlabor der illu2 ihre Werke. Auch die italienische Street-Art-Künstlerin Alice Pasquini stellte dort ihre Bilder aus.

Das jüngste Projekt heißt "Microfloors" und wird von Tobias Jeschke organisiert. Eine Veranstaltung, die elektronische Musik mit Kunstanspruch verbindet. " Zwischennutzungen sind natürlich immer reizvoll für kreative Köpfe - zum einen darf man in Räume rein, die sonst nicht machbar wären, zum anderen bespielt man jedes Mal Neuland - und genau das suchen wir mit Audioguerilla: spartenfreie, offene Menschen", sagt Jeschke.

   
Die Zwischennutzung ist eine Art Win-Win-Situation für beide Seiten, also die Nutzer und den Eigentümer: Sie bietet Kreativen kurzfristig Räume, in denen sie sich und ihre Kunst präsentieren können. Anders herum werten Kulturschaffende Räume auf und erwecken sie zu neuem Leben. Die Verhandlungen über Zeitraum, Miete und bürokratische Angelegenheiten müssen die privaten Parteien unter sich ausmachen.

   



Die Stadt Freiburg ist außen vor. Sie kommt erst ins Spiel, wenn die Nutzung der Räume geändert werden soll. "Dann muss beim Baurechtsamt ein Antrag auf Änderung der Nutzung gestellt werden. Wie bei allen andern Verfahren auch - ob nun endgültige Nutzung oder solche zwischendurch", so Pressesprecherin Edith Lamersdorf. Trotzdem sind die Signale positiv: "Insgesamt ist eine Nutzung immer besser als Leerstand."    

Auch Lisa Vöhringer hat gute Erfahrungen mit der Form der Zwischennutzung gemacht: Zusammen mit drei anderen Jungdesignerin hat sie acht Tage lang unter dem Namen DesignRevier79 Upcycling-Produkte in einem Laden in der Lehener Straße verkauft, in dem sonst Videos über die Ladentheke gehen. Während die Videothek Urlaub mache, war der Laden das DesignRevier79. "Die Besitzerin des Videoladens hat mich auf einer Veranstaltung gesehen und danach angeschrieben – so kamen wir in Kontakt", sagt Lisa Vöhringer.

Die Zwischennutzungserfahrung war für sie rundum positiv: "Der ganze Ablauf war sehr unkompliziert und es hat alles super funktioniert. Es war schön zu sehen, wie viel Vertrauen uns entgegen gebracht wurde", so Vöhringer weiter. Schöner Nebeneffekt: Die Besitzerin hatte so viel Freude an den Sachen, dass sie den Designern einen Teil des Ladens angeboten hat. "Ich habe das Angebot angenommen und so ist das Schaufenster samt Palettenwand immer noch da, ein Einkauf sechs Tage die Woche möglich", so Vöhringer.

 

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[Fotos: Thomas Kunz / Savera Kang / Ingo Schneider / Jürgen Oschwald]