Leben nach Men's Health (6)

Manuel Lorenz

Wer konsequent nach der Zeitschrift Men's Health lebt, so, wie unser Autor Manuel Lorenz, kommt natürlich auch nicht umhin, den Mode-Ratschlägen der Hamburger fashion victims Folge zu leisten. Zu welchem Kuddelmuddel das führen kann, steht im folgenden Text.



Anfang der 1990er kaufte ich mir meinen ersten Hoodie. Das war damals wichtig, weil ich Teil einer Bewegung sein wollte, die unleserliche Namen an die Wände sprühte, gebrochene Bewegungen zum Tanz (v)erklärte, Krampfanfälle an Schallplatten therapierte und mehr Reime aneinanderreihte als einst die Minnesänger auf der Wartburg.


Kapuzenpullis, wie jene mönchsartigen Kutten damals noch hießen, waren dabei genauso unverzichtbar, wie Baggy Pants und bestimmte Sneakers (heute: Kicks). Und wer auch noch den letzten Zweifel an seiner Glaubwürdigkeit zerstreuen wollte, schnürte seine Turnschuhe mit überdimensional breiten Schnürsenkeln – fat laces.



Wer heute noch so herumrennt, ist entweder auf Sprühlack hängen geblieben oder gnadenloser Nostalgiker. In Sachen Mode haben mittlerweile andere (Sub-)Kulturen die internationalen Laufstege geentert. So scheinbar auch die Schifffahrt. Und zwar nicht jene, die seit kurzem vor Somalia wieder en Vogue ist, sondern eine totenkopflose, ehrbare. Auf acht Seiten Fotostrecke zeigt die Men’s Health, was sie damit meint: Das Leben als maritime Christopher Street.



Nicht der metrosexuelle, gepflegte Mann ist es aber, der hier propagiert wird, sondern eine Kreuzung aus Che Guevara und Kapitän Haddock: lange, verwuschelte Haare, krauser, ungestutzter Revolutionsbart und – das verrät ein Oben-Ohne-Bild – an Bauch, Bizeps und Brust nur durchschnittlich bemuskelt. Dazu: weiß-marineblaue Klamotten und eine goldene Fahne schottischen Whiskys.

Irgendwie also sympathisch, Jacques, das Hugo-Boss-Model. Die Kleidung durchaus auch, spart man sich den karnevalesken Matrosen-Blazer (um 400 €!) und den südlich von Hamburg wohl gleichermaßen deplatziert anmutenden Elbsegler. Der Versuch, seemännliche Accessoires zu finden, geht dabei voll in die gestreifte Baumwollhose: die Segelschuhe ließen Popeye seinen Spinat rückwärts essen; mit dem silbernen Steuerradanhänger (Optik: Kaugummiautomat) kriegt man weder Arielle noch andere Seenixen ins Flussbett – trotz daumendicken Seemannsgarns!



Alles in allem bin ich sowieso eher ’ne Landratte. Ich stopfe mir also erstmal meine Pfeife gemütlich mit Seegras, nivelliere den algigen Abgang mit brennendem Grog und durchsuche das Manzine nach praktikableren Fashion-Tipps. Whoomp! There It Is: „Blümchens Comeback“. Wird vorhin noch Käpt’n Blaubär zum It-Boy erklärt, soll ich jetzt auf Sergeant Pepper machen: Gucci-Parka mit aufgesticktem Frühling für 1090 EUR; dazu: orangefarbenes Tanktop in Batik-Optik von C&A für 10 EUR. Dagegen wirkt Jürgen von der Lippe so farblos wie ungewürzter Tofu.



Auf der Folgeseite stehen die so genannten Fashion-News. Ein Bürokrat fragt, ob er unter seinem Anzug ein Kurzarmhemd tragen darf. Antwort: „Nein!“ Dies sei nur etwas für einen informellen Anlass. Dass jene verstümmelte Hemdart in dieselbe Kategorie ästhetischen Verbrechens fällt wie geschnittene Spaghetti, wird leider genauso hinterhältig verschwiegen wie der Hinweis, in Achselhöhe auf Schweißflecken doch bitte zu verzichten.

Praktisch, dass sich beim daneben angepriesenen Pilotenhemd die hochgekrempelten Ärmel fixieren lassen. Ist natürlich ein Klassiker, zieht immer und bekäme mit einer Ray-Ban ‚Aviator’ zusätzlichen Rückenwind. Ihr Träger charakterisiert sich als freiheitsliebend und gibt dem weiblichen Gegenüber neckisch zu verstehen: Catch me if you can!



Dann geht’s ans Eingemachte! Thema: Gürtel. O-Ton: „Frauen fliegen bei einem Mann auf dieses modische Detail. Wenn Sie also beim Kauf ein bisschen Geschmack beweisen, können Sie sicher landen.“ Nun: Der Gürtel mit ovaler Koppelschnalle steht Hill- und Rockabillys; die Flecht-Optik mit dünnen Lederriemen kenne ich aus meiner Zeit als Zivi im Seniorenstift.

Jenen schwarzen Rindsledergürtel, der als „echter Allrounder“ angepriesen wird, sollte aber tatsächlich jeder besitzen, der sich Gentleman schimpft – egal ob vegan oder Tierhautfetischist. Meinen besitze ich schon seit mindestens einem Dezennium. Und – typisch maskulin –: Er wird von Jahr zu Jahr schöner.



Fazit: Die Men’s Health bietet modefremden Männern einen ersten Einstieg in die Welt textiler Formen und Farben und versucht, Trends aufzuspüren und zu größeren thematischen Kontexten zusammenzufassen. Das kann funktionieren, führt aber oft zu stilistischer Epilepsie. Fashion-Victims lesen sowieso nur noch Blogs.

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