Leben nach Men’s Health (5)

Manuel Lorenz

Die Redakteure des Muckiförderorgans Men’s Health sehen sich gezwungen, nicht nur den Body, sondern auch den Mind ihrer Leser zu builden. Auf dass sich Mister Universe bald Uomo Universale nennen darf. Unser Men's Health-Tester Manuel zu den aktuellen Empfehlungen in Sachen Musik und Literatur.



Eine ganze Seite widmet die Men’s Health Musik, Literatur und Film. Wer aber testosterongeschwängerte Machokultur erwartet, wird bitter enttäuscht. Wenn man bedenkt, dass man weder DIE ZEIT, noch die SPEX oder andere vermeintliche Kulturblätter in der Hand hält, sind die Tipps sogar erstaunlich hochwertig. Die neue Depeche-Mode-Platte („Sounds Of The Universe“) könnte – love it or hate it – so manches Y-Chromosom in die Geschichte der Popmusik einführen; und das minimalistisch gestaltete Booklet des witzigen neuen Junior-Boys-Albums („Begone Dull Care“) zeigt Anabolika-Andi, dass weniger meist mehr ist.




Gewünscht hätte ich mir Härteres, Erbarmungsloseres – Männliches. Zum Beispiel DJ Hells neues Doppelalbum „Teufelswerk“: „I Prefer Women To Men“ spricht der heterosexuellen Seele Mut zu; „Hellracer“ macht aus Gelb-Bremsern A5-Schumis; und „Bodyfarm2“ lässt naturverliebte Nordic Walker zu erbarmungslosen Bankdrückern werden. Wer dabei Texte vermisst, in denen sich ‚primäres Geschlechtsorgan’ auf ‚Kleinkriminalität’ reimt, sollte allerdings lieber zu Azads neuer Scheibe „Assassin“ greifen.



Schlechter ist’s in der Men’s Health um Literatur bestellt. Erste Sätze wie „Dorothy saß am Schreibtisch ihres Vaters“ (Charles Chadwick: Eine zufällige Begegnung) eignen sich zu Freudscher Psychoanalyse, nicht aber zur Erbauung feingeistiger Ladykiller. Inhalt: „Elsie und Stan sind Außenseiter: sie hässlich, er Ex-Knacki. Die Geschichte einer besonderen Beziehung.“ Na ja. Zumindest wird die Zielgruppe also kein Identifikationsproblem haben.



Ist vielleicht auch immer noch besser als Christian Zaschkes „Tanz den Fango mit mir“, wo es um ’nen Mittdreißiger in einer Bad Aibenhausener Reha-Klinik geht – also quasi „Der Zauberberg“ für Arme.

Und seinem Alten Herrn – wie empfohlen – Lars Christensens „Die blaue Kuppel der Erinnerung“ als Vatertagspräsent zu schenken, scheint mir angesichts der Inhaltsangabe dann doch ein wenig makaber: „Ein Autor hat den Tod vor Augen und blickt auf sein bewegtes Leben zurück.“ Fehlt nur noch der Hinweis, als Widmungstext die Letzte Ölung zu verwenden.



Dann lieber die Klassiker: ein Flotter Dreier bei D. H. Lawrence, Saufgelage mit Ernest Hemingway und Chauvi-Schulung durch Charles Bukowski. In keiner Großraumdisse gibt’s mehr One-Night-Stands als in der Weltliteratur; nirgends lernt man besser flirten als bei Goethe und Shakespeare.

Und wenn’s mal expliziter werden soll, helfen die Franzosen aus: De Sade, Apollinaire, Houellebecq. Auch Marcel Reich-Ranicki weiß diesbezüglich Rat: „Man kann nicht mit allen Frauen dieser Welt schlafen,“ so der Literaturpapst, „aber man sollte danach streben!“



Als Film wird das Bergsteiger-Drama „Nordwand“ angepriesen. Wer schon bei „Cliffhanger“ eingeschlafen ist, wird hierbei ins Wachkomma fallen. Um den Streifen einigermaßen spannend erscheinen zu lassen, druckt die Men’s Health nebeneinander sowohl männliche als auch weibliche Kritik ab.

Der qua natura tiefgründige Mann befindet die Handlung als oberflächlich; die notorisch zart besaitete Frau spricht in würgreizigem TV-Spielfilm-Jargon von „packender Berg-Action“, die „nur etwas für Schwindelfreie“ sei. Ein Film also, durch dessen furchtloses Anschauen man ihr imponieren kann. Und immerhin fand er die Schauspieler „toll“. Vielleicht also DIE Alternative zur allmonatlichen „Notting Hill“-„e-m@il für Dich“-„P.S. Ich liebe Dich“-Session.

Fazit: Die Kulturseite der Men’s Health schlägt in eine gänzlich andere Kerbe als erwartet. Notgeile Muskelprolls würden hier wohl nicht fündig; SWR3-Hörer, Mainstreamer und andere Ja-Sager stoßen aber mit Sicherheit auf das eine oder andere zuvor nicht Gekannte.

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