Leben nach Men's Health (4)

Manuel Lorenz

Was Kochen angeht, oblag Männern bisher lediglich die Verantwortung fürs Grillen und Saufen. Die "Kunst und Technik" aber, "aus Lebensmitteln genießbare Speisen … schmackhaft und optisch wohlgefällig zuzubereiten" (Wikipedia zu "Kochkunst"), beherrschten lange Zeit allein Frauen. Und Sterneköche. Und Schwule. Ob Manuel sich durch die Men's Health-Lektüre bei den Kochkünstlern einreihen kann, lest ihr hier.



Auch die Men’s Health scheint daran festzuhalten, den richtigen Umgang mit Fleisch und Bier als männliche Primärtugend anzusehen. Hier lernt man (samt Rezept), dass Rind idealerweise in Rotweinmarinade eingelegt wird und wie viel man für einen Designer-Grill hinblättern muss (zwischen 10 und 1500 Euro). Wer ein echter Mann sein will, darf sich übrigens auf keinen Fall ’nen Elektro-Grill anschaffen: „Des isch was für Pussys“, ließ gestern in der Straßenbahn ein vermeintlicher Kenner vernehmen.


Wer – gleichermaßen Memme – Kölsch nicht von Weizen unterscheiden kann, wird beim Bier-Coaching wissend. Professor Werner Back: Ein Pils pro Tag sei gesund; das Vitamin B im Bier wirke sich positiv auf die Haut aus. Dass eine solche Kur meist tertiäres Dickenwachstum zur Nebenwirkung hat, unterschlägt Dr. Gerstensaft. Dafür weiß Urs L. aus Zürich endlich, wie er Bier einschenkt, ohne jedes Mal der Venus Schaumgeburt in Erinnerung zu rufen.



Was meine Person angeht: Ich bin ein Muttersöhnchen. Wie der biblische Jakob brannte ich als Zweitgeborener mein Leben lang darauf, mir um den Preis eines indischen Dal-Gerichts das Erstgeburtsrecht zu erkaufen. Auch wenn daraus nichts wurde, ließen mich meine Kochkünste zumindest den Gaumen so mancher Frau erobern, und mit ihm ihr Herz. Umso größer war die Freude, in der Men’s Health das Rezept für einen Caprese-Pasta-Salat vorzufinden – „Der neueste Diät-Hype aus den USA: Pasta, die schlank machen.“ Asiatische Nudeln sollen mit italienischem Gemüse fusionieren. Warum nicht? Hat ja beim Fiat Panda auch geklappt.
Die Nudelauswahl im Asia-Markt meines Vertrauens, dem ‚Fortune’ am Hauptbahnhof, ist immens: Indonesische Go-Tan-Nudeln, koreanische Nudeln mit Fischgeschmack, Lange-Leben-Nudeln (hätte James Dean mal essen sollen) und 1000 andere Glas- und Reisnudeln. Nur nicht die benötigten Shirataki, japanische Nudeln aus der Konjakwurzel. Egal. Chinesische Reisnudeln werden’s auch tun.



Das Supermarktgemüse unterstreicht den kosmopolitischen Charakter des Unterfangens: grüner Spargel aus Spanien, Tomaten aus Holland, eine Zitrone aus Arkadien, Mozzarella aus dem Kühlregal und Erbsen aus der Konserve. Das Basilikumpflänzchen kommt aus einer deutschen Gärtnerei.

Die Koch-‚Kunst’ beschränkt sich bei alledem auf das Schälen und in Streifen schneiden des Spargels. Tomaten und Mozzarella wird man gerade noch würfeln können; die Reisnudeln müssen lediglich drei Minuten ins kochende Wasser. Das schaffen selbst eingefleischte Barbecue-Gurus und schmierbäuchige Bier-Sommeliers. Problem: Die Nudeln vermischen sich schlecht mit dem Gemüse, so dass man entweder Reismehl kaut, oder Insalata Caprese auf der Gabel hat. Und auch wenn die Säure der Zitrone mit der Prägnanz des Königskrauts harmoniert, fehlt der ultimative Aroma-Kick.



Der wird vermittels des „Chemie-Baukastens für Gourmets“ versprochen. (Inflationäres) Stichwort: Molekularküche. Eigentlich genau das Richtige für alle, die sich zum zehnten Geburtstag nicht etwa das Lego-Piratenschiff (spannend), sondern ’nen Kosmos-Experimentierkasten (langweilig) gewünscht haben. Und für jene, die lieber im Physik-LK saßen, anstatt im Park vor der Schule Verschnittenes zu rauchen. Reagenzgläser, Erlenmeyerkolben und Petrischalen lassen ihren kühnsten Traum in Erfüllung gehen: Die Küche als Labor. Und wenn Xanthan, Alginat und Calciumlaktat flüssige Kokosmilch in Hühnereier verwandeln, darf kaum verwundern, wenn sich Legebatterien-Hennen weltweit um ihre berufliche Zukunft sorgen. Na ja. Nachdem der Hobbykeller dem Büro seiner Frau zu weichen hatte, musste er sich ja irgendwohin fliehen, der Mann.



Fazit: Wer Rollenbildern aus dem Holozän nachhängt, sollte die Men’s Health unbedingt als Kochbuch verwenden. Außerdem all jene, die sich – verbeamtet – in Zeiten zurücksehnen, in denen Experimente noch zum Alltag gehörten. Abgesehen davon empfehle ich Fernsehen.
 

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