Leben nach Men's Health (1)

Manuel Lorenz

Fußhornhaut loswerden, Muskeln symmetrisch aufbauen, "Wie sie morgens knuddelt statt muffelt", über all diese wichtigen Themen hat sich unser Autor Manuel bislang viel zu wenige bis keine Gedanken gemacht. Jetzt will der bequeme Bohemien sein Leben umkrempeln. Mit der Zeitschrift "Men's Health" als Leitfaden. Auf fudder wird er davon in den kommenden Wochen berichten.



Früher war alles besser. Der Mann hatte zu jagen und kämpfen. Um alles andere kümmerte sich die Frau. Bis ihr irgendwann der Gedanke kam, den Spieß einmal umzudrehen und selbst einmal Hosen anziehen zu dürfen. Es sollte fortan Aufgabe der Männer sein, gut auszusehen, das traute Heim wohnlich zu gestalten, zu waschen und zu bügeln, am Herd für das leibliche Wohl der Familie zu sorgen und liebevoll den Nachwuchs aufzuziehen.


Um begehrenswert zu bleiben, musste er natürlich weiterhin erfolgreich im Beruf sein, im Sommer und Winter die Reifen wechseln und sämtliche Türen dieser Welt aufhalten. Außerdem wurde erwartet, dass er sensibel war, sich besser mit Nagellack auskannte als ihre beste Freundin und zumindest die erste Staffel „Sex and the City“ synchron mitzusprechen vermochte. Freilich nutze ihm all das reichlich wenig, wenn er’s im Bett nicht brachte.



Ein großer Druck also, auf den nicht wenige Männer mit Rückzug reagierten. Die einen zogen nach Konsolien, daddelten Tag und Nacht „World of Warcraft“ und masturbierten pickeligen Angesichts auf Lara Croft; andere flüchteten sich in metrosexuellen Narzissmus, standen selbstverliebt in der Disco rum und gingen immer allein nach Hause. Kein Sex war so gut wie jener, den sie mit sich selbst hatten.

In Anbetracht dieser Lage musste das männliche Geschlecht die erste deutsche „Men’s Health“ 1996 als messianisch verstanden haben. Monatliche Nachhilfe und Weiterbildung in den Bereichen Sport und Fitness, Gesundheit und Ernährung, Erotik und Partnerschaft, Karriere und Style. Und das für schlappe vier Euro!



Ich für meinen Teil bin bislang auch gut ohne derartige Zeitschriften ausgekommen. Die Folgen der weiblichen Emanzipation habe ich immer als Chance gesehen: Kochen – toll! Die Wohnung einrichten – super! Mode – interessant! Und: Die Kohle nach Hause bringen darf ruhig sie. Als Bruder zweier Schwestern darf ich mich ohne Arroganz als Frauenversteher betrachten; körperliche Defizite meine ich durch geistiges Athletentum ausgleichen zu können. Ab und zu mach’ ich auf Arschloch – nicht aber etwa, weil die Frauen das so wollten, sondern eher aus genetisch bedingter Trägheit.

Einige Zeit lang nach der „Men’s Health“ leben – das muss sich anfühlen wie für Richard Dawkins ein Jahr als Christ. Und dennoch werde ich’s machen. Warum? Langeweile, Exhibitionismus, Geldmangel, verlorene Wette. Vielleicht wirkt der Zauber ja, und ich kann mich bald vor weiblicher Nachfrage nicht mehr retten.

Schritt Eins: Das Coming-Out. Wo ich mir sonst immer ZEIT, SPEX und – boulevardesk – den SPIEGEL besorge, greife ich diesmal zur „Men’s Health“. Obwohl noch April, steht schon die Mai-Ausgabe im Regal. Auf dem Cover: Jason van Oijen, 26. Ein absoluter Traumtyp: 1,86 Meter groß, 83 Kilo schwer, Managing Director in Den Haag. Und ’nen Body wie ihn Frauen lieben. Das alles für 4 Euro? Ein Schnäppchen.



Der Schritt zur Kasse fällt mir erstaunlich schwer. Den aktuellen Hustler hätte ich ohne Wimpernzucken erstanden. Die „Men’s Health“ ist mir peinlich. So wie damals, als alle Bravo lasen, aber keiner zugeben wollte, auch nur ein Exemplar je zu besitzen. Oder als man dreizehnjährig im Supermarkt zum ersten Mal Gummis gekauft hat. Ich schau zu Boden, zahle, verschwinde. Niemand scheint mich gesehen zu haben. Ich atme erleichtert aus. Noch ist alles gut.

Erst, als ich das Magazin in der Sicherheit meiner Wohnung genauer inspiziere, wird mir klar, worauf ich mich einlasse: „In 3 Wochen sexy Sommermuskeln“ – hört sich erstmal gut an; „Bauch, Bizeps, Brust“ – wohl das männliche Pendant zu „Bauch, Beine, Po“; „14 Gründe, mehr Bier zu trinken“ – Munition für jene Endlos-Diskussionen (4 Uhr morgens, man kommt von einer Zechtour mit den Kumpels und will sich zu ihr ins Bett kuscheln); „Bike-Guide für Kerle“ – Dreirad war gestern; „Der neue Sex-Knigge“ – ich kenn noch nicht mal den alten! „Endlich mehr Zeit“ – immer gut; „Entdeckt: Wie Sie mit Pasta abnehmen“ – wichtiger: Wie ich sie mit Pasta rumkrieg.



Letzteres lernt man in der rückwärtig aufgebundenen Gratis-Ausgabe der „Men’s Health Living“ – dem „Männermagazin für Ihr Zuhause“: „Simple Kniffe & Rezepte, die Frauen schwer beeindrucken“, „Lässiger Leben“ und „Die schönsten Grills ab 10 Euro“.

Nun geht's ans Eingemachte. Ich werde versuchen, so gut es geht nach den gefühlten 1000 Ratschlägen dieses Hamburger G'sundi-Magazins zu leben. Für die nächsten Wochen wird Men's Health meine Allround-Potenz-Bibel. Sobald es Fortschritte oder Veränderungen jeglicher Art zu berichten gibt, lesen Sie das an dieser Stelle!