Leben in der Wagenburg

Constance Frey

Immer wieder kommt es in Freiburg zu Konflikten zwischen Wagenburglern und der Stadt: auf Platzbesetzungen folgen Räumungen und mühsam erarbeitete Kompromisse. Und Ruhe. Zumindest für den Moment. Doch wie lebt es sich eigentlich in einer Wagenburg? Constance Frey hat Käthe und ihren Sohn Semyon besucht, die in einem Wagen auf dem Susi-Gelände im Vauban wohnen.



Außentemperatur: 15,9 Grad Celsius. Käthe sitzt mit ihrem fünfjährigen Sohn Semyon an einem weißen Tisch im Freien und isst ein Stück Pizza. Über den beiden weht der Wind durch die Baumkronen, alles ist grün, es riecht nach Frühling in Käthes Wohnzimmer. Wohnzimmer? Ganz recht, denn die 32-jährige lebt in einem rot angestrichenen Bauwagen mit Überbau, malerisch im Grünen gelegen auf dem Susi-Gelände im Vaubanviertel.


Wagenburgler wohnen das ganze Jahr über in einem umgebauten Bau- oder Zirkuswagen, manchmal sind es auch alte Armeelaster oder andere geräumige Gefährte, mit denen ihre Besitzer regelmäßig den Standort wechseln. Neben dem roten Bauwagen von Käthe stehen noch andere in weiß, gelb oder blau gestrichen. Ein schmaler Pfad führt an Büschen und Bäumen vorbei schlängelnd durch die kleine Siedlung.

Käthe will ihren Nachnamen nicht sagen, und das liegt an diesem Wägler-Leben. Oft sind Siedlungen wie im Vauban mehr geduldet als genehmigt. Auch wenn es auf dem Gelände seit Jahren eigentlich keine Probleme mit den Behörden gab, man weiß ja nie. Käthe will nichts riskieren, um diese friedliche Oase zu stören.

„Willst Du einen Tee?“ Die 32-Jährige verschwindet kurz im Wagen. Drinnen ist rechter Hand eine kleine Küche mit Herd und Kühlschrank und einer Sitzbank, linker Hand eine Schlafcouch. Zu Käthes Schlafzimmer geht es über eine Leiter hoch in den Überbau. Vom Bett aus kann man durch ein Dachfenster in den Himmel schauen, der zwischen den Baumkronen grau-blau leuchtet. Außen an den Wagen lehnen die Fahrräder der Bewohner, Holztreppen führen zu den Türen hinauf. Die Außenwände sind mit Spiegeln, gerahmten Bildern und anderen Gegenständen geschmückt.

Wagenburglerin ist Käthe schon seit 1999. In ihrem eigenen Wagen, einem dunkelroten Laster etwas weiter weg, lebt gerade ein Untermieter. Sie selbst hat den roten Bauwagen im September 2007 bezogen, im Juni zieht sie wieder zurück. Die 32-Jährige studiert Forst- und Umweltwissenschaft auf Bachelor und lebt von Hartz IV und Gelegenheitsjobs. Im Winter zum Beispiel hat sie Weihnachtsbäume verkauft. So kam die kleine Siedlung zum ersten Mal zu richtigen Weihnachtsbäumen.

Käthe brauchte nicht groß umzuziehen. Die meisten Gebrauchsgegenstände waren im roten Wagen schon da, nur ihre persönlichen Dinge hat sie mitgenommen, Kleidung und einige Bücher. Ansonsten findet im Wägler-Leben vieles außerhalb des Wagens statt. Waschmaschinen stehen im Keller der Susi-Häuser, ein geheiztes Badehaus mit Toilette, zwei Badewannen, Dusche und sogar einen Geschirrspüler nutzen die Wägler gemeinsam. Im Badehaus wäscht Käthe auch ab. Andere haben unter ihrem Wagen einen Eimer stehen, in dem sie das Abwaschwasser sammeln. Anschaffungen wie den Geschirrspüler besprechen die Wagenburgler und suchen einen Konsens – auch wenn ein neues Mitglied aufgenommen wird. Beiträge für Erbpacht, Nebenkosten, Wasser und Strom werden für jeden Wägler anteilig berechnet. Rund 100 Euro kostet der rote Bauwagen zum Beispiel im Monat.

Das Leben auf dem Areal, auf dem die Bewohner mit Strom und Wasser versorgt sind, ist im Vergleich zu anderen Wagenburgen richtiger Luxus, sagt Käthe. Aber Wägler sein ist für Käthe überall schön: „Wir leben mehr mit den Jahreszeiten.“ Und jetzt ist eindeutig Frühling.

Das bedeutet für die 32-Jährige, dass man das erste Mal im T-Shirt draußen sitzt, und es ein Lagerfeuer in der kleinen Siedlung gibt. „Das Licht verändert sich,“ sagt sie, „es wird in den Wagen heller.“ Mit dem Frühling kommen auch die Ausbesserungsarbeiten: Das Dach mit Wellpappe auskleiden, gebrochene Holzbretter auswechseln, die Dichtungen an Fenstern überprüfen, alle paar Jahre werden die Außenwände neu gestrichen. „Darüber kann man schon zum Profihandwerker werden“, sagt Käthe, „jeder hier ist mehr oder weniger fit mit Holzarbeiten. “



Ob Wägler wirklich zäher sind als Hausbewohner? „Ich pendele da zwischen den Theorien, dass Wägler die härteren Menschen sind oder aber total verweichlicht, weil es im Winter in den Wagen so warm ist“, sagt sie. Denn die Öfen in den Wagen bollern im Winter ordentlich, sagt Käthe, und legt die Hände über ihrem rundem Bauch zusammen. In zwei Monaten kommt das nächste Kind zu Welt, es wird laut Ultraschalluntersuchung ein Junge. „Aber eine ganz kleine Hoffnung habe ich noch, dass es ein Mädchen wird“, sagt sie.

Später, im Sommer, wenn es in den Wagen unter der Sonne manchmal sehr heiß wird, schläft Käthe auch bei offener Tür. „Da passiert nichts“, sagt sie.

Die Forst- und Umweltwissenschaftsstudentin pausiert gerade, weil die Prüfungen im Sommersemester alle um den Geburtstermin liegen. „Da will ich nicht auf die Prüfungen lernen, und dann nicht antreten können,“ sagt sie. Aber bis jetzt musste die 32-Jährige morgens um acht Uhr in der Universität sein. Davor kam Sohn Semyon in die Kita in Haus 37. Wenn das zweite Kind geboren ist, wird Käthe wohl ein bis zwei Urlaubssemester nehmen.

Semyon spielt gerade mit anderen Kindern ein Spiel, in dem Drachen und Geister und ein Trampolin vorkommen. Kalt ist dem Fünfjährigen offensichtlich nicht, Käthe muss ihn ermahnen, seine Schuhe wieder anzuziehen. Sie ist überzeugt, dass die Kinder durch die vielen Stunden im Freien gesünder aufwachsen. „Semyon ist nie krank und hatte noch keine Kinderkrankheit“, sagt sie. „Manchmal mach ich mir schon Sorgen.“

Bald wird ihr Freund zu ihr nach Freiburg ziehen, dann wird der Wohnraum wohl eng im dunkelroten Laster. Einen zusätzlichen Anhänger hat sie schon, aber der muss noch ausgebaut werden, und sie braucht die Genehmigung, ihn aufzustellen. Eigentlich wollte Käthe zu den Schattenparkern hinaus zum Eselswinkel ziehen. Aber da ist kein Platz mehr frei.

„Ich sage jetzt etwas unpopuläres, aber Freiburg braucht mehr Wagenplätze“, sagt sie und lacht.