Leben in der Patchwork-Familie: Einmal zusammenwürfeln, bitte!

Anna-Lena Zehendner

Wenn die Eltern sich trennen und neue Partner finden, bekommt man nicht nur ein neues Elternteil dazu, sondern auch neue Geschwister, neue Großeltern und einen ganzen Haufen Verwandtschaft: Eine Patchworkfamilie. Wie ist das eigentlich? Pablo, Jule und Janine haben Anna-Lena von ihren Erfahrungen berichtet.

Einmal im Jahr veranstaltet  Pablos Vater ein Hoffest. Das ist nicht die einzige Gelegenheit, bei der der 26-Jährige auf einen Teil seiner Großfamilie trifft. „Ich habe gleich zwei große Patchworkfamilien“, sagt Pablo Wölfle,  „sowohl der neue Mann von meiner Mutter, als auch die Partnerin von meinem Vater haben jeweils drei Kinder mit in die neue Beziehung gebracht.“ Pablo selbst hat zwei leibliche Schwestern.


Das Wort Patchwork stammt eigentlich aus der Textilbranche und bezeichnet einen Stoff, der aus vielen Stoff- oder Lederstücken zusammengesetzt ist. Erst in den 90er Jahren wurde dieser Begriff auch für Familienkonstellation verwendet, bei der mindestens ein Elternteil ein Kind aus einer früheren Beziehung in die neue Familie mitgebracht hat. Heute taucht er immer häufiger auf und gehört längst zum alltäglichen Sprachgebrauch. Schuld daran ist der Wandel der sozialen Strukturen. Die Scheidungsrate in Deutschland steigt seit Jahrzehnten fast kontinuierlich. Laut Statistischem Bundesamt wurden 2008 191948 Ehen geschieden. Darunter waren 150187 der betroffenen Kinder noch minderjährig.

„Meine Eltern haben sich getrennt, als ich 13 Jahre alt war“, sagt Pablo (Bild rechts). „Das war anfangs ein großer Schock für mich und meine Schwestern, die damals zehn und 16 Jahre alt waren. Man möchte als Kind schließlich, dass seine Eltern zusammenbleiben.“

Doch auch für Betroffene im Pubertätsalter ist die Situation nicht einfacher „In der Pubertät beginnt man sich langsam von den Eltern zu lösen“, erklärt Barbara Schnitzler-Siefert, analytische Kinder- und Jugendpsychotherapeutin. „Bei einer neuen Patchworkfamilie muss man genau das Gegenteil tun. Zumindest wird es so verlangt.“ Der Wechsel in eine Patchworkfamilie stellt die Beziehung zwischen Kindern und Eltern auf eine harte Belastungsprobe. Bis der neue Partner akzeptiert wird, braucht es oft Jahre und unzählige Diskussionen.

„Meine Schwestern und ich hatten große Probleme, die neue Freundin meines Vaters zu akzeptieren“, erinnert sich Pablo. „Sie war uns am Anfang einfach unsympathisch. Mein Vater hat damals in seiner Werkstatt direkt bei uns zu Hause gearbeitet. Wir haben daher immer mitbekommen, wenn sie ihn besuchen kam. Meine Mutter hat das bei ihrem neuen Partner irgendwie versteckter gemacht. Ihn haben wir schneller akzeptiert. Bei der Freundin von meinem Vater hat es Jahre gedauert. Wir haben uns ihr gegenüber lange zurückgezogen. Eigentlich funktioniert es erst seit etwa vier Jahren richtig gut.“

Pablo hat mit beiden seiner Patchworkfamilien unter einem Dach gewohnt. „Meine Schwestern und ich waren eine Woche bei Mama und dann wieder eine Woche bei Papa. Das Gute daran war, dass man immer flüchten konnte, wenn es in der einen Familie doch mal zu stressig wurde.“

Jule Nübling-Aragüas (Bild links) war erst fünf und ihr kleiner Bruder ein Jahr alt, als ihre Mutter ihren heutigen Mann kennenlernte. Er selbst brachte eine sechsjährige Tochter mit in die Beziehung. „Bei uns kam das Wort Patchworkfamilie nie vor“, sagt die heute 23-Jährige. „Wir sind einfach eine ganz normale Familie. Mir ist zwar bewusst, dass ich noch einen anderen Papa habe, aber für meinen Bruder war und ist unser Stiefvater die einzige Vaterfigur. Das einzige, woran man merken könnte, dass wir eine Patchworkfamilie sind, ist die Tatsache, dass ich meinen Stiefvater bei seinem Vornamen rufe und meine ältere Schwester meine Mutter ebenfalls beim Vornamen nennt.“

Jules Patchworkfamilie ist sogar noch weiter gewachsen. „Als ich zwölf war, ist meine Mama noch einmal schwanger geworden und ein Jahr später erneut mit Zwillingen.“

Zwillinge sind auch Janine Kapiks (Bild rechts) 20 Jahre alte leibliche Schwestern. Vor zwei Monaten haben die drei noch ein Schwesterchen bekommen. „Als meine Mutter mir vor fünf Jahren gesagt hat, dass sie wieder einen neuen Partner hat, war ich sehr froh darüber“, sagt die 24-Jährige.

„Ich hatte nämlich eher Angst davor, dass keiner mehr kommen wird und meine Mama alleine bleibt. Denn sie ist eigentlich nicht die typisch moderne Frau, sondern eher häuslich und schüchtern.“

Doch ganz typisch moderne Frau hatte sich Janines Mutter mit 45 Jahren dazu entschieden, mit ihrem neuen Partner noch einmal ein Kind zu bekommen. „Als meine Mama mir gesagt hat, dass sie schwanger ist, war ich erstmal ziemlich überrumpelt“, erzählt Janine. „Sie hatte vorher nie Andeutungen gemacht, dass sie mit ihrem neuen Mann noch einmal ein Kind möchte. Ich dachte immer, sie sei froh, dass endlich alle Kinder aus dem Haus sind.“ Zusammen mit ihren beiden Schwestern hat Janine ihre Mutter während der ganzen neun Monate unterstützt. „Anfangs war ich skeptisch, da eine Schwangerschaft in dem Alter durchaus riskant sein kann. Nachdem die kleine Marit im Juli gesund geboren wurde, waren wir alle   überglücklich.“

Dass die frisch gebackene Patchworkfamilie durchaus ihre Vorteile hat, davon ist Janine überzeugt. „Marits Geburt, aber schon die Schwangerschaft, hat uns alle viel mehr zusammengeschweißt. Wir sehen uns seither öfter. Meine Schwestern und ich wollen unsere Mutter weiterhin unterstützen und sind völlig vernarrt in unser kleines Schwesterchen.“

Auch Jule Nübling-Aragüas empfindet ihre Patchworkfamilie als großes Glück. Bis sie 20 Jahre alt war, hat sie mit allen unter einem Dach gelebt. „Wir sind eine Familie wie jede andere auch. Zumindest fühlt es sich für mich nicht anders an, und ich habe nie einen Nachteil darin gesehen. Im Gegenteil. Ich habe zum Beispiel viel mehr Großeltern.“ Einen Unterschied zwischen ihrem leiblichen Bruder und den Stiefgeschwistern hat sie nie gemacht. Viel zu intensiv hat sie dafür von klein auf mit allen zusammengelebt. Dass sich ihre Eltern getrennt haben, als sie noch ein Baby war, war für Jule nie ein großes Thema. „Natürlich ist es das allerschönste, wenn Eltern ein Leben lang zusammenbleiben. Aber ich denke, dass es für Kinder in erster Linie das Beste ist, wenn sie in einer liebevollen Umgebung aufwachsen.“

Und auch Pablo weiß mittlerweile die Vorteile seiner großen Patchworkfamilie zu schätzen. „Es ist nie langweilig und immer etwas los. Ich liebe das Gesellige, das eine so große Familie mit sich bringt. Mittlerweile könnte ich es mir gar nicht mehr anders vorstellen.“ Einen Unterschied macht er trotzdem zwischen seinen leiblichen und den dazugestoßenen Geschwistern. „Nur bei meinen beiden Schwestern habe ich tatsächlich dieses Geschwistergefühl. Bei den anderen Familienmitgliedern ist es eher eine enge Freundschaft und man nennt sich höchstens aus Spaß mal Bruder“, sagt Pablo. Er selbst hat noch keine genauen Vorstellungen von seinem eigenen Familienleben. „Ich nehm’s,  wie es kommt. Eine Patchworkfamilie plant man schließlich auch nicht.“

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