Leben im Kloster Sankt Lioba

Anita Reiter

Maris Stella (50) hat sich als Jugendliche für ein Leben als Ordensschwester entschieden. Statt Freund, Partys und Alkohol wählte sie Gelübde, Bibel und Gebet. Schwester Maris Stella erzählt von ihrem Leben als Ordensschwester und dem Alltag im Kloster St. Lioba in Günterstal.



Ein Kloster. Wer dabei an alte Gebäude denkt, die von einer hohen Mauer umgeben sind und abgeschieden in einem Wald liegen, kennt das Kloster St. Lioba noch nicht. St. Lioba liegt in Günterstal, nur wenige Straßenbahnminuten von der Freiburger Innenstadt entfernt. Schon von der Haltestelle „Wiesenweg“ aus sind die gelben Gebäude des Klosters zu sehen. Diese liegen praktisch mitten in einem Wohngebiet, das von fast villenähnlichen Häusern mit großen, am Hang gelegenen Grundstücken geprägt ist.


Selbst an der Einfahrt zum Kloster sind der Autoverkehr und die Straßenbahn noch immer zu hören und so erscheint St. Lioba erst einmal nicht als das, was man gemeinhin mit Klöstern verbindet: Ein Ort der Ruhe und Stille, an dem man vom hektischen Alltag so weit wie möglich entfernt ist.



Die Gebäude des Klosters waren ursprünglich die toskanische Villa der Familie Wohlgemuth. 1927 machten „die Benediktinerinnen von der heiligen Lioba in Freiburg“ die Villa zu ihrem Mutterhaus. 1920 war der Orden gegründet worden und 1927 erhielten die Gründungsschwestern um Schwester Maria Benedicta Föhrenbach die Errichtungsurkunde, mit der der Orden fortan offiziell anerkannt war. Die heilige Lioba wurde als Ordenspatronin gewählt. Sie wurde in Tauberbischofsheim geboren und war im 8. Jahrhundert die Wegbegleiterin des heiligen Bonifatius, des „Apostels der Deutschen“.



Schon im Kindesalter wurde Lioba von ihren Eltern in eine Klosterschule geschickt, was ihren späteren Lebensweg vorzeichnete. Damit unterscheidet sich Liobas Lebensanfang grundlegend von dem von Schwester Maris Stella. Maris Stella ist heute eine der Ordensfrauen von St. Lioba und stammt aus einem Elternhaus, das mit Religion nicht viel am Hut hatte. Und so bezeichnet sie ihren Weg zur Ordensfrau als einen Prozess, in dessen Zuge sie an einem Punkt gemerkt habe: „Das ist mein Weg.“

Geboren wurde Maris Stella in Düsseldorf, von wo ihre Familie in ein kleines Dorf am Niederrhein zog. „Die katholische Gemeinde war die einzige Möglichkeit, um als Zugezogene im Dorf Anschluss zu finden“, erinnert sich Maris Stella. Da Religion und Kirche in ihrem bisherigen Leben keine Rolle gespielt hatten, war das Gemeindeleben für sie etwas völlig Neues.



„Manchmal, auch später im Kloster, dachte ich mir schon: ‚Was ist das denn jetzt?’“ Und dennoch wurde Maris Stella im Alter von 16 Jahren Pfarrjugendleiterin. Bei diesen ersten Schritten in der Welt des Glaubens und der Religion wurde sie vom damaligen Pfarrer der Gemeinde begleitet. Eines Tages nahm er Maris Stella zur Seite und sagte ihr, Kirche sei kein Theater. Kirche sei mehr, es gehe um eine Beziehung zu Gott. Diese Worte hatten Eindruck auf die damals 16-Jährige gemacht. In der folgenden Adventszeit bot der über 80-jährige Pfarrer einen Glaubenskurs an. „Das war für mich ein erster echter Bezug zum Glauben“, sagt Maris Stella heute.

Maris Stella entschloss sich zu einer Ausbildung als Erzieherin. Sie zog nach Konstanz, um dort ein Praktikum in einem Heim für Mütter in Konfliktsituationen und deren Kinder zu machen. Das Heim wurde von Lioba-Schwestern geleitet, was Maris Stellas erster Kontakt zu den Ordensschwestern war.

Rückblickend sagt sie: „Die Arbeit mit den Müttern, die teilweise jünger als ich und drogenabhängig oder kriminell waren, war schwierig und herausfordernd. Aber ich habe die Arbeit gerne gemacht und konnte mir das als Lebensweg vorstellen.“ Bald verbrachte Maris Stella eine Art Schnupperwochenende im Kloster St. Lioba und ihre erste Reaktion auf diese Erfahrung sei gewesen: „Niemals!“ Und dennoch habe es sie nicht losgelassen. Eineinhalb Jahre später kehrte sie nach St. Lioba zurück. Und diesmal, um es mit den Worten eines bekannten Liedes zu sagen, war sie gekommen, um zu bleiben.



Maris Stella beschreibt den langen Weg zur Ordensschwester, den der heilige Benedikt als „Weg des Hineinkommens“ vorgegeben hat: Im ersten Jahr findet die Kandidatur statt. Man arbeitet und lebt im Kloster mit, wobei ein gegenseitiges Kennenlernen stattfindet. „Man kann aber jeden Tag wieder gehen“, erklärt Maris Stella. Nach diesem ersten Jahr folgt die Bitte um die Aufnahme ins Noviziat. Wird dieser Bitte nachgekommen, erhält die angehende Ordensschwester ihre Schwesternkleidung und legt ihren bürgerlichen Namen oft ab. Auch Maris Stella hat sich bewusst für ihren Namen entschieden. Übersetzt bedeuten die zwei Worte „Meeresstern“. Dies wird auf Maria bezogen, die als Stern im Lebensmeer bezeichnet wird. „Gott oder mein Glaube ist für mich der Stern im Lebensmeer, dem ich folge“, sagt Maris Stella.



In den nächsten beiden Jahren folgen das innere Noviziat und das äußere Noviziat. Das erstere ist eine besonders herausfordernde Zeit, da man während des inneren Noviziats nur im Kloster lebt und alle Außenkontakte und die Berufstätigkeit weitgehend abbricht.

Während des äußeren Noviziats werden die Außenkontakte wieder aufgenommen, „wobei man schauen muss, ob es einem gelingt, die Außenwelt und das Leben im Kloster gut miteinander zu vereinbaren“, sagt Schwester Maris Stella. Nach dieser Zeit folgt die Profess, die man immer wieder wiederholt. Es ist das Versprechen, nach allen Gelübden und Ordensregeln zu leben. Nach insgesamt neun Jahren ist es dann endlich geschafft: Man wird zur Ordensschwester.



Als sich Schwester Maris Stella mit 22 Jahren zu diesem Weg entschloss, sind die Reaktionen ihres Umfeldes sehr verschieden gewesen. Ihre Eltern, denen Religiosität eher fremd war, konnten nicht viel damit anfangen. Andere haben sie ermutigt. „Mein Bruder“, sagt Maris Stella schmunzelnd, „hat ganz lapidar gesagt: ‚Wieso? Ich hab meine Freundin und meine Schwester hat diesen Weg’.“ Maris Stellas beste Freundin hat besonders viel Anteil genommen. „Wir sind unseren Weg parallel gegangen. Sie hat geheiratet und Kinder bekommen und ich bin Ordensschwester geworden. Ich habe sie begleitet und sie mich“, sagt Maris Stella.



Vor einigen Jahren ist ihre Freundin an Krebs gestorben. Maris Stella nimmt dies zum Anlass, um über ihren Glauben, ihren Lebensweg und Zweifel zu sprechen: „Ich hatte nie das Gefühl, dass ich mich geirrt habe. Ich würde eher von Situationen sprechen, die herausfordernd waren, zum Beispiel, als ich meine Freundin während ihrer Krankheit begleitet habe. Es waren aber keine Zweifel da.“

Schließlich gebe es immer Höhen und Tiefen, in jedem Leben. Überhaupt möchte sie keinen Tag ihres bisherigen Lebens missen, obwohl sie sich ihr Leben in jungen Jahren anders vorgestellt hat: „Als Jugendliche habe ich mir eine Familie mit vielen Kindern gewünscht. Man verzichtet also schon auf einiges und diesen Verzicht spürt man auch“, erklärt Schwester Maris Stella. Sie habe zwar keine leiblichen Kinder, sagt sie, aber viele geistige Kinder. „Durch meine Arbeit bin ich für einige eine Mutter, eine Schwester oder eine Freundin gewesen. Und dann ist es so, als ob man ein eigenes Kind ins Leben begleitet hätte.“



Auf die Frage, welche Bedeutung der Glaube für sie habe, legt Maris Stella eine lange Denkpause ein. Nicht, so scheint es, weil sie darauf nur schwerlich eine Antwort findet, sondern weil sie nach Worten sucht, die ihre Gefühle auf den Punkt bringen: „Ich denke, dass wir bedingungslos geliebte Kinder Gottes sind. Jeder hat eine ganz persönliche Berufung. Unsere Aufgabe ist es, diese zu entdecken und danach zu leben. Gott liebt mich bedingungslos und gibt mir in meinem Leben Antworten.“

Für manchen Außenstehenden erscheint das Klosterleben vielleicht isoliert und fast als ein Leben in einer eigenen Welt. Schwester Maris Stella sieht aber keine Unterschiede zwischen dem Leben im Kloster und außerhalb dieses Hauses. „Als Mitglied einer Familie unterscheidet man ja auch nicht zwischen einem Leben drinnen und einem separaten Leben draußen“, vergleicht sie. Immer wieder kommen Einzelne oder Gruppen ins Kloster, um dort ein paar Tage zu verbringen. Für diese sei das Leben im Kloster sicherlich neu und fremd. „So mancher fragt sich zwar: ‚Wäre das auch was für mich?’ Die meisten empfinden das Klosterleben aber doch als zu streng oder sie können sich ein Leben ohne ihren Partner nicht vorstellen“, sagt Maris Stella.



Menschen, die für eine gewisse Zeit ins Kloster kommen, suchen Beratungen und Begleitung. Oft kommen sie in Zeiten, in denen sich ihr Leben in einem Umbruch befindet oder in einer Krise steckt. Dann sind sie in St. Lioba auf der Suche nach Stille und Ruhe und nach einem Sinn und einem Weg. Wobei Maris Stella „Sinn“ und „Weg“ als Synonyme für Gott ansieht.

Maris Stella und ihre Mitschwestern setzen sich mit solchen Menschen zusammen und sprechen mit ihnen. „Wir schauen uns die Bibel an und fragen uns: ‚Was hat das mit meinem Leben zu tun?’“, sagt Maris Stella. Sie bezeichnet die Bibel als Erfahrungsbuch. Es gebe keine Erfahrung im Leben, die nicht in der Bibel erwähnt sei. „Es geht darum, Zeit zu haben, zuzuhören und mit den Menschen zu sprechen.“ Manchen helfe schon die Distanz zum Alltag, denn mit einigem Abstand würden sich manche Dinge fast von allein ordnen.

Auch der sehr strukturierte Alltag im Kloster könne helfen und als Halt dienen. Werktage beginnen bereits um 6.15 Uhr mit dem Morgenlob. Nach einem Frühstück und Meditation findet um 7.45 Uhr die heilige Messe statt. Anschließend folgt bis Mittag die erste Arbeitszeit des Tages. Das Kloster St. Lioba folgt nämlich dem Grundsatz „ora et labora“, der Verbindung von Gebet und Arbeit. Arbeit kann für eine Ordensschwester Arbeit in Haus und Hof bedeuten, Arbeit in einem Kindergarten oder in einer Pfarrei, Glaubensbegleitung oder schlichte Verwaltungsarbeit im Kloster. Die Ordensschwestern leben in einer Gütergemeinschaft. Die Gehälter kommen also auf ein Gemeinschaftskonto, mit dem der Alltag im Kloster bezahlt wird.

Jede Ordensschwester hat eine abgeschlossene Berufsausbildung und arbeitet ihren Fähigkeiten entsprechend.

Um 12.05 Uhr finden das Mittagsgebet und das Mittagessen statt. Nach einer Pause folgt am Nachmittag die zweite Arbeitszeit des Tages. Um 18.45 Uhr schließen Abendlob, Abendessen und die Schweigenszeit den Tag ab.



Auch Jugendliche finden den Weg nach St. Lioba. Dies sei immer mehr der Fall. Diese kommen oft erst einmal in der Gruppe, zum Beispiel im Rahmen der Schule, um sich anschließend noch einmal alleine ins Kloster aufzumachen. In St. Lioba können Jugendliche ab 16 Jahren beraten werden. Auch in anderen Altersklassen kommen immer öfter Menschen für ein paar Tage nach St. Lioba. Schwester Maris Stella spricht von einem immer größer werdenden Mut, der die Menschen ins Kloster führt. „Die Menschen sind heute offener und vorurteilsfreier, wenn sie hierher kommen. Früher gab es sehr viele Klischees“, sagt Maris Stella.

Ein Gang über das große, jedoch überschaubare Klostergelände zeigt schöne, südländische Gebäude mit gepflegten Gartenanlagen. Selbst die karge Winterzeit lässt erahnen, wie schön es hier im Sommer aussehen muss. St. Lioba ist für seinen großen Kräutergarten bekannt, der neben dem Haupthaus liegt. Im Klosterladen kann man Kräutertees und anderes erstehen.



Im Haus St. Benedikt, in dem Schwester Maris Stella arbeitet, befinden sich kleine Konferenzräume und Flure, auf denen man sich wie im Hotel fühlt, da sich hier die Gästezimmer befinden. Die Flure sind eher dunkel und am Ende eines jeden Ganges befindet sich eine Jesusstatue oder Ähnliches.

Selbst eine Pflegeabteilung gibt es auf dem Klostergelände, in der pflegebedürftige Ordensschwestern betreut werden. Im Haupthaus der ehemaligen Villa Wohlgemuth befindet sich das Oratorium des Klosters, das in einer Art Halle liegt. Wann immer Schwester Maris Stella am Altar vorbeigeht, verneigt sie sich kurz. Ein paar Ordensschwestern sitzen auf Holzbänken, wie man sie von Kirchen kennt. Sie lesen und beten und man fängt automatisch an, zu flüstern. Da es nur hoch oben ein paar Fenster gibt, ist es hier auf wohlige Art düster. Und obwohl man die Haltestelle der Straßenbahnlinie Zwei und die Straße Richtung Innenstadt sogar sehen kann, wenn man vor das Haupthaus tritt, kann man die Ruhe und den Abstand zum Alltag spätestens hier spüren. Man beginnt zu verstehen, warum so mancher hierher kommt.

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