Leben für die Kunst: Der Musiker Nicolas Sturm

Julia Mungenast

Warum entscheiden sich junge Menschen dazu, für die Kunst zu leben? Welche Ziele, Ideale und Ängste haben sie dabei? In unserer neuen Reihe "Leben für die Kunst" stellt fudder-Autorin Julia junge Künstler vor und stellt ihnen genau diese Fragen. In der ersten Folge: den Musiker Nicolas Sturm. Er hat in Freiburg studiert und wohnt jetzt in Karlsruhe.



Wenn Nicolas mit seiner Mutter über seine Zukunft sprach, hat sich das vielleicht so angehört:

Mama, mein Studium hat mir schon irgendwie Spaß gemacht.

- Kind, was soll nur aus dir werden?
Ich habe studiert, weil es mich interessiert hat.
- Wir machen uns große Sorgen um dich.
Ich weiß nichts beruflich damit anzufangen.
- Du bist nicht so jung wie du denkst. Wann fängst du an, etwas Richtiges zu machen?
Ich möchte mit etwas Geld verdienen, das mich auch zufrieden macht.
- Du musst doch verstehen, dass wir dich nicht ewig finanziell unterstützen können. Du musst endlich erwachsen werden.

 

Es soll klappen mit der Musik

Nicolas Sturm hat sich entschieden. Der Frankfurter hat Englisch in Freiburg studiert. Er hat studiert, weil man das eben so macht, weil man dann im Notfall immerhin ein Studium beendet hat, falls es nicht klappen sollte. Aber es soll klappen – mit seiner Musik.
Nicolas Sturm ist Musiker. Er möchte immer Musik machen, weil er sie machen muss.

Hier gerät der junge Mann aus Frankfurt direkt in die Fänge der elterlichen Sorgen: Nicolas hat den Mut aufgebracht in Eigenregie sein Debütalbum aufzunehmen. Er hat viel Zeit und Mühe in Text, Musik und Aufnahme gesteckt. Er hat es getan, auch wenn er nicht weiß, ob seine Musik gehört werden wird.  

Sie meinen es bloß gut!

 
Es sind diese elterlichen Belehrungen, die sie uns im Endlosmodus predigen, die unsere Unsicherheit, Wut und Angst steigern. Jeder erreicht in seinem Leben den Punkt, an dem er sich fragt: Was soll ich aus meinem Leben machen? Was möchte ich werden? Welche Entscheidung ist die Richtige für mich?

In diesem Zusammenhang muss man einfach verstehen, dass eine liebende Mutter beruhigter schlafen wird, wenn der Sohnemann Arzt werden möchte oder eine Lehre als Elektroniker anstrebt: Welch ein Segen, unser Kind will kein Künstler sein!

Diese besorgten Eltern haben viel richtig gemacht: Haben zum Beispiel nach der Schule, der Lehre, dem Studium eine Arbeitsstelle gesucht, die monatlich garantiert, dass das Konto gedeckt ist. Diese Eltern haben sich schnell zurechtgefunden in ihrem täglichen Arbeitsalltag. Diese Eltern hatten vielleicht irgendwann mal den Wunsch Sänger, Schauspieler, Maler zu sein, doch sie waren vernünftig genug und haben sich besser entschieden. Diese Eltern meinen es bloß gut.  

Wohin soll das alles noch führen?

Gitarre spielen, später auch der Gesang läuft bei Nicolas Sturm lange Zeit im Hintergrund ab. Nach der Schule mit Freunden, in der selbst gegründeten Band, während des Studiums mit anderen Laienmusikern, die träumen von ihrer Musik irgendwann leben zu können.

„Aber Musik machen, weil man davon leben will, ist bescheuert. Man macht Musik, weil man nicht anders kann und dann davon leben zu können, wäre toll.“
Der junge Musiker hat im Juli diesen Jahres den „Panikpreis“ gewonnen. Die Udo-Lindenberg-Stiftung sucht „individuelle Typen und Künstler, die etwas zu sagen haben, ihre Eigenständigkeit nicht verstecken“. Mit Nicolas Sturm hat die Stiftung einen solchen Typus für 2012 ausfindig gemacht.
Die Zeit zwischen Studium, Panikpreis und erstem Album ist entbehrlich gewesen: „Jahrelang sah es nicht sehr gut aus, und nicht so, als ob je etwas Gutes aus meiner Musik wird.“

Auch fiel mit dem Ende des Studiums ein Puffer weg: Die Schule und das Studium stellen Konstanten dar, die immer das beruhigende Gefühl einen Plan B zu haben, aufrecht erhalten. Nicolas macht jetzt zum ersten Mal nur Musik. Er hat keine Lust auf einen Plan B. Nicolas hasst Prüfungen, hasst Bewerbungen und hat ohnehin keinen Bock sich für irgendwas zu bewerben. Nicolas will Musik machen.

In der Zeit in der er nicht weiß, wohin das Projekt „Musik machen“ laufen wird, in der alles unklar ist, beschließt er keine Kompromisse mehr zu machen. Denn dann ist alle bisherige Arbeit umsonst gewesen. Dann kann er auch einen anderen Job annehmen und so sein Geld verdienen.

Nach dem Gedanken „Ich probiere es jetzt einfach mal aus“ und mit dem fertigen Studium kommt Nicolas an einen Punkt, an dem trotzdem für ihn die Frage aufkommt: Soll ich das überhaupt weitermachen? Ist es nicht total verrückt? Sicher ist irgendwann die Chance geringer in ein Berufsleben einzusteigen, dass Abschlüsse, Motivation und Erfahrung wertschätzt. Die elterlichen Stimmen raten: Sei nicht verblendet. Sei nicht verbohrt. Du musst langsam mal erwachsen werden.

"Ich erwarte von mir, dass ich weiter mache, denn ich habe das Gefühl, dass ich Musik machen muss. Ich bin unausstehlich, wenn ich keine machen darf.“



Er hat musikalisch viel ausprobiert, um für sich festzustellen: So fühle ich mich wohl. Zufrieden ist er deshalb noch nicht. Er bleibt sich selbst der härteste Kritiker: Wenn er Platten von Musikern hört, die er bewundert, wird ihm klar, wie weit er noch von diesem Erfolg entfernt ist.

Nicolas hat sich entschieden. Er hofft, dass er und seine Musik sich immer weiter entwickeln können. Wenn er die Möglichkeit bekommt, ein zweites Album zu machen, möchte er vieles anders machen. Zukunftspläne schmiedet er dabei nicht: „Hohe Ziele sind gefährlich. Ich bin schon mit den kleinen Schritten überfordert. Ich bereue nichts und bin zuversichtlich, dass es immer irgendwie weiter geht.“

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