Leben auf der Straße: Immer mehr Jugendliche haben keinen Wohnsitz

Simone Lutz

In Freiburg leben immer mehr Jugendliche und junge Erwachsene auf der Straße, inzwischen sind es mehr als 240. Bezahlbare Wohnungen fehlen. Ihnen wollen Fachleute jetzt mit einem neuen Konzept helfen.



Woran es besonders hakt: Die meisten der jungen Leute bräuchten "nur" eine bezahlbare Wohnung, um ihren Alltag zu meistern – doch solche Wohnungen gibt es kaum. Warum leben Jugendliche eigentlich auf der Straße? Weil es scheinbar besser ist als bei den Eltern daheim.


Magdalena Wolf von der Hilfsorganisation Freiburger Straßenschule kennt immer mehr solcher Fälle: Minderjährige mit einem Elternhaus, in dem das Zusammenleben nicht funktioniert, weil die Eltern suchtkrank sind, gewalttätig oder psychisch krank. Die Jugendlichen flüchten, kommen erstmal bei Freunden unter, schlafen im Sommer auf der Straße, rutschen ab. Von Erwachsenen, von Hilfe oder von Behörden wollen viele nichts wissen.

"Da ist man ratlos", sagt Magdalena Wolf. Um das Problem in den Griff zu bekommen, haben sich die zuständigen städtischen Ämter mit der Freiburger Straßenschule, der Jugendberatung und dem Diakonieverein zusammengesetzt, also den Praktikern vor Ort. Gemeinsam haben sie alles aufgedröselt: Wie viele solcher jungen Leute es gibt, wer ihnen hilft, was noch getan werden sollte.

Dabei kam heraus, dass es mit Stichtag 1. Juli vergangenen Jahres 243 wohnungslose Menschen unter 25 Jahren in der Stadt gab – plus Dunkelziffer. Bei etwa 150 von ihnen ist nach Einschätzung des Amtes für Wohnraumversorgung die fehlende Wohnung das drängendste Problem. Hätten sie eine, würden sie auch durch den Alltag kommen. Ohne Wohnung ist jedoch der Einstieg in Arbeit und Ausbildung in Gefahr. "Tragisch ist das", sagt Marianne Haardt, Leiterin des Amtes für Kinder, Jugend und Familie. "Mit der Wohnungsnot schaffen wir uns weitere Probleme selber."

Wirklich lösen kann man dieses Problem kaum. "Wir gehen dazu über, selbst Wohnungen anzumieten und sie an die jungen Leute unterzuvermieten", sagt Magdalena Wolf. Die Freiburger Straßenschule gehört zum SOS-Kinderdorf Schwarzwald, die Miete ist also garantiert. Leicht wird es trotzdem nicht werden, eine Wohnung zu finden. Im Kommunalen Handlungsprogramm Wohnen hat der Gemeinderat deshalb diese Personengruppe berücksichtigt. So sollen künftig frei werdende Wohnungen des städtischen Wohnungsunternehmens Stadtbau saniert und an "Personen mit besonderen Bedarfen", also auch an junge wohnungslose Menschen vergeben werden.

Darüber hinaus brauchen die entwurzelten jungen Leute einzeln Beratung und Unterstützung. Bei der Straßenschule etwa gehen die vier Streetworker mit ihnen zu Ämtern oder Vermietern. "Vor allem signalisieren wir ihnen: Du kannst etwas, du bist etwas wert", so Wolf.

Bei der Analyse der Situation waren sich die Fachleute einig: Freiburg braucht keine neue Einrichtung. Aber: Die bestehenden Angebote müssen vergrößert werden. So sollen Straßenschule und Diakonieverein mehr Stunden finanziert bekommen. Die Verwaltung rechnet mit permanent fünf bis zehn Fällen für betreutes Wohnen mit sozialpädagogischer Einzelbetreuung sowie weitere zehn Fälle, in denen Fachleute die Eltern minderjähriger Wohnsitzloser unterstützen. Im Kinder- und Jugendhilfeausschuss stieß das Konzept bereits aus einhellige Zustimmung, wenn es im Sozialausschuss ebenso gut ankommt, wird es umgesetzt.

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[Foto: Ingo Schneider]