Le Gipfel: Warten statt Weihnachtsmarkt

Friederike Günter

Auf dem Rathausplatz versuchten einige dutzend Schaulustige, zwischen genervten Anwohnern und gestressten Journalisten einen Blick auf die anwesenden Politiker zu erhaschen. Viel Warten auf ... Regenschirme.

Um halb Eins ist in der Rathausgasse, Ecke Brunnenstraße, kein Duchkommen mehr. Absperrgitter versperren den Weg und dahinter stehen einige Polizisten und ein Einsatzwagen. Wer zum Weihnachtsmarkt will, hat Pech. Ein Chemiestudent steht fassungslos vor den Absperrungen. „Und wie komme ich jetzt zum Institutsviertel? Da hinten ist die ganze Straße gesperrt“, fragt er einen Bereitschaftspolizisten und zeigt vage Richtung Rotteckring. Der Polizist überlegt kurz. „Sicher kommen sie auch woanders durch.“ Der Student schüttelt mit dem Kopf und der Polizist zuckt mit den Schultern. „Ich komme aus Rheinland-Pfalz“, sagt er dann. Das war es dann wohl mit der Vorlesung.


Eine Frau ist ebenso entrüstet. „Wie soll ich in die Stadt kommen?“ Eine Gruppe junger Frauen fragt, ob denn der ganze Weihnachtsmarkt gesperrt ist. „Nein, soweit ich weiß nicht, aber hier können sie nicht durch“, erklärt der freundliche Mann in Uniform weiterhin geduldig. Für die meisten ist hier jedoch Endstation. Wer sich als Journalist ausweisen kann, darf nach kurzer Überprüfung durch.

Auf dem Weihnachtsmarkt ist erstaunlich viel los. Die vielen Absperrungen und Umleitungen schrecken viele doch nicht ab. Einige Dutzend stehen dicht gedrängt vor den Metallgittern, die um das Rathaus aufgestellt worden sind. Dahinter stehen vereinzelt Polizisten und sehen relativ entspannt aus. Sonst ist hier nichts zu sehen. Beim Gang über dem Weihnachtsmarkt fallen drei Arten von Gästen auf: Neugierige Touristen, genervte Freiburger und gestresste Journalisten.

Letztere laufen hektisch zwischen den engen Gängen und scheinen gar nicht zu wissen, in welche Richtung sie zuerst springen sollen. Hinter mir flucht jemand. „Unglaublich“, höre ich in unverkennbar Freiburger Dialekt jemand rufen, während er sich an einer lachenden Menge vorbeischiebt. Das Gelächter kommt meist von den Glühweinständen direkt vor den Absperrungen. Hin und wieder schauen alle in Richtung Rathauseingang. Ich fühle mich zu meinem Aufenthalt in London zurückversetzt. Da gab es solche wartenden Mengen auch, aber damals auf Orlando Bloom oder Johnny Depp. Politiker als Popstars, dieses Konzept kannte ich bis jetzt noch nicht.

„Sind sie von der Presse?“, fragt mich ein etwas ungepflegt wirkender Mann plötzlich, als er meine Kamera sieht. „Wissen sie, wo die genau rauskommen?“, fragt er dann weiter. Sichtlich enttäuscht nimmt er dann mein 'Nein' auf. Seinen Namen will er mir nicht nennen. Dass er von der Aktion Kontrollverlust ist, sagt er mir dann doch noch. Ich schlendere weiter über den Markt. Plötzlich schrillt eine Trillerpfeife und jemand ruft „Sarkozy, Faschist!“

Jetzt kommt Bewegung in die Menge und ein Polizist zerrt jemanden vom Absperrgitter Richtung Universitätskirche, im Schwitzkasten. Es ist der etwas ungepflegt wirkende Mann, der mich vorhin angesprochen hat. Alle Schreie, ihn loszulassen, bleiben ungehört. Stattdessen stürzen sich mehrere Männer in Zivil auf ihn. Diese standen bis dahin äußerst unverdächtig in der Menge und tragen lustigerweise alle Jeans, Multifunktionsjacken und häufig eine Gürteltasche. „Selbst Schuld,“ ruft jemand von den Glühweinständen. “Man trillert auch nicht bei einem Staatsempfang.“ Hinter den Ständen an der Universitätskirche stehen bald mehrere Männer mit gespreizten Beinen und Armen über dem Kopf an der Wand. Darunter auch mein Freund von Kontrollverlust, der sich wohl so lautstark über Sarkozy beschwert hat. Sie werden dann alle in Handschellen abgeführt.

Ich wende mich wieder dem Rathaus zu. Jetzt stehen adrette Männer in Galauniform davor. Zwei Schweizerinnen unterhalten sich hinter mir mit der Glühweinverkäuferin. „Normalerweise habe ich hier schon einige Kunden um die Zeit, aber so kommen nur die, die sich hierher verirrt haben“, sagt diese sichtlich verärgert. Den Schweizerinnen gefällt's. Sie sind nur zufällig hier und freuen sich über den ungewöhnlichen Besuch. Auch französische Schüler sind jetzt unterwegs. Die Armen müssen doch tatsächlich eine der so unbeliebten Stadtrallys durch diesen Irrgarten aus Sperrzäunen und Umleitungen machen. Sie nehmen es mit französischer Gelassenheit und fragen mich, wie man Holzschnitzerei buchstabiert.

Irgendwann tauchen auch Merkel und Sarkozy dann tatsächlich auf. „Sie haben Regenschirme“, flüstert jemand aufgeregt. Es wird ganz still. Die Bundeskanzlerin und der Staatspräsident laufen Richtung Turmstraße. Dann plötzlich winkt Angela Merkel einmal Richtung Menge, dann tut Nicolas Sarkozy es ihr gleich. Begeistert wird zurückgewunken und für gefühlte zehn Sekunden gejubelt. Das war es dann schon. Popstars sind dann doch was anderes.

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