Le Gipfel: "Carmen Go Home?"-Lesung des Stadttheaters

Friederike Günter

Gestern hatte das Stadttheater verkündet, die Lesung "Carmen go home?" heute um elf zu veranstalten. Doch da hatte es die Rechnung ohne die Stadt Freiburg, BKA und das Bundespresseamt gemacht. Stattdessen mussten sie kurzfristig auf das Goethe-Institut ausweichen.

Kurz vor 11 Uhr, Bühneneingang des Theaters. Eigentlich soll hier die Lesung "Carmen go home?" stattfinden. Stattdessen werde ich von fünf netten Menschen empfangen. Alle sind gut gelaunt, trotz Schnee und Kälte. Ein Schild vor dem Eingang verweist auf die Veranstaltung. Diese lief regulär 2009 im Spielplan des Theater Freiburgs und es wurden die Erlebnisse von Freiburger Roma-Flüchtlingen vorgelesen.


Dass es ausgerechnet heute eine Zusatzveranstaltung gibt, ist natürlich kein Zufall. Nein, "aus aktuellem Anlass", wie die Pressestelle des Theaters gestern bekannt gegeben hatte, sollte die Lesung anstatt des abgesagten Kinderstücks "Hänsel und Gretel" heute im Stadttheater aufgeführt werden. Nur findet sie eben nicht im Stadttheater statt, wie mir die netten Damen und Herren gleich erklären. "Wegen Sicherheitsgründen", wie mir alle mit Augenrollen erklären. "Es wurde ins Goethe-Institut verlegt", heißt es dann weiter. Aja. Ist ja interessant.

Eine halbe Stunde später sind die Klappstühle imFoyer des Goethe-Instituts fast alle besetzt, ein paar Leute stehen an der Wand zum Ausgang. Ein Weihnachstbaum steht etwas vertrocknet rechts, dahinter wurde die Band plaziert. In der Mitte stehen zwei abgenutzte Tische, hinter denen vier Schauspieler Platz nehmen. Es herrscht familiäre Stimmung. Es gibt ein "Hallo!" hier und ein "Wie geht’s dir?“ dort. Ich setze mich neben den Weihnachtsbaum. Vor mir nimmt eine Dame mit rotem Mantel und "Atomkraft – nein Danke!"-Button Platz. Überhaupt ist das Publikum eher alternativ intellektuell. Es werden wissenschaftliche Abhandlungen über Opern gelesen und man kauft augenscheinlich gerne bei Waschbär ein. Ob Sarkozy und Merkel sich hier wohl fühlen würden?

Als die Türen zu den Klassenräumen aufgehen und sich unter die vielen Sprachen orientalische Klänge mischen, verstärken sich die Zweifel. Neben mir steht ein junger Mann mit einem Langenscheidt Arabisch im Arm, der das seltsame Treiben im Foyer etwas verwirrt beobachtet. Hinter ihm stehen drei Frauen mit Kopftuch. Nein, das wäre sicher nicht Angelas und Nicolas Veranstaltung. Wohl auch deswegen die Verbannung weit weg von den Staatsleuten.

Intendantin Barbara Mundel klärt die Besucher über die Änderung des Spielplans auf. "Es hat sich in der Nacht angekündigt, dass wir wohl nicht wie geplant im Theater auftreten können", sagt sie. Sie hatte sich mit Vertretern des Bundespresseamts, BKA und Stadt getroffen. "Ich wurde gefragt, ob ich für die Sicherheit der Veranstaltung garantieren könnte", erklärt sie. "Und das konnte ich natürlich nicht." Schließlich drohte das Bundespresseamt damit, die geplante Pressekonferenz im Stadttheater abzusagen, sollte diese Lesung stattfinden. Das wollte dann die Stadt wohl nicht und verbannte die Theaterleute kurzerhand aus ihrem Haus. "Wir sind dem Goethe-Institut für diese kurzfristige Bereitstellung sehr dankbar", sagt Mundel.

Nach einer kurzen Einführung in die Lesung und Thematik legt die Band los. Und wie. Der Trompeter der Band steht auf und wackelt mit den Hüften im Takt, der Schlagzeuger schreit Jubelschreie dazwischen und auch die restlichen Musiker sind richtig in Fahrt. Vielleicht hätte man Sarkozy mit diesen Klängen, anstatt steifer Militärblasmusik empfangen sollen, um vom düsteren Wetter abzulenken? Und dann hätte sich der französische Staatspräsident auch gleich bei der Lesung informieren können. Es sind bewegende Berichte von Roma-Flüchtlingen, die von ihrer Flucht aus Albanien und Kosovo erzählen, ihren Ängsten vor Abschiebung und ihren Hoffnungen ihr Leben auch zukünftig in Deutschland verbringen zu können.

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