Laut und Lyrik 2018: Die Sprechtheatergruppe beschäftigt sich mit Heldinnen und Helden

Theresa Ogando

Maya Rollberg ist 21 Jahre alt und seit diesem Jahr bei der Sprechtheatergruppe Laut und Lyrik dabei. Im Interview erzählt sie, warum sich das neue Programm "Wer wagt es?" um Helden dreht und wie ihre Beziehung zu Helden ist.

Laut und Lyrik gibt es schon seit 18 Jahren. Worum geht es bei dem diesjährigen Programm?

Der Name des Programms lautet "Wer wagt es?". Wir stellen die Frage: Was sind Helden und wie können wir ihnen begegnen? Gerade in Deutschland ist der Begriff aufgrund der Erfahrungen des Dritten Reiches negativ konnotiert. Damals waren Kriegshelden und die Führerrolle zentral, deshalb hat man sich seit Ende des Zweiten Weltkrieges von personenzentrierten Heldenrollen in der Bundesrepublik distanziert. Außerdem waren Helden der Gesellschaft meist immer männlich; wir gehen dieser Sache auf den Grund und zeigen, wo die Frauen im Hintergrund zu Heldinnen wurden

Meiner Meinung nach ist die Heldenthematik beispielsweise seit der Flüchtlingskrise wieder hoch aktuell. Das habe ich zumindest so empfunden. Einerseits kamen ganz viele Helden, die eine extreme Flucht überlebt haben, nach Deutschland. Und auf der anderen Seite gab es die heldenhaften Helfer, die wirklich teilweise ihre Arbeit, ihren Haushalt stehen und liegen gelassen haben, um Menschen in dieser schwierigen Situation zu helfen. Mit Szenen wie am Münchner Bahnhof ist 2015 damit kurz eine Art Heldenkult aufgeflammt.

Bei unserem Programm geht es insgesamt darum, dass wir eine Annäherung dazu finden wollten, was Vorbilder in der heutigen Zeit sind. Ich bin sehr begeistert von unserem Programm, weil bei Laut und Lyrik die Auseinandersetzung mit kritischen Zeitfragen wie auch mit Texten ganz besonders eindringlich ist.

"Für mich selbst sind Helden sehr oft politische Figuren - Freiheitsrechtler, Feministinnen, Kämpfer."

Was ist denn für Dich ein Held?

Für mich geht es um die Vorbildfunktion. Nach was strebt man zu sein? Für mich selbst sind Helden sehr oft politische Figuren - Freiheitsrechtler, Feministinnen, Kämpfer, die sich nicht gefürchtet haben Dinge auszusprechen und dafür zu kämpfen, wie zum Beispiel Martin Luther King. Diese Menschen für sich zu finden ist aber nicht immer einfach. Wenn wir uns Deutschland 2018 angucken, wüsste ich nicht wer für mich konkret ein politischer Held ist.

Grundsätzlich sind für mich Menschen, die Missstände in unserer Gesellschaft aufzeigen und die auch den Mut haben als Erste voranzuschreiten, Helden.

Sophie Scholl und Bertha von Suttner beispielsweise haben der gesellschaftspolitischen Unterdrückung getrotzt und sind für mich deshalb Heldinnen. Aber auch Leute, die mit Kunst ausdrücken, was sie fühlen oder Leute, die ihre Schicksalsschläge ertragen und trotzdem nicht aufhören zu lachen sind Vorbilder.

In der Beschreibung des Programms werft Ihr die Frage auf, ob wir Helden folgen sollen. Was ist Deine Meinung dazu?

Ich finde, es gibt Helden und jeder kann seinem persönlichen Helden folgen. Ob man das nun soll, fällt mir schwer zu beantworten. Ich glaube schon, dass man ein Stück weit seinem persönlichen Helden folgen muss, um neue Pfade zu wagen und weiterzukommen. Aber es ist auch wichtig zu sagen: "So genug gefolgt, jetzt hab ich jemanden, der meine Werte besser repräsentiert" - Das ist immer eine Abwägungssache. Ich selbst folge auch vielen verschiedenen Helden und deshalb bin ich mir manchmal nicht sicher, wohin es geht.

"Unsere unterschiedlichen Meinungen spiegeln sich auch in unserem Programm wider."

Gibt es in der Gruppe verschiedene Meinungen zu dem Thema, ob man Helden folgen soll?

Absolut. Da teilen sich die Meinungen. Wir hatten zum Beispiel eine längere Diskussion darüber, inwiefern Religion für uns immer noch eine Vorbildfunktion hat und wie wichtig das ist. Es ist spannend, so etwas auszudiskutieren und auch geteilter Meinung zu bleiben. Wir sind uns aber alle einig gewesen, dass Vorbildfunktionen auf die ein oder andere Art wichtig sind, aber auf welche Art, wollen wir als Gruppe nicht konkret ausformulieren. Deshalb spiegeln sich unsere unterschiedlichen Meinungen auch in unserem Programm wider. Die Texte werden alle von uns ausgewählt, vorgestellt und es wird demokratisch entschieden, ob wir einen Text dann schlussendlich ins Programm nehmen. Das Programm ist dann am Ende so bunt wie wir es auch sind. Und das ist echt schön.

Wie entscheidet Ihr, wer welchen Text rezitiert?

Es darf natürlich jeder sagen "Ich hätte Lust diesen Text zu machen", aber es entstehen trotzdem Situationen, in denen überlegt wird, welcher Text zu wem passt. Das wird dann demokratisch in der Gruppe entschieden. Wenn dann die Meinung herrscht, dass der Text zu einem am Besten passt, dann bekommt man den auch. Durch die Methode kommen die Fähigkeiten von allen Sprechern gut hervor und dann kann schlussendlich jeder strahlen. Jetzt ist es so, dass es jedem von uns so geht, dass er oder sie findet "die Texte passen super zu mir", und das ist wunderschön.

"Ich finde, das Sprechen ist das Wichtigste am Theaterspielen."

Du spielst schon länger Theater, unter anderem auf der alemannische Bühne oder bei Arts Liberated. Was ist für Dich beim Sprechtheater anders als beim "klassischen" Theaterspiel?

Ich bin bewusst zu Laut und Lyrik gegangen, um mich einer Sprechausbildung zu unterziehen. Ich finde, das Sprechen ist das Wichtigste am Theaterspielen. Eine Sprechtheaterproduktion ist aber komplett anders als eine klassische Produktion. Der größte Unterschied besteht darin, dass man nicht nur eine Rolle spielt. Ich habe im aktuellen Programm vier ganz unterschiedliche Gedichte und kann da auch ganz unterschiedliche Seiten herausarbeiten. Dazu variiert die Herangehensweise: Wir haben Duo-Stücke oder Gruppenstücke. Außerdem ist Sprechtheater viel rhythmischer und wir gehen da auch stimmlich ganz anders ran - das macht mir gerade auch Riesenfreude. Dieses Gefühl, dass man stimmlich richtig da ist bevor man anfängt und man für jedes Gedicht auf den Punkt sehr bedacht und konzentriert ist, ist etwas ganz Besonderes am Sprechtheater.

Du hast die Texte für euer Programm schon zigmal gelesen. Verändert sich die Begegnung mit den Texten dadurch?

Total. Das ist auch insbesondere bei Lyrik ein schwieriger Aspekt. Wenn man ein Gedicht zum ersten Mal hört, nimmt man bestimmte Dinge wahr und bekommt ein gewisses Gefühl. Liest oder hört man es vier oder fünf Mal, entdeckt man unterschiedliche Aspekte und es werden unterschiedliche Gefühle angeregt. Deswegen müsste man eigentlich mehrmals in eine Laut und Lyrik Vorstellung gehen, um die Stücke wirklich in ihrer wahnsinnigen Tragweite verstehen zu können, die man am Anfang überhaupt nicht fassen konnte.

Du studierst Englisch, hättest Du auch ein Interesse daran englische Texte zu rezitieren?

Wir werden ja heutzutage überflutet von der englischen Sprache. Bei Laut und Lyrik werden bewusst deutsche Texte verwendet, um die deutsche Sprache wertzuschätzen, ohne jetzt nationalistisch sein zu wollen. Es würde mich aber auch total reizen Sprechtheater auf Englisch zu machen. Es gibt auch schon zwei englische Theatergruppen und ich finde es wichtig, die Bühne so für internationale Studierende zu öffnen.

Die Sprechtheatergruppe des Deutschen Seminars "Laut und Lyrik" gibt es schon seit 2000. Jedes Jahr treten sie mit einem Programm aus verschiedenen Texten aus. Dieses Jahr ist das Thema "Wer wagt es?"

  • Wann: 16, 17. und 18. März, 20 Uhr
  • Wo: Theaterhörsaal des Rektorats am Fahnenbergplatz statt
  • Eintritt: 15 Euro, ermäßigt 8 Euro

weitere Vorstellungen
Wann: 27., 28., 29., 30. und 31. März, 20 Uhr

Wo: E-Werk, Eschholzstraße 77

Eintritt: 16 Euro, ermäßigt 10 Euro

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