Laut und Lyrik: 19. Jahrhundert-Lyrik gegen 2008er-Fußball

Doreen

Beim ersten Deutschland-Spiel der Europameisterschaft musste man sich entscheiden: Entweder gemeinsam vor der großen Leinwand fiebern oder einsam vor dem Fernseher zittern, draußen in der Kälte oder drinnen im Warmen, auf harten Plastikstühlen oder mit Sofa-Kuscheldecke. Wer sich nicht entscheiden konnte, fand vielleicht den Weg ins Theater: Dort war es zwar warm, die Stühle aber hart und man war zwar zusammen dort, durfte sich jedoch trotzdem nicht unterhalten. Denn gesprochen wurde nicht in den Zuschauerrängen, sondern auf der Bühne: Laut und Lyrik.



Ganz schalldicht ist das Kleine Haus des Stadttheaters nicht. Die Zuschauer, nein, eher Zuhörer, vernahmen deswegen sehr wohl den aufbrandenden Jubel, als das 1:0 für Deutschland fiel. Doch stören ließen sie sich davon nicht. Denn sie hatten ihre Ohren nach etwas anderem ausgerichtet: Literatur. Und diese wurde als Sprechtheater so mitreißend dargeboten, dass im Theatersaal mindestens genauso viel Spannung herrschte wie draußen vor der Tür beim Public Viewing.


Die Akteure – nicht elf, sondern zwölf Männer und Frauen – sind Studenten des Deutschen Seminars der Universität. Mit ihrer Rezitationsgruppe unter der Leitung des Logopäden und Sprecherziehers Wilfried Vogel bieten sie das Geschriebene laut dar, als „Lyrikperformance“. Mal pathetisch und mal verträumt, mal geflüstert und mal gesungen. Das Programm entsteht dabei parallel zur Epochenvorlesung von Professor Schnitzler, schöpfte also diesmal aus dem 19. Jahrhundert: Romantik, Vormärz, Realismus, Fin de siècle.

Zu Beginn der Vorstellung wurden kaum optische Reize geliefert, der Zuschauer soll sich ganz auf sein Gehör konzentrieren können. Auf der spärlich erleuchteten Bühne saßen und standen die ganz in schwarz gekleideten Gestalten, einer sprach Novalis sogar von hinten auf die Bühne herunter. Es wechselte sich romantische Poesie mit komischen Parodien ab, Eduard Mörike und Clemens Brentano kamen zum Zug, ebenso wie Erich Kästner und Heinrich Heine.

Kurz vor der Pause wurde es politisch: Gerade noch durfte in der „Mondnacht“ von Eichendorff die Seele ihre Flügel ausspannen und durch die stillen Lande fliegen, da hieß es mit Georg Weerth: „Arbeite bis die Sinne schwinden! / Arbeite bis die Kraft versiegt! / Arbeite! – Wirst ja Ruhe finden, / Wenn dein Gebein im Grabe liegt.“ Und weil es mit bloßer Proklamation nicht getan sein konnte, wurde nun Georg Büchner herangezogen und sein Hessischer Landbote nicht nur zitiert, sondern sogar an die Zuschauer verteilt, auf dass sie den „Pallästen“ den Krieg erklären können.

Nach der Pause, in der einige schnell zur Fußballübertragung huschten, ging es auch im Saal flott und abwechslungsreich weiter: Die Sprecher trugen mal allein, mal – quasi per Doppelpass – in schnellem Wechsel vor, dann wieder rezitierten sie zu sechst oder sprachen sogar in einer Art Welle, die durch die Gruppe hindurchlief. Stets schafften sie es, einen Klagteppich zu erzeugen, auf dem die Lauschenden sich niederließen; auch setzen sie immer wieder ihre Singstimmen ein und trugen Gedicht-Vertonungen von Robert Schumann oder Johannes Brahms vor oder sie summten und begleiten sich auf dem Klavier.



Dass sogar die Bücher selbst und nicht nur ihr Inhalt zur Vertonung dienen können, wurde am Schluss bewiesen, als die sechs Männer und sechs Frauen nicht wie zuvor Schenkel, Sohle und Handflächen benutzten, um Rhythmen zu erzeugen, sondern sogar Buchdeckel. Sie raschelten und schlugen, klopften und trommelten auf dem Einband. Diese Effizienz der Mittel passte ganz gut zum minimalistischen Bühnenbild, das nur aus zwei Bücherregalen und eben jenen weiß eingeschlagenen Büchern bestand. Schließlich sollte man hören, nicht sehen.

Zu hören bekamen die Darsteller am Schluss herzlichen und (für die geringe Anzahl an Zuhörern) lauten Applaus. Darauf werden die Studenten die nächsten Monate verzichten müssen, war ihre Vorstellung am Sonntag doch die letzte Inszenierung. Doch die seit fast zehn Jahren bestehende Gruppe macht weiter, Ende Februar steht „Laut & Lyrik“ wieder auf der Bühne. Und dann sicherlich wieder mit so viel Publikum wie bei den ersten drei Vorstellungen. Wobei der Leiter Wilfried Vogel am Schluss verkündete, die sonntägliche Vorstellung sei mitnichten schlecht besucht gewesen: „Wegen der Europameisterschaft zählt jeder im Publikum heute zehnfach!“