Laura López Castro y Don Philippe: Melancholie als Glücksversprechen

Manuel Lorenz

Nachdem Ben Harper gestern Abend im Zirkuszelt gespielt hatte, gab es von Laura López Castro und Don Phillipe das wirklich allerletzte Konzert des 26. ZMF. Manuel war für fudder dabei.



Ein letztes Mal in diesem Jahr muss Alex Heisler, „der Dieter Kosslick des ZMFs“, entschuldigen, dass das Konzert mit einer halben Stunde Verspätung anfängt.


Ben Harper ist im benachbarten Zirkuszelt gerade richtig in Fahrt gekommen und hat nicht vor, sich allzu bald wieder zu beruhigen. Dass weder dies, noch der graue Himmel die gute Stimmung der Festival-Besucher zu trüben vermag, ist auch Verdienst von Bernd Skubb, Busfahrer des Shuttleservice, der seine Passagiere zwischen Munzinger Straße und Mundenhof unterhaltsam informiert.

Lässt er sich zuerst über den Menschen als Herdentier aus, lädt er anschließend dazu ein, die schöne Landschaft des Rieselfelds zu genießen, um sich am Ende mit dem urbadischen Wahlspruch der Freiburger VAG zu verabschieden: „Fünf Minuten vor der Zeit / ist des Fahrgasts Pünktlichkeit.“

So humorvoll der Abend begonnen hat, so melancholisch geht er weiter. Laura López Castro ist zum dritten Mal nach Freiburg gekommen, um gemeinsam mit „Don“ Philippe Kayser das Glück zu erfinden – so jedenfalls der Titel ihres aktuellen Albums.

Der Großteil des Publikums kennt die Ludwigsburgerin spanischer Abkunft und ihren Gitarristen mit französischen Wurzeln wahrscheinlich nur aus dem Programmheft des Festivals: Weißwein trinkende Mittvierziger, die über den Jazz eines Stan Getz zur Bossa Nova gelangt sind, unterhalten sich über die Geschichte des ZMFs und das Abitur ihrer Kinder.



Aber auch die jüngere Generation hat sich eingefunden. Die Initialen „FK“ auf dem schief sitzenden New-Era-Cap eines Zwanzigjährigen verraten ihn: Er kennt Don Philippe als Mitglied und Produzenten der legendären deutschen HipHop-Formation „Freundeskreis“ und will dem Mythos heute Abend einen Schritt näher kommen.

Auf der Bühne hält sich der Gitarrist indes vornehm zurück. López Castro steht im Zentrum des Geschehens und bezaubert mit ihrem unwiderstehlichen Charme das gesamte Spiegelzelt. In sonorem Alt besingt sie Schmerz und Verlust ("Aquí estás tu"), sucht, bittet, fleht ("Buscame") und beklagt mit gepresster Stimme ihre Einsamkeit ("Soledad").

Wenn sie mit dem Publikum kokettiert, ist sie ganz Mädchen, dann, wenn sie ihre Hände in die Hüfte stemmt, wieder ganz Frau. Man glaubt ihr, wenn sie kehlig, fast heiser ihre Vergangenheit aufarbeitet ("Hasta que vuelvas"). Einer der Höhepunkte des Konzerts ist sicherlich der gefühlsintensive Titelsong ihres ersten Albums: "Mi libro abierto".

Nur selten unterbricht eine fröhliche Melodie die Melancholie des sehnsüchtigen Fados. Beinahe erfrischend wirkt der sorglose Dadaismus des brasilianischen Hippie-Liedes Acabou chorare. „Das Weinen hat aufgehört, / alles ist wieder gut,“ übersetzt die Sängerin, „…aber nur für ein Stück!“

Die durchgängige Schwermut ihres Repertoires wird zum Running Gag des Abends. Komisch wird es, wenn López Castro mit zusammengepressten Lippen versucht, die fehlende Trompete nachzuahmen. Die Band ist nämlich in reduzierter Besetzung angereist; Gesang und Gitarre werden lediglich von Kontrabass (Christoph Sauer) und Cello (Boram Lie) begleitet, welche aber die fehlenden Streicher fast immer zu ersetzen verstehen.



Die gekonnte Verbindung aus bescheidener Zurückhaltung und emotionaler Hingabe lässt López Castro und Don Philippe das Publikum für sich gewinnen.

Der Musikliebhaber zieht echte Ausstrahlung künstlichem Glamour vor. Nach anderthalb Stunden Wehmut und Herzschmerz hat die cantante ihren Tee, der guitarrista seinen Weißwein geleert. Die Künstler lassen sich zwar noch für drei eindrucksvoll vorgetragene Bossa-Nova-Klassiker auf die Bühne bitten und huldigen somit ihren musikalischen Vorbildern Antonio Carlos Jobim, Edu Lobo und Caetano Veloso; dann entlassen sie die Zuhörer aber endlich in deren eigene Einsamkeit.

Sehnsüchtig warten wir auf das nächste Konzert des melancholischen Duos – und erhoffen zugleich eine etwas fröhlichere Definition von Glück.



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