Last-Minute-Verlosung: Tinariwen im Spiegelzelt

Michael Baas

Die Band Tinariwen, entstanden in den 80er Jahren in Militär- und Flüchtlingslagern der Tuareg in der Südsahara, tritt heute Abend im Spiegelzelt auf. fudder verlost - auf die letzte Minute - zwei Mal je zwei Tickets.

Marsch durch die Institutionen: So wird der Prozess beschrieben, der mit dem ehemaligen grünen Außenminister Joschka Fischer einen Vertreter der 68er-Generationen bis an die Spitze einer deutschen Bundesregierung führte. Die Entwicklung vom revoltierenden Rand in die Mitte der Gesellschaft hat auch Tinariwen hinter sich. Die siebenköpfige Band um Ibrahim Ag Alhabib (Gesang und Gitarre) und Abdallah Ag Alhousseyni (Gitarre, Gesang und Percussion) entstand in den 80er Jahren in Militär- und Flüchtlingslagern der Tuareg in der Südsahara, in Algerien und Libyen. Hier hatten Aufständische – unterstützt vom libyschen Staatschef Ghaddafi – ihre Basen im Bürgerkrieg in Mali. In diesem Milieu schlüpfte Tinariwen und wurde nach der ersten 2000 aufgenommenen CD zu einem gefragten Weltmusik-Act, der nun auch zum ZMF kommt.


Nach wie vor aber zehrt dieser Aufstieg von der Aura der geläuterten Guerilla. Und das Bild der mit Kalaschnikow-Gewehren im Arm und Gitarren auf dem Rücken durch die Sahara ziehenden Rebellen begleitet sie bis heute, liefert Stoff für Legenden. "Viele Mythen, die im Pop nur symbolisch ausagiert werden, haben Tinariwen in der Realität umgesetzt", beschreibt Johannes Waechter dieses Phänomen im Musikblog der Süddeutschen Zeitung ziemlich präzise. Gleichwohl haben sich die Akzente verschoben. In der Gründungsphase war die Band vor allem das Sprachrohr diskriminierter Tuareg – jener "blauen Männer", jener Nomanden, die seit jeher zwischen Kulturen leben, die nicht mehr zur arabischen Welt gehören, aber auch noch nicht Schwarzafrika sind.

Diese Anfänge jedenfalls dienten vor allem der psychischen Entlastung und moralischen Aufrüstung im Guerillakampf. Da war die Musik ein Ventil; da ging es um Exil und Entwurzelung, um existenzielle Erschütterungen samt der Krise der traditionellen Lebensweise. Nach dem Friedensschluss von 1992 aber gerieten die Konflikte zwischen Tradition und Moderne stärker ins Blickfeld, und inzwischen verkörpert Tinariwen vor allem jene Ansätze, die die nomadische Kultur der Sahara und das sesshafte Leben in den Städten in Mali, Algerien oder im Niger verbinden. Insofern ist ihre Musik heute der Soundtrack jener Tuareg, die den Übergang vom nomadischen zum urbanen Leben aktiv gestalten.

Musikalisch setzt die Gruppe auf inzwischen vier CDs – zuletzt "Imidawan: Companions" (2009) – vor allem auf E-Gitarren; dazu kommen Bass (Eyadou Ag Leche), Chorgesang, traditionelle Blasinstrumente wie die T’Zamàrt-Flöte, Trommeln (Kalebasse und Djembe) und einfaches Klatschen. Das Packende aber ist die Verbindung von bis zu vier E-Gitarren und Tuareg-Kultur; häufig sind die Stücke elektrisch aufgeppte Versionen traditioneller Songs. Diese werden mal als melancholischer Call-and-response-Blues verpackt, mal als Reggae-inspirierter Rock, enthalten mal arabische Rai-Elemente, mal poetisch dahingetupfte Gitarrenlinien, zudem gibt's Anleihen bei westlichen Vorbildern aus der Rockmusik wie Led Zeppelin oder Carlos Santana. Aber alles bleibt einfach, fast archaisch, lebt stark von Rhythmus, klingt rau und karg und steigert sich des öfteren in die hypnotischen Muster spiritueller Musik. Das wird hierzulande als Desert Blues etikettiert. Die Gruppe selbst nennt es "Assouf" (Nostalgie) und sieht darin ein Genre, das ihrer traditionellen Kultur eine Gegenwart verleiht, die Leere und Weite der Wüste in den Städten bewahrt.

Innere wie äußere Wüsten sind denn auch nach wie vor der Bezugspunkt für Tinariwen, was übersetzt nichts anderes bedeutet als "mehrere Wüsten". Entsprechende Emotionen prägen die Stücke denn auch vom ersten bis zum letzen Takt. "In der Wüste gibt es keine Mauern, du kannst endlos weitergehen und bist frei", schildert Ibrahim Ag Alhabib diese Klang gewordenen Gefühle. Dort brauche "man keinen Schnickschnack", zitierte ihn das Weltmusikmagzin Folker! schon 2005. "Wie man ohne viele Mittel lebt und dennoch stark ist", brachte Abdallah Ag Alhousseyni 2007 in einem Interview die Botschaft der Band denn auch auf den Punkt. Und das ist eine Dimension, die auch in den von Dauerkonsum und Markenterror geprägten mitteleuropäischen Wohlstandgsesellschaften aktuell ist.

Tinariwen - Lulla

Quelle: YouTube

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Last-Minute-Verlosung

fudder verlost zwei mal zwei Tickets für Tinariwen heute Abend auf dem ZMF. Um an der Verlosung teilzunehmen, schickt einfach eine Mail mit dem Betreff "Tinariwen", Eurem Namen und Eurer Telefonnummer an gewinnen@fudder.de. Einsendeschluss ist heute, Dienstag, 13. Juli 2010, 13 Uhr. Die Gewinner werden sofort nach dem Ende der Verlosung per Anruf informiert. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

Mehr dazu:


Was:
Tinariwen
Wann: Dienstag, 13. Juli 2010, 20:30 Uhr
Wo: ZMF Spiegelzelt
Tickets: 27,50 Euro