Last-Minute-Tipp: Robert Beachy liest im Artjamming

Marius Buhl

Nach Teju Cole liest am Mittwochabend der nächste US-Amerikanische Hochkaräter in Freiburg: der Historiker Robert Beachy. Nach Freiburg geholt hat ihn das Carl-Schurz-Haus, er liest im Café Artjamming. Warum ihr da hin solltet:



"Homosexualität ist eine deutsche Erfindung!" Das ist ein phänomenal guter Satz, oder? Er verwundert, lässt staunen und nachdenken. Deutschland? Keim einer Bewegung für Schwulen und Lesbenrechte? Aber ja, sagt Robert Beachy.


Beachy, 50, Professor für deutsche Geschichte in Seoul, Amerikaner, Autor, hat diesen Satz geschrieben. Der Satz ist sogar die Kernthese seines Buchs "Gay Berlin, oder in deutscher Übersetzung: "Das andere Berlin". Nicht London, nicht New York seien die Ursprungsorte gelebter Homosexualität. Sondern eben Deutschland.

Mitte des 19. Jahrhunderts, in Deutschland wurde gerade Wilhelm I. als erster deutscher Kaiser inthroniert. Die Weimarer Republik, der erste Christopher Street Day, die Loveparade, das alles ist noch so unfassbar weit entfernt, als deutsche Ärzte und Wissenschaftler in Berlin erstmals Homosexualität als angeboren akzeptieren - und nicht als Krankheit abtun.

Damit, so schreibt es Beachy, hätten sie eine Welle logetreteten: Die ersten Aktivisten hätten Schwulenrechte eingefordert, auf dem Deutschen Juristentag in München verlangte der schwule Jurist Karl Heinrich Ulrichs die Abschaffung homo-feindlicher Gesetze (und wurde niedergebuht) und der deutsch-jüdische Sexualforscher Magnus Hirschfeld gründete die erste Schwulenorganisation der Welt.

Warum aber weiß das kaum jemand? Warum betrachten die Deutschen den Kampf für die Rechte Homosexueller als amerikanischen Import?

"Gay Berlin" hat eine Erklärung. Weil deutsche Geschichte oft ausschließlich als Vorspiel der Nazizeit erzählt würde, würden progressive Strömungen besonders zur Kaiserzeit oft verdrängt und in der Rückbetrachtung ausgeklammert.

Und es ist ja auch so: In einem Land, das Schwule und Lesben ab 1933 systematisch verfolgen und töten hat lassen, erzählen Lehrer und Professoren nicht primär, dass bereits 80 Jahre zuvor Menschen für Toleranz, Gleichberechtigung und Akzeptanz eingestanden sind. Sie erzählen von Folter, Mord und Konzentrationslagern.

Robert Beachy, der den Blick des Außenstehenden schildert, tut das am Rande auch, sein Augenmerk liegt aber auf der Vorreiterrolle der Deustchen im Kampf um Homo-Rechte. In einem Interview mit dem Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" sagte er: "Auf den Kampf um Homosexuellenrechte kann man in Deutschland heute stolz sein. Eigentlich sollten die Deutschen diesen Teil ihrer Geschichte herausposaunen, ihn auf Briefmarken und Plakate an der Autobahn drucken. Vielleicht würde das auch jene überzeugen, die im Moment noch gegen die Homo-Ehe sind."

Mehr dazu:

Was: Lesung, Robert Beachy: "Gay Berlin"
Wann:
28.10.2015, 20 Uhr
Wo:
Café Artjamming, Günterstalstraße