Last-Minute-Tipp: Filmpremiere "Drei von Sinnen" im Friedrichsbau-Kino

Leonie Lieberam

Drei Freunde begeben sich auf eine ungewöhnliche Reise zur Atlantikküste: Jeder verzichtet abwechselnd auf Sehen, Hören oder Sprechen. Die Reisedoku läuft am Montagabend im Friedrichsbau-Kino. Ein Interview mit dem Freiburger Regisseur Kerim Kortel.

Im Dokumentarfilm "Drei von Sinnen" machen sich drei Freunde im Sommer 2014 auf die Reise zur französischen Atlantikküste. Der Clou: Abwechselnd verzichtet einer der Jungs eine Woche lang auf seine Fähigkeit zu Sehen, zu Hören oder zu Sprechen. Nachempfunden ist das dem japanischen Sprichwort der drei Affen. Am Montag läuft der Film im Friedrichsbau- Kino. Wir haben mit Regisseur Kerim Kortel gesprochen.




Was macht deinen Film sehenswert?

Im Film werden viele verschiedene Themen und Probleme angesprochen. Es ist zwar vor allem eine Reisedoku, aber der Weg nach Frankreich ist nicht das, was im Vordergrund steht. Sondern wie die Jungs mit ihren Handicaps umgehen. Diese gegenseitige Abhängigkeit, die sie nicht gewohnt sind. Sie müssen sich rund um die Uhr helfen.

Dabei ist das zentrale Problem meiner Meinung nach diese neue Art der Kommunikation, die dadurch stattfindet, also über drei Ecken. Wenn beispielsweise Jakob reden möchte, aber nicht kann, und es ihm bloß möglich ist, Bart das per Zeichensprache zu vermitteln. David allerdings kann das nicht sehen, und Bart muss ihm wiedergeben, was Jakob ihm mitgeteilt hat. Das ist anstrengend und zeitraubend, vor allem hat das zu einigen Missverständnissen geführt.

Das hat schon bei der Planung der Reise angefangen, und während der Reise kam es deshalb ständig zu Streits. Ganz am Anfang sind wir an einer Straße entlang gelaufen, und Jakob, der nichts gesehen hat, fand das unglaublich belastend, und hat das Bart mitgeteilt. David hat allerdings nichts mitbekommen, da er nichts gehört hat.

Es gibt aber auch schöne Momente: In Lyon beispielsweise sind wir abends in einen Pub feiern gegangen. Dort haben sie ein Mädel kennengelernt, und die drei mussten unterschiedlich vorgehen beim Flirten.

Wie kam es überhaupt zu dem Projekt?

In Berlin habe ich David kennengelernt. Er hat mir erzählt, dass er diese Reise mit seinen Freunden plant, und kam auf mich zu und hat gefragt ob ich mir vorstellen kann sie zu begleiten. Ich habe die anderen vor der Reise kennengelernt. Sie wollten das Projekt nicht in die Hand von einem Fernsehsender oder einem Fremden geben.

Wir haben uns mehrere Male getroffen, geplant, und mit dem Geld von dem Crowdfunding haben wir uns eine vierköpfige Filmcrew zusammen gestellt. Ich habe auch versucht so wenig wie möglich in die Handlung einzugreifen, und habe viel mehr beobachtet.

Was hat dich dazu inspiriert ihnen zu folgen?

Ich reise leidenschaftlich gerne, und Reisefilme finde ich ein spannendes Genre, weil am Anfang der Drang steht etwas Neues zu erleben. Die drei hatten noch keine Vorstellung von dem was sie erwarten würde, sie wollten es einfach versuchen. Sie haben auch noch nicht vorher ausprobiert, wie es sein wird. Und auch für mich als Filmemacher war es Neuland - und gleichzeitig eine Chance.

Im Film sieht man auch eine Person, die euer Vorhaben kritisiert. Wie geht man mit dieser Kritik um?

Das war eine heikle Begegnung, denn die Person hat in ihrer Familie jemanden mit einer Behinderung. Sie dachte, uns ginge es darum zu zeigen: "Wir wissen, wie es ist taub, blind und stumm zu sein." Das war aber gar nicht unser Anspruch. Wir haben mit ihr gesprochen - besser gesagt Jacob hat mit ihr gesprochen, denn er durfte in dieser Woche sprechen und hören, er hat allerdings nicht gesehen wer ihn beschimpft.

Diese Begegnung war einerseits ein ganz schöner Dämpfer für uns, andererseits hat es uns zur Selbstreflektion angeregt – was machen wir hier eigentlich? Ich würde sogar sagen, dass wir uns im Nachhinein gefreut haben über diese Erfahrung. Und klar freuen wir uns, wenn er auch andere Personen zum Denken anregt, wie es ist taub, stumm oder blind zu sein, aber wir können das ja wieder ablegen. Für uns ging es vor allem ein spielerischer Umgang mit den Sinnen, und das ist meiner Meinung nach eine legitime Herangehensweise. Ich bin froh, dass wir diese Szene auch mit in den Film genommen haben. Es ist in Ordnung eine andere Meinung zu diesem Thema zu haben.

Inwieweit gelingt es deinem Film, das zu vermitteln, was er vermitteln soll?

Vielen Zuschauern gelingt es durch die Umsetzung sich voll und ganz in die Protagonisten hineinversetzen, viele Leute, die den Film gesehen haben, fragen sich "Wie würde ich diese Situation lösen, wenn ich nicht sehen könnte? Wie kann ich klar machen, was ich will?" Es soll eine Übung für mehr Empathie sein- und das Publikum hat uns rückgemeldet dass das klappt. Sie stellen viele Fragen und verlassen die Vorstellung nachdenklich.
Zur Person
Kerim Kortel wurde in Freiburg geboren und hat dort die Kindheit und Jugend verbracht. Er studierte in Düsseldorf Sozialwissenschaften und Medienkulturwissenschaften und in Berlin. "Drei von Sinnen" ist sein erster Langfilm.

Was: Premiere "Drei von Sinnen", anwesend sind zwei der Protagonisten
Wann: 5. Dezember, 19 Uhr
Wo: Friedrichsbau-Kino, Kaiser-Joseph-Str. 268 - 270