"Lassen Sie die Finger von Ratgeberliteratur!": Interview zum Festival "ÜberLeben in der Leistungsgesellschaft"

Marius Buhl

Heute Abend beginnt das dreitägige Festival "ÜberLeben in der Leistungsgesellschaft" des Literaturbüros Freiburg. Wir haben die Festival-Kuratorin Stefanie Stegmann vorab gefragt, warum Leistungsdenken überhaupt schlecht ist, und wie sie selbst mit Leistungsdruck umgeht:



Was ist denn das Problem an unserer Leistungsgesellschaft?

Das klingt ganz so, als ob Leistung etwas Schlechtes sei. Eine Leistungsgesellschaft muss aber nicht zwingend ein Problem sein. Oder wie kommen Sie darauf?

Wir bräuchten ja sonst Ihr Festival nicht.

Bei unserem Festival geht es uns weniger um die eindimensionale Sicht darauf, dass die Leistungsgesellschaft  ein Problem ist, als vielmehr darum, dass in diesem Begriff etwas aufeinander trifft: Leistungdenken ist ja erst einmal etwas total Demokratisches und Emanzipatorisches, denn es hat dazu geführt, dass Positionen nicht mehr über Adel, Geschlecht oder Eltern vergeben werden. Trotzdem sind wir sehr weit davon entfernt, durch Chancengleichheit Positionen erlangen zu können und über Leistung erfolgreich zu sein.

Dann wäre es doch schön, in einer richtigen Leistungsgesellschaft zu leben ...

Nein, so weit würde ich mich nicht aus dem Fenster lehnen, aber der Begriff hat durchaus auch etwas Positives. Finden Sie denn nicht, dass wir in einer Leistungsgesellschaft leben?

Nein. Der Tellerwäscher, der zum Millionär wird, ist doch nur ein leeres Versprechen. Jeder kann eben doch nicht alles schaffen.

Da geb' ich Ihnen Recht.

Haben Sie dann den Begriff für ihr Festival falsch gewählt?

Nein. Ich empfinde es sogar als äußerst wichtig, mit dem Begriff "Leistungsgesellschaft" zu arbeiten.Wir haben uns über diesen Begriff angenähert, weil er spannend ist und in der Geschichte diese positive Konnotierung hatte, die er jetzt aber verloren hat. Gerade dieses Doppeldeutige, Widersprüchliche war uns wichtig, um zu zeigen, was das Problem ist.

Was ist denn das Negative an der Leistungsgesellschaft?

Allein schon die Rhetorik. Wenn Liebe scheitert, heißt es: Liebe ist Arbeit, wir müssen auch in der Liebe was leisten! Dasselbe gilt für Familie und Kinder: Das ist dann auch immer eine Art von Erfolgsnachweis für eine ordentliche Biographie. Ob Körper, body politics, Sex: Alles wird unter der Prämisse von Leistung und Erfolg betrachtet, und das finde ich, um nicht gleich zu bewerten, enorm. Dazu kommt, dass Leistungdruck krank macht.

Wer ist schuld an dieser Denke?

Um das herauszufinden, machen wir ja das Festival. Wir wollen Fragen stellen. Ich bin die letzte, die als Kuratorin die Frage beantworten könnte, wer schuld ist. Das ist ein komplexes Thema, bei dem verschiedenen Faktoren eine Rolle spielen. Sicher spielt aber auch die spezielle deutschsprachige Kulturgeschichte mit rein, ein bestimmtes Autoritätsverständnis, das sich über sehr lange Zeit in unsere Köpfe eingefressen hat.

Kann man denn was an der Situation verändern?

Ja, sonst würde ich hier nicht sitzen und meinen Job machen. Aber langsam und weniger schnell als mir lieb ist. Ich bin jedoch nicht mehr so überzeugt wie vor zehn Jahren, als ich dachte, ich bin in meinem Leben dafür verantwortlich, Veränderungen zu erzielen. Ich bin noch immer darauf aus, eindimensional formulierte Antworten aufzubrechen, Fragen neu zu formulieren und damit Dinge mittelfristig zu verändern.

Warum wehrt sich niemand gegen Strukturen, die uns kaputt machen?

Schauen wir mal nach unserem Festival (lacht). Ich weiß es nicht. Aber grade die Jugend muss eigentlich als Korrektiv und als Visionär in unserer Gesellschaft auffallen. Das tut sie aber nicht. Man ist gefangen, und es fällt sehr schwer sich zu befreien. Das perfide ist ja, dass selbst Aussteiger oder solche, die Dinge anders machen wollen, der Selbstoptimierung unterliegen, also den bestmöglichen Ausstieg wollen, den Effizientesten, den Sinnvollsten.

Was raten Sie mir als jungem Studenten?

Hören Sie auf sich selbst, und lassen Sie die Finger von Ratgeberliteratur! Das ist zwar paradox, denn damit gibt man die Entscheidung ans Subjekt zurück und bedient den Selbstoptimierungswahn.

Aber: Ist Ihr Programm nicht auch ein Ratgeber?

Auf keinen Fall. Keines dieser Panels wird sich mit Ratschlägen aus dem Fenster lehnen. Alle leisten im besten Fall Analysen, formulieren Fragen oder benennen Probleme. Da ist aber keiner dabei, der aus der Ratgeberecke auf unser Leben blickt und sagt: Machen Sie es so, oder lassen Sie es bleiben. Es geht eher darum, auf größere Zusammenhänge hinzuweisen, die wir selbst im Alltag nicht en detail analysieren können, weil wir zu stark mit unseren eigenen Ängsten konfrontiert sind.

Kann Kunst und Kultur generell ein Gegenpol zum Leistungszwang sein?

Ja, ganz sicher. Kunst und Kultur können auf einer anderen Ebene Räume und Denkweisen öffnen als Sach- und Fachbücher sowie Wissenschaft. Und dass war es auch, was uns gesagt hat, wir wollen Kunst, Literatur und Wissenschaft zusammen bringen. Ich kann die Bedeutung der Kunst gar nicht hoch genug hängen. Ich denke, Kunst ist weit mehr als eine Kür oder bloße Abendbeschäftigung, die bei uns ein gutes Gefühl hinterlässt. Das darf sie zwar auch, das sollte aber nicht ihre genuine Funktion sein.

Beschäftigt Sie die Thematik schon länger?

Ja, das ist ein ganz zentraler Motor. Ich bin im Kulturbetrieb tätig, der ja auch auf perfide Weise mit dem Leistungsethos verknüpft ist. Ich merke aber auch, dass es viele junge Autoren gibt, die das Thema Leistung und Arbeitskultur literarisch verarbeiten, und das ist bemerkenswert. Dass alte Autoren im Rückblick auf ihr Leben eine Kapitalismuskritik vom Stapel lassen, verwundert ja nicht. Aber junge Autoren - das freut mich sehr.  

Was entgegnen Sie demjenigen, der aussteigt und nach Portugal zieht?

Ihre Frage zielt wieder darauf ab, dass ich etwas bewerte. Genau das ist aber auch ein klassisches Prinzip des Leistungsdenkens: Immer muss alles bewertet werden. Warum machen Sie das?

Wahrscheinlich bin ich auch Gefangener des Leistungsdenkens.

Aber warum? Lassen sie doch Portugal Portugal sein und den Kerl in Frieden. Der wird schon wissen, was er getan hat. Und wenn er einen Fehler gemacht hat, ist auch das erlaubt.

Dann lassen Sie mich anders fragen: Wie überlebt man in der Leistungsgesellschaft?

Es gibt nur das eine Leben, und wir müssen irgendwie versuchen, das Leben so zu gestalten, dass wir dabei nicht über die Klinge springen. Das, was ich versuche, ist mich zu fragen: Muss das noch sein, oder reichen auch 80 Prozent, und ich geh' heim und trink ein Bier auf dem Balkon. Diese Frage beantworte ich mit zunehmendem Alter lässiger. Mein Versuch ist, die verschiedenen Interessen, die in meinem Leben aufeinandertreffen, zu berücksichtigen. Dazu gehört sicher nicht nur das Interesse an einer gewisssen Arbeitskultur oder beruflichen Erfolgsgeschichte.    

Zur Person

 



Stefanie Stegmann
, 39, studierte Kunst und Germanistik auf Lehramt. Es folgten Aufbaustudium und Promotion in den "Kulturwissenschaftlichen Geschlechterstudien" an der Carl-von-Ossietzky Universität Oldenburg. Von 2003 bis 2005 war sie als Lektorin des Deutschen Akademischen Austauschdienstes an der Universität Czernowitz, Ukraine, tätig. Seit 2005 leitet sie das Freiburger Literaturbüro; 2014 wird sie die Leitung des Stuttgarter Literaturhauses übernehmen.

Mehr dazu:


Was:
Festival "ÜberLeben in der Leistungsgesellschaft"
Wann: Freitag, 25. Oktober bis Sonntag, 27. Oktober 2013
Wo: Theater im Marienbad, Literaturbüro & Kommunales Kino, Weingut Andreas Dilger   [Bild 1: © Sergey Nivens - Fotolia.com; Bild 2: Klaus Polkowski]