Laser-Tag im Selbstversuch: Tarnanzug verboten

Marius Buhl

Beim US-amerikanischen Funsport Laser-Tag schießen die Spieler sich zum Spaß mit Laserpistolen ab - seit Ende letzten Jahres auch im Magic-X-Bowling Center in Waldkirch. fudder-Autor Marius Buhl hat den Selbstversuch gewagt.



Ich kauere auf dem Boden, den Rücken fest an eine Wand gepresst, die Augen konzentriert zusammengekniffen. Nervös spiele ich mit dem Abzug meiner Waffe. Ich will jetzt schießen. Behutsam drehe ich den Kopf, will einen Blick um die Ecke auf den Feind erhaschen – meine Chancen taxieren, schneller sein als er. Mein Herz pocht, das Adrenalin knistert. Ich sehe meinen Gegner für einen Moment ungedeckt, reiße die Waffe herum. Jetzt volles Risiko, ich feuere ganz ohne Deckung, ziele auf des Gegners Brust.

Eigentlich darf ich das so nicht sagen, ich habe es unterschrieben. Meine Waffe ist nämlich eigentlich nur ein Phaser, und statt auf den Gegner zu feuern, habe ich ihn nur mit Laser gescannt. Ich bin nämlich weder in einem Terrorcamp, noch übe ich Krieg bei der Bundeswehr. So martialisch hat mich eine amerikanische Trendsportart werden lassen: Laser-Tag. Das kann man jetzt auch in Waldkirch, und der Geschäftsführer der Laser-Tag-Halle, Meinolf Morczinietz, achtet genau auf das Vokabular der Spieler: „Abknallen, kalt machen, feuern, Waffe – so etwas wollen wir hier nicht hören.“

Dafür gibt es einen Grund: Laser-Tag ist hoch umstritten. Das Spiel simuliere echten Krieg, sagen Kritiker, und es ist eindeutig, woran sie Anstoß nehmen: Die „Waffe“ sieht aus wie eine etwas zu klein geratene Kalaschnikow, schießt statt echten Kugeln aber Laser. Jeder Spieler trägt eine Weste, auf der vier Empfang-Pads angebracht sind. Trifft man den Gegner auf eines seiner Pads, addiert ein kleiner Computer, der an der Weste befestigt ist, Punkte auf, wird man selbst getroffen, zieht er Punkte ab. So entsteht ein Endergebnis. Gegner treffen und selbst heile davonkommen – das ist auch die Formel des Krieges.

Zielen auf den Kopf des Gegners ist verboten

Meinolf Morczinietz war selbst bei der Bundeswehr. Angst, dass Jugendliche mittels Laser-Tag Krieg spielen wollen, hat er  keine: „Genau um das zu vermeiden, haben wir so klare Regeln geschaffen. Wir haben das Vokabular eingeschränkt, verbieten es, direkt auf den Kopf eines Gegners zu zielen und haben zum Beispiel auch Tarnkleidung verboten.“  Morczinietz sieht Laser-Tag, so wie er es in Waldkirch anbietet, als modernes Räuber und Gendarm: „Es ist vor allem ein großer Spaß, der gerade aus Amerika und England zu uns kommt.“

Seine große Berühmtheit verdankt Laser-Tag vor allem seinem berühmtesten Spieler: Barney Stinson aus der CBS-Serie „How I Met Your Mother“. Der spielt dort einen testosterongeladenen Frauenaufreißer, Anzugträger und eben Laser-Tagger und gibt dem Sport damit eine sehr maskuline Note. Für Morczinietz ist das aber kein generelles Kriterium: „Laser-Tag ist was für alle, die es spaßig mögen. Frau und Mann, für junge Leute ab 14 und für alte Leute, die noch fit sind. Denn das Spiel ist ganz schön anstrengend.“



Das merke ich. Der Schweiß läuft  mir in Sturzbächen ins Gesicht, während ich den Trigger meines Phasers durchdrücke, wieder und wieder. Mein Gegner ist erschrocken stehen geblieben, zwischen uns liegen noch 15 Meter. Doch ich treffe ihn nicht, meine ungeübte Hand ist  zu wacklig –  das ist  seine Chance. Schnell springt er einen Schritt seitwärts, hebt seinen Phaser, zielt und drückt ab, nur ein einziges Mal.

Der rote Laserstrahl blitzt auf, ich erstarre. Ich will ausweichen, mich auf die Seite werfen, doch es ist zu spät. Ich bin getroffen, sehe erschrocken an mir herunter. Doch statt eines Blutflecks sehe ich nur meine Weste, die wild blinkt, und höre eine blecherne Stimme aus  einem kleinen Lautsprecher: „You got hit. Keep going!“ Ich bin nur für fünf Sekunden tot. Dann kann meine Waffe wieder lasern. Solange muss ich rennen, mir eine neue Deckung suchen – und dann genauer zielen.

Konnte ich Soldat spielen?

Einerseits ärgere ich mich: Ich hätte besser aufpassen müssen. Andererseits überlege ich, ob  menschlicher Fortschritt tatsächlich bedeutet, dass ich mich von anderen zum Spaß abschießen lasse. Darüber denke nicht nur ich nach: Das Bundesverwaltungsgericht hat sich schon im Jahr 2001 damit beschäftigt und  befunden: Laser-Tag verstößt gegen die Menschenwürde, Artikel 1 im Grundgesetz. Wer Laser-Tag spielt, mache sich zum Objekt und lebe die Illusion, in Menschenleben könne beliebig eingegriffen werden. Verbieten wollte das Gericht das Spiel nicht, der Gesetzgeber sei in der Pflicht, hieß es.

Land und Bund zögern jedoch bis heute. Somit bleibt für Privatleute weiter erlaubt, was für Soldaten  Teil des militärischen Alltags ist: Die US-Army übt beispielsweise mit dem Laserwaffensystem Miles Gefechtssituationen aller Art.



Ich habe meinen Brustschuss mittlerweile überwunden. Geduckt schleiche ich um zwei Ecken, spähe und sehe einen anderen Feind. Zügig rücke ich näher heran, zücke den Phaser, ziele und treffe  beim ersten Versuch. Mein Gegner macht ein ungläubiges Gesicht, während er Warnungen schreit und sich eine neue Deckung sucht. Ich lache triumphierend.

Was aber bleibt von diesem Abend? Konnte ich männliche Kriegslust ausleben? Habe ich mich stark gefühlt, mit einer „Waffe“ in der Hand? Konnte ich Soldat spielen? Habe ich meine Menschenwürde aufgegeben? Bestimmt nicht.

Was Laser-Tag ausmacht, ist das, was auch eine eine Schneeballschlacht interessant macht: Es ist eine Büberei, ein Schabernack. Ganz sicher werden dabei Reflexe im Gehirn bedient, die auch im bewaffneten Kampf auftreten: das Glücksgefühl, einem Schuss entgangen zu sein, der Triumph nach einem Treffer. Ob man diese Gefühle dann ertragen kann oder vor sich selbst erschauert, muss jeder selbst herausfinden. Mir hat’s Spaß gemacht.





Was ist Laser-Tag?

Bei dem Spiel versuchen zwei oder mehrere Spieler, Aufgaben auf einem Parcours oder in mehreren Räumen zu erfüllen. Sie simulieren mit ungefährlichen pistolenähnlichen Infrarotsignalgebern einen Schusswechsel. In Waldkirch wird in einer rund 200 Quadratmeter großen Halle gespielt. Schwarze Trennwände bilden Hindernisse. Bis auf die in den Teamfarben leuchtenden Westen der Spieler und kleine Lichtquellen ist die Halle beim Spiel dunkel.

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Foto-Galerie: Kerstin Pommerenke

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