Lara Stock erobert die Schachwelt

Sophie Guggenberger

Längst hat die 14-jährige Lara Stock aus Freiburg aufgehört, ihre Urkunden, Pokale und Medaillen zu zählen. Lara ist ein Schachtalent, vielmehr ein Phänomen. Getroffen habe ich Lara im Schachclub Freiburg-Wiehre in der Innenstadt. Umringt von Schachfiguren in sämtlichen Ausführungen plauderten wir über ihr Leben als Schachgenie.

Die Räumlichkeiten des buntgeschmückten Schachclubs in der Freiburger Innenstadt befinden sich im Souterrain und wurden liebevoll von Laras Vater, selbst passionierter Schachspieler, Trainer und Gründer des Schachclubs Freiburg-Wiehre, dekoriert. Lara wird von ihrem Papa - was Schach angeht - beinahe überall hin begleitet. Selbstverständlich war er auch bei unserem Gespräch anwesend und hielt ein waches Auge auf seine Tochter, die momentan die 9. Klasse des Freiburger Goethe-Gymnasiums besucht. Obwohl Lara wegen intensiven Schachtrainings stets viel Unterrichtsstoff nachholen muss, gilt sie als gute Schülerin. Wochen intensiven Trainings und eine knapp 3-monatige Turnierreise rund um den Globus, u.a. zur Schacholympiade in Turin, liegen nun hinter ihr. Ohne Frage strengt das Reisen an, daher nimmt sie sich momentan eine kleine Auszeit vom Wettkampftrubel und vertreibt sich die Zeit beispielsweise mit Tennis spielen oder Interviews geben.


Lara, wo kommst du denn gerade her?

Lara: Von den Münsterprojekttagen vom Goethe. Da schauen wir uns erst das Münster von innen an, dann von außen und anschließend analysieren wir den Weg vom Goethe-Gymnasium zum Münster. Das ist eigentlich schon interessant, aber da wir das schon so oft gemacht haben...naja, es ist eben alles schon bekannt.



Wie lange spielst du schon Schach?

Lara: Mein Vater hat mir Schachspielen schon ziemlich früh beigebracht. Es gibt ein süßes Bild von mir, da bin ich gerade 1 Jahr alt und sitze auf dem Schachbrett. Richtig angefangen mit spielen habe ich dann mit 6 Jahren. Mein Vater hat mir damals einfach mal gezeigt, wie die Figuren gestellt werden, und dann ging's los. Mein spielerisches Können würde ich jetzt auch nicht unbedingt als Talent beschreiben, sondern als etwas Gelerntes. Wenn man früh genug damit anfängt und viel übt, dann kann man das auch lernen.

Hat dir Schach von Anfang an richtig Spaß gemacht?

Lara: Am Anfang kannte ich mich ja noch nicht so gut aus im Spiel und habe oft verloren. Da hatte ich natürlich keine Lust mehr Schach zu spielen. Als ich dann aber doch mal wieder gewonnen habe, auch Partien gegen Erwachsene, gab mir das neuen Anschub und die Lust kam zurück.

Was fasziniert dich am Schach?

Lara: Ich finde es spannend abzuwägen, was der beste Zug ist, um die Partie zu gewinnen. Die Vielseitigkeit der möglichen Strategien, das ist das Schöne am Schach. Die Lust am Schachspiel begeistert mich.

Mit welchen Erinnerungen denkst du an dein erstes ernstes Schachspiel zurück?

Lara: Daran erinnere ich mich noch genau. Das war 1999, ein Turnier in Österreich. Da hatte sich der deutlich ältere Gegner mir gegenüber gesetzt und ich habe mich nicht getraut zu ziehen. Da saßen wir dann über eine halbe Stunde nur da und nichts geschah. Ich habe mich einfach nicht getraut den ersten Zug zu machen. Daraufhin haben wir meinen Gegner zum Sieger erklärt, aber die Partie trotzdem ohne Wertung durchgespielt, um die Barriere in meinem Kopf zu überwinden.



Wie reagierst du, wenn Leute sagen, Schach sei doch gar kein Sport?

Lara: Schach ist auf jeden Fall eine Sportart. Aber viele Leute denken wirklich, wenn man da stundenlang nur am Brett sitzt und sich nicht bewegt, daß sei doch überhaupt nicht körperlich anstrengend. Teilweise ist das aber schon extrem, wenn man bei einer Partie sechs Stunden einfach nur dasitzt, manchmal auch länger. Ich vergesse dann meistens auch etwas zu essen. Schach ist genauso körperlich anstrengend wie andere Sportarten, gerade weil man sich so gut wie gar nicht bewegt.

Was unterscheidet Schach von anderen Sportarten?

Lara: Schach erlernt man über zwei unterschiedliche Schienen: Die eine ist die Praxis am Brett und die andere ist wirklich sich ein Schachbuch zu nehmen und Schach am Schreibtisch zu studieren. Da schaue ich mir dann andere Varianten an, in denen ich mich vielleicht noch nicht so gut auskenne oder ich versuche alte bekannte Partien nachzuvollziehen, die damals ganz toll warn. Darin besteht der Unterschied zu anderen Sportarten. Fünfzig Prozent muß man über die Praxis lernen und fünfzig Prozent über die Theorie.

Ist Schach nur was für kluge Köpfe?

Lara: Von Erwachsenen muß ich mir ganz oft anhören, daß ich ja unheimlich intelligent sein muß und sicher eine 1 in Mathe habe. Das finde ich immer ganz gräßlich, weil Schach wirklich nichts mit Intelligenz oder Mathe zu tun hat. Diese Intelligenzfrage in Bezug auf Schach spielen finde ich einfach Blödsinn. Mir ist das jedenfalls immer total unangenehm, wenn Leute zu mir sagen, ich müsse ja unheimlich intelligent sein, weil ich so gut Schach spiele.

Was für eine Note hast du denn in Mathe?

Lara: Im letzten Schuljahr hatte ich eine 2.



Welches waren deine bislang größten Erfolge im Schach?

Lara: Das war der WM-Sieg 2002 bei den unter 10-jährigen, dann der EM-Sieg 2004 bei den unter 12-jährigen und der Titel "Internationale Meisterin" durch gute Ergebnisse bei einzelnen Schach Open. Ansonsten natürlich auch der Ruf in die Kroatische Nationalmannschaft und für Kroatien an der Olympiade 2006 in Turin teilnehmen und auf Brett 2 spielen zu dürfen.

Wann hast du zuletzt Schach gespielt?

Lara: Training hatte ich gestern. Aber einfach so gespielt habe ich zuletzt vor ein paar Tagen. Die meisten Leute denken immer ich würde so oft mit meinem Vater spielen, weil er ja auch Schach spielt, aber das stimmt gar nicht. Entweder spiele ich richtig bei einem Turnier oder aber ich trainiere.

Wer gewinnt denn, wenn du eine Partie gegen deinen Papa spielst?

Lara: Im schnellen er und im langsamen, da weiß ich's nicht so genau. Da gewinnt jeder von uns beiden mal. Aber im schnellen Schach habe ich keine Chance.

Trauen sich deine Freunde oder die Leute hier im Verein überhaupt noch gegen dich anzutreten?

Lara: Ja, klar. Ich frage dann aber auch oft von mir aus, ob sie gegen mich spielen wollen oder lieber nicht. Mit meinen Freunden ist es mehr Gaudi und nicht so wirklich ernst. Absichtlich gewinnen lasse ich sie zwar auch nicht, aber besonders anstrengen muss ich mich da dann meistens nicht. Es klappt auch so.



Welche Erfahrungen musstest du mit Neid und Missgunst machen?

Lara: In der Schule habe ich damit gar keine Erfahrung gemacht, da finden es alle eigentlich ziemlich lustig, daß ich Schach spiele. Aber bei einigen Zuständigen vom Schachbund merkt man teilweise schon, daß die einem nichts gönnen, obwohl man dafür hart gearbeitet hat. Die erkennen die Leistung manchmal gar nicht an und können nicht einfach sagen, die hat es sich verdient.

Wie läßt sich Schule und Schach bei dir vereinbaren?

Lara: Meine Freunde sammeln mir die Blätter und Unterlagen aus dem Unterricht und erklären mir dann auch alles, wenn ich mal etwas nicht checke. Das klappt eigentlich alles immer ganz gut. Wenn ich wieder zurückkomme fragen mich die Lehrer dann immer kurz wie alles war, aber dann geht's auch schon sofort weiter mit dem Unterricht.

Andere Mädels in deinem Alter interessieren sich mehr für "Popstars" oder "Germany's Next Topmodel" - wäre das was für dich?

Lara: Diese Topmodel-Reihe habe ich mir natürlich auch angeschaut und ich finde die auch ganz klasse, die da gewonnen hat, aber für mich wäre das gar nichts. Mich da hinstellen und rumlaufen, das würde ich nicht machen. Singen und Tanzen würde ich sehr gerne machen, aber das ist natürlich immer eine Zeitfrage. Ich singe sehr gerne und schaue mir derzeit auch "Popstars" an. Ich finde es schade, daß man sich so arg verstellen muss, nur um weiterzukommen. Deswegen bewundere ich es immer mehr, wenn man auf dem Teppich bleibt und einfach man selbst ist - das versuche ich auch immer selber so gut es geht.

Was ist eine blöde Angewohnheit oder Macke von dir?

Lara: Das Fingernägelknabbern würde ich gerne abstellen bei mir. Das ist voll schlimm. Beim Schachspielen mache ich's laufend und auch ab und zu in der Schule. Aber total unbewußt, ich bekomme das oft gar nicht mit, daß ich am Knabbern bin. Und ich bin eine Schlafkappe. Morgens komme ich einfach nicht aus dem Bett.



Was war bislang der wichtigste oder schönste Moment in Deinem Leben?

Lara: Als ich die EM oder die WM gewonnen habe, das war natürlich toll. Oder einfach auch wenn ich ein gutes Feedback bekomme von Fernsehsendern oder von Zeitungen. Daß Reporter und Journalisten sich bei mir melden, das ist schon etwas Schönes eine Art Bestätigung, die einem andere Leute vielleicht einfach nicht geben.

Was vermisst du in deinem Leben?

Lara: Ich vermisse meinen Hund. Der ist vor einiger Zeit gestorben. Und meinen Onkel, der leider auch nicht mehr lebt.

Ohne was willst und kannst du nicht mehr leben?

Lara: Ohne meine Freunde, die sind ganz wichtig für mich. Und natürlich ohne meine Familie und das Schach spielen.

Wie sehen deine Zukunftspläne und Ziele für die nächste Zeit aus?

Lara: Im Schach ist mein Ziel die dritte und letzte WGM-Norm zu kriegen und damit den Titel Frauen-Großmeisterin. Aber ansonsten würde ich gerne mit Freunden eine Tour machen. Zwei Wochen auf dem Boot einfach nur durch die Gegend schippern.

Mit wem würdest du gerne mal eine Partie Schach spielen?

Lara: Mit der Ungarin Judit Polgár. Das ist die einzige Frau weltweit, die mit den Männern mithalten kann. Sie hat schon Anatoli Karpow in einer Schnellpartie und auch Garri Kasparow geschlagen.

Was rätst Du jungen Mädchen, die vorhaben Schachspielerin zu werden?

Lara: Früh anfangen, viele Turniere spielen und Training einholen - möglichst aber nicht von den eigenen Eltern.

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Zur Person Lara Stock

Die 14-jährige Lara Stock aus Freiburg gewinnt seit vielen Jahren am Schachbrett - ob bei Europameisterschaften, diversen Schach Open oder Weltmeisterschaften. Aufgrund von Unstimmigkeiten zwischen dem Deutschen Schachbund (DSB) und der Familie Stock, startet Lara allerdings für Kroatien, das Heimatland ihrer Mutter. Der DSB wollte Lara nicht zur Weltmeisterschaft 2002 mitnehmen. Lara wurde unter der Flagge Kroatiens Schachweltmeisterin 2002 in der U-10 und Europameisterin 2004 in der U-12.



Die internationale Bühne betrat Lara Stock 2001. Bei der Jugend-Weltmeisterschaft im spanischen Oropesa del Mar belegte sie einen guten neunten Platz, bereits ein Jahr später wurde Lara in Griechenland Weltmeisterin. In der Schachwelt galt das als Sensation, denn bis dahin besetzten stets Kinder aus Russland, China, Indien und der Ukraine die vorderen Ränge. Seit 2003 spielt Lara Stock gegen Erwachsene in der deutschen Bundesliga, für die kommende Saison hat sie der Schachclub Hamburg verpflichtet. Ihre Wertungszahl (DWZ) 2195 weist sie derzeit als eine der besten deutschen Schachspielerinnen in ihrer Alterklasse aus, und nach ihrer internationalen Wertungszahl (ELO 2245) gehört sie in ihrer Altersklasse zu den vier Besten in der Welt.

Bei allen Turnieren ist Laras Vater an ihrer Seite. Er war Laras erster Trainer und hat vor einigen Jahren den Schachclub Freiburg-Wiehre gegründet, der in der Freiburger Innenstadt ein Schachhaus unterhält und zahlreiche Kinder und Jugendliche trainiert. Seit sieben Jahren wird Lara von Großmeister Philipp Schlosser aus Baden-Baden trainiert, seit langer Zeit auch vom kroatischen Großmeister Ognjen Cvitan. Lara darf sich nach den Regeln der Fédération Internationale des Échecs Internationale Meisterin nennen. Diesen Titel erlangt, wer bei international besetzten Turnieren eine bestimmte Punktzahl erreicht. Trotz ihrer phänomenalen Erfolge im Schachsport, ist Lara ein ganz natürliches, liebenswertes, offenes, fröhliches, neugieriges, hübsches junges Mädchen, das vor Lebensfreude sprüht.

Steckbrief

  • Name: Lara Stock
  • Alter: 14 Jahre
  • Herkunft: Ich bin ein echtes Freiburger Bobbele und auch schon ganz oft ins Bächle getreten ;)
  • Schule: Goethe-Gymnasium Freiburg
  • Lieblingsfächer: Geschichte, Englisch
  • Hobbys: Tennis, Schach, alle Ballsportarten, Schwimmen
  • Musik: Shakira, Alicia Keys und ganz besonders Christina Aguilera
  • Schachidol: Judit Polgár