Landgericht: Keine nachträgliche Sicherungsverwahrung - Max kommt frei

Robert Hotop

Unter Vorsitz der Vizepräsidentin des Landgerichts Eva Voßkuhle wies das Schwurgericht am Dienstag den Antrag von Oberstaatsanwalt Eckart Berger auf Anordnung der nachträglichen Sicherungsverwahrung gegen Max ab. Ungefähr 40 Zuschauer und Journalisten verfolgten gespannt den Prozessverlauf. Die Sitzplätze des kleineren Sitzungssaals III waren fast vollständig belegt, während sich beim ersten Termin eine Woche zuvor noch lediglich eine Handvoll Journalisten, Max' Eltern und drei Zuschauer für den Fall interessiert hatten.



Beweisaufnahme: Die Befragung der Gutachter

Das Gericht steigt zunächst erneut in die Beweisaufnahme ein, die in der letzten Woche ergeben hatte, dass letztlich beide vom Gericht bestellten forensischen Gutachter die Tatbestandsvoraussetzung des § 7 II JGG (Jugendgerichtsgesetz) auf Nachfrage von Richterin Eva Voßkuhle abgelehnt hatten: Sie konnten keine Tatsachen erkennen, die auf eine erhebliche Gefährlichkeit des Max für die Allgemeinheit hinweisen, da die Gesamtwürdigung des Verurteilten, seiner Taten und ergänzend seiner Entwicklung während des Vollzugs nicht ergab, dass Max „mit hoher Wahrscheinlichkeit“ erneut Straftaten gegen das Leben oder die körperliche Unversehrtheit anderer Menschen begehen wird.

Nun haben Gericht, Staatsanwalt und Verteidigung noch einmal die Möglichkeit, genauer nachzufragen, wie die Sachverständigen, Professor Tilman Elliger und Doktor Wolfgang Dittmar, zu dieser Beurteilung gekommen sind.

Dissoziales Verhalten und narzisstische Störung

Elliger weist zunächst noch einmal auf die Besonderheiten der Täter-Opfer-Beziehung bei beiden Tötungsdelikten hin: Typischerweise gebe es zwischen einem dissozialen Täter und seinem Opfer keine enge Beziehung wie zwischen Max und seinem 1997 getöteten Klassenkameraden und dem in der Nacht zum zweiten Weihnachtstag getöteten Vereinskameraden.

Max sei auch nicht verwahrlost gewesen. Bei den Taten habe die Ursache eher in einer neurotischen Störung gelegen: Seit seiner Kindheit sei Max mit der Alltagsweltlichkeit nicht klargekommen und habe Frustrationserlebnisse durch Arroganz und intrigantes Verhalten zu kompensieren versucht. Die für dissoziale Störungen typischen Delikte wie Ladendiebstahl, Körperverletzungen oder das „Abziehen“ anderer Kinder gab es hingegen bei Max nicht. Auch die Diagnose einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung relativiert Elliger aus methodischen Gründen: Zwar sei diese Problematik wohl vorhanden, die Zuverlässigkeit der Diagnose anhand von Checklisten aber relativ schlecht.

Max verfüge über die Intelligenz, Therapieerfahrenheit und sprachliche Gewandtheit, standardisierte sogenannte Offenheits- und Lügenskalen, die normalerweise bei solchen Gutachten zum Einsatz kommen, zu durchschauen. Deshalb habe Elliger stattdessen einen „individual-psychologischen“ Ansatz zur Aufklärung verschiedener Persönlichkeitsbereiche gewählt.

Dittmar entschied sich hingegen für den „klassisch-psychiatrischen“ Zugang, stellt die narzisstische Problematik bei Max in den Vordergrund und rekonstruiert, dass bestimmte stabile Verhaltens- und Erlebnisweisen, subjektiv und von der Umwelt erlebte Fehlanpassungen, sich von der Grundschule über das Gymnasium, den Eintritt der Pubertät und die Zeit auf der Hauptschule bis zum ersten Tötungsdelikt, über die erste Haft und das folgende zweite Tötungsdelikt bis in die ersten Jahre in der JVA fortsetzten.

Max habe kontinuierlich und ohne Rücksicht auf soziale Regeln und Statuten, wahrscheinlich wegen der gestörten Beziehung zu seiner jüngeren Schwester, mit der er konkurrierte, eine verfestigte Problematik entwickelt. Eventuell spiele dabei auch ein „gewisser biologischer Faktor“ eine Rolle. Das bedeute aber nicht, dass man gar nicht mehr intervenieren könne: Zumindest ein Teil der Problematik könne behandelt werden, und das sei ja auch teilweise in den letzten anderthalb Jahren schon gelungen. Er sei von der Überlegung ausgegangen: „Was spricht dafür, dass er es nicht mehr tut“.

So brandgefährlich sei Max nicht mehr, es sei möglich, dass er es nicht mehr tut. Man könne auch nicht sagen, Max hätte auf jeden Fall in der Tatnacht im Bermuda-Dreieck jemanden „angestochen“. Die Tat sei auch stark situativ bedingt gewesen, dennoch habe er auf die Herabsetzung seiner Persönlichkeit in für ihn typischer Weise reagiert.

Hier wendet Richterin Vosskuhle ein, dass Max sich „verbal“ deutlich weiterentwickelt habe. Ihre Frage sei nun: Repetiere Max nur in der Haft angelesene psychologische Literatur und in der Therapie gelernte erwünschte Entwicklungen, oder gelinge es ihm auch auf der Handlungsebene, gefährliche Situationen zu erkennen und seine Erkenntnisse über sich selbst und seine Impulsivität umzusetzen? Dass er immer ein Messer dabei habe, sei ja relativ leicht zu vermeiden. Könne Max Verhaltensstrategien für solche Situationen erlernen und auch umsetzten?

Dittmar antwortet, Max habe ihm versichert, sich geändert zu haben, er sei jetzt religiös und mache gegenwärtig an einer Therapie. Natürlich seien seine Aussagen in Teilen repetitiv, aber nicht im Sinne von „auswendig gelernt“, vielmehr habe Max tatsächlich gelernt, therapeutische Ratschläge anzunehmen. Es sei zwar nicht sicher, aber doch möglich und gebe Anhaltspunkte dafür, dass er jetzt Frühwarnsignale wahrnehme. Max äußere jetzt, dass er schuldig war, und ziehe sich nicht mehr darauf zurück, dass er zunächst von den späteren Opfer provoziert und angegriffen worden sei. Man wisse aber nicht positiv, ob er tatsächlich in einer ähnlichen Situation in der Lage sei, sich entsprechend zu steuern. Immerhin habe es im Vollzug in den letzten Jahren zwar keine totale Verhaltensänderung gegeben, aber doch deutlich weniger Sticheleien gegenüber Mitgefangenen. Max erkenne seine Verantwortlichkeit, so dass man trotz kleiner Rückfälle in alte Verhaltensmuster wesentliche Verbesserungen feststellen könne. Jedenfalls aber sei Max nach wie vor auf weitere, intensive Behandlung und Therapie angewiesen.

Richterin Voßkuhle meint, dass doch in der Therapie auch aktuelle Probleme, die möglicherweise zu einer erneuten Eskalation führen könnten, bearbeitet werden könnten?

Ja, so Dittmar, durchaus, Max könne dort lernen: „Hoppla, jetzt muss ich aufpassen“, in dieser Hinsicht sei sein bisheriger Fortschritt aber noch nicht befriedigend.

Elliger ergänzt, dass Menschen vor allem kognitiv dazu lernen könnten. Kognitive Erkenntnisse wiederum ermöglichten auch affektive Einwirkung. Max habe mittlerweile, wenn auch relativ spät, endlich gelernt: „Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus.“ Dafür spreche jedenfalls sein im Vollzug gegenüber den Mitgefangenen deutlich verbessertes Verhalten, seine Versuche, eigene subjektiv erlebte Abqualifizierung durch die Abqualifizierung anderer zu kompensieren, seien zurückgegangen. Max unternehme auch nicht mehr den Versuch, sein Fehlverhalten um jeden Preis zu rechtfertigen. Diese Verhaltensänderung sei nicht nur als opportunistisch und diffus angelesen zu bewerten, sondern Max habe tatsächlich verstanden, dass es ihm früher immer darum ging, das „letzte Wort“ zu behalten, wobei Elliger damit auch die Tötungsdelikte meint. Auch die Ursache der von Max selbst ausgelösten Krisen, seines „sensation seeking behaviour“, mit dem er seine Freundin Geraldine in suizidales Verhalten getrieben habe, sei ihm im Rahmen seiner Selbstauseinandersetzung ebenso bewusst geworden wie sein schäbiges Verhalten gegenüber der jüngeren Schwester.

Andererseits bekomme Max seine Impulsivität nach wie vor nur schwer in den Griff. Allerdings gebe es auch für diese Problematik kognitive Strategien, die eine Art „prothetische“ Form der Selbststeuerung ermöglichten, obwohl eine grundsätzliche Änderung in diesem Bereich niemandem möglich sei. Das bedeute im Klartext, Max müsse lernen, bevor er die Hand hebe, noch einmal nachzudenken. Auch sein Narzissmus sei in den Griff zu bekommen. Elliger meint, in Max´ Hinwendung zur Religion und einer von ihm bekundeten Bescheidenheit vor dem Tod und vor Gott im Rahmen seiner Kontakte zum „Schwarzen Kreuz“, das ihn auch nach der Haftentlassung weiter betreuen wolle, ein positives Signal zu erkennen.

Das Problem eines ausgeprägten Empathie-Mangels, also des Unvermögens, sich in andere Menschen, aber auch in sich selbst, hinein zu fühlen, hält Elliger dagegen „in gewisser Weise für biologisch bedingt, aber ein Stück weit steuerbar: Wenn man ein Lächeln aufsetzt, fällt es schwerer, traurig oder bitter zu bleiben“. Letztlich sei er da aber skeptisch und wisse nicht, wie weit Max hier kommen werde, wolle dies aber auch nicht als Argument gegen Max verstanden wissen: „Das ist einfach so.“

Dittmar sieht das ähnlich: Bis zu einem gewissen Grad könne kognitive Wahrnehmung ersetzen, und hier habe Max durchaus Fortschritte gemacht. „Aber wie er das außerhalb des Vollzugs umsetzen kann, der Grad der Automatisierung kognitiver Hilfsmechanismen, ist unsicher und bereitet mir Bauchschmerzen.“ Man könne nicht sagen, wie gut die Schema-Erkennung in Belastungssituationen bei Max funktioniere, obwohl einiges dafür spreche, dass er dazu gelernt habe.

Zum ersten Mal an diesem Tag spricht Elliger Max direkt an, das sei ja hier jetzt alles ziemlich abstrakt. Max nickt energisch und sagt: „Ich hab´s verstanden, glaube ich.“

Die Not der Gutachter

Die Gutachter sind sich da nicht so sicher, deswegen ist ihre Not in diesem Verfahren groß, und aus Elliger bricht es jetzt heraus: „Solche Gutachten macht man angesichts der Tragweite nicht gern, man duckt sich lieber weg, überlegt immer hin und her, vielleicht gibt es deshalb keine einheitliche Beurteilung, wir sind alle Menschen“ Und Dittmar pflichtet dem Kollegen bei: „Als Gutachter sind wir in Sorge um eventuelle Opfer, aber auch in Sorge darüber, dass es jemanden die Freiheit kostet.“

Richterin Voßkuhle sucht nach weiteren handfesten Anhaltspunkten, die für eine tatsächliche Wandlung von Max sprechen könnten: „Max ist in der Haft nicht durch Körperverletzung aufgefallen, es gab nur Sticheleien. Ist das möglicherweise ein Zeichen dafür, dass er sich in Griff hat?“ Aber Elliger meint klar: „Nein. Denn in der Haft kann man sich nicht mit einem Messer bewaffnen.“ Darauf Voßkuhle: „Aber das geht in der Haft doch auch.“ Elliger: „Ja, aber solche Kontrahenten haben ein anderes Kaliber als Schul- oder Vereinskameraden.“ Dittmann stimmt zu: „Die Umstände in der JVA sind so, dass das Ausbleiben von Körperverletzungen für die Prognose nur bedingt verwertbar ist.“

Therapiemöglichkeiten innerhalb und außerhalb des Vollzugs

Vosskuhle wechselt das Thema: „Max braucht eine Sozialtherapie. Könnte man das außerhalb der Haft ambulant machen, im Hinblick auf mögliche Auflagen?“ Dittmar verneint: „Derartige Therapien sind ambulant nicht möglich, sondern erfolgen in speziellen Anstalten. Die Therapien im JVA-Krankenhaus Hohenasperg wurden zweimal abgebrochen. Auch in Offenburg gäbe es Sozialtherapien mit Wohngruppen-Situation, in denen ein Ausweichen vor der ständigen Konfrontation mit Mitgefangenen und Personal für Max sehr schwer wäre, der Schwerpunkt liegt dort auf Gruppentherapie. In Freiheit gibt es leider kein vergleichbares Therapieangebot.“

Und Elliger ergänzt: „Während ambulante Therapien gleichsam 'in vitro' stattfinden, hätten wir bei der Sozialtherapie eine 'in vivo' Situation mit unmittelbarer Konfrontation. Dort wäre die Entwicklung sozialer Kompetenz möglich, die Leute bringen sich durch gegenseitige Kritik zur Weißglut, das wäre eine ganz andere therapeutische Herausforderung für Max.“ Voßkuhle: „Und außerhalb des Vollzugs ist eine derartige Sozialtherapie nicht möglich?“ Elliger: „Nein.“ Auch von einer medikamentösen Therapie zur Impulskontrolle verspricht sich Dittmar nicht allzu viel: Die könne versucht werden, aber: „Man kann nicht sagen, das nimmt er und dann ist die Problematik erledigt.

Wie wird sich Max in Freiheit verhalten?

Entscheidend für die Beurteilung des Antrags auf nachträgliche Sicherungsverwahrung ist die Prognose der Gutachter, wie Max sich in Freiheit verhalten wird. Dittmar betont, dass sich die Konflikte, die zu den Taten geführt hatten, über einen längeren Zeitraum aufgebaut hatten: „Es ist eben nicht so, dass Max durch die Stadt läuft, provoziert wird und dann jemanden absticht.“

Oberstaatsanwalt Berger will wissen, ob Max denn in Freiheit in der Lage wäre, sich ein befriedigendes soziales Umfeld aufzubauen, welche Chancen und Risiken bestünden. Elliger betont dessen hohe Kontaktfähigkeit. Max sei charmant, könne sich interessant machen, werde wahrscheinlich schnell einen Bekanntenkreis aufbauen können, da er ein gewisses Niveau signalisiere, das „Hartz-IV-Milieu“ werde er schon durch entsprechende Kleidung vermeiden, aber: „Ich spreche hier von Bekanntschaften, nicht von Freundschaften.“ Sicher werde er auch Intimkontakte suchen, vielleicht nicht mehr ganz so hoch greifen wie bei Geraldine.

Die Problematik liegt für Berger darin, dass Max wohl Zugang zum studentischen Milieu suchen, entsprechende Bücher und Zeitungen lesen, es dort aber dennoch schwer haben werde, als „ungelernter Kurierfahrer“ zu bestehen. Wie er denn dann damit umgehen werde, will Berger wissen. Dittmar hält es für absolut notwendig, dass Max seine bei einem Freiburger Spezialisten begonnene ambulante Therapie fortsetze, um bei aufkommender Frustration sofort intervenieren zu können.

Richterin Voßkuhle bedankt sich und entlässt Elliger und Dittmar.

Das Plädoyer der Staatsanwaltschaft

Oberstaatsanwalt Eckart Berger betont, dass auch er, wie die Gutachter Elliger und Dittmar, große Probleme mit diesem Verfahren habe: „Es ist schwierig, es zermürbt einen.“ Eine solche Entscheidung treffe man nicht leicht und nicht gern. Es bestünde aber eine Schutzpflicht, die Gesellschaft vor schweren Straftaten zu bewahren, und er komme zu dem Schluss, dass „eine hohe Wahrscheinlichkeit“ bestehe, dass Max erneut derartige Delikte begehe. Deshalb beantrage er die nachträgliche Sicherungsverwahrung für Max. Das Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte hält er nicht für einschlägig, es sei auf die nachträgliche Sicherungsverwahrung nach § 7 II JGG nicht anwendbar.

Im vorliegenden Fall sei auch der „außergewöhnliche und seltene Ausnahmefall“ anzunehmen, den der BGH als Voraussetzung für die Verhängung der nachträglichen Sicherungsverwahrung nach § 7 II JGG verlange: Immerhin habe Max bereits mit 18 Jahren auf die gleiche Weise zwei Menschen umgebracht, mit extrem hoher Rückfallgeschwindigkeit innerhalb von nur neun Monaten nach der ersten Haftentlassung und trotz bester Startbedingungen wie Familientherapie und neuer Freundin.

Das Gericht habe die hohe Wahrscheinlichkeit der Begehung neuer Straftaten in absehbarer Zeit unabhängig von den Gutachtern rechtlich zu beurteilen. Berger verweist darauf, dass Empathielosigkeit und fehlende Impulskontrolle nur sehr schwer zu behandeln seien, auch wenn kognitive Strategien entwickelt werden könnten. Eine Sozialtherapie sei erforderlich, habe aber nicht stattgefunden. Ob es tatsächlich eine kognitive Fortentwicklung gegeben habe, bezweifelt er. Vermeintliche Erkenntnis könnte von Max als therapeutisch erwünscht vorgeschoben worden sein. Der für Max zuständige JVA-Beamte bezweifle, dass Max wirklich etwas verstanden habe, auch wenn er in Hinblick auf die drohende Sicherungsverwahrung sein Verhalten gegenüber Mitgefangenen in den letzten ein oder zwei Jahren geändert habe. Die Staatsanwalt gehe daher nicht davon aus, dass eine kognitive Erkenntnis in schädliche Verhaltensmuster tatsächlich stattgefunden habe.

Die zu erwartenden Bedingungen nach einer Entlassung seien „geradezu Humus“, erneut straffällig zu werden: Die Eltern könnten Max nicht helfen, als 28-Jähriger werde Max ausbrechen. Nach wie vor bestehe die nicht aufgearbeitete Selbstwertproblematik. Zwar sei Max im Gefängnis zuletzt integriert und anerkannt bei Mitgefangenen gewesen, dafür gebe es aber nach einer Haftentlassung keinen entsprechenden Ersatz. Berger verweist weiter darauf, dass Max nach Ansicht der Gutachter zwar Bekannte, aber keine Freunde finden werde, das sei ihm noch nie gelungen. Die Staatsanwaltschaft leite daher aus konkreten Umstanden ab, dass es in absehbarer Zeit wieder zu schweren Straftaten kommen werde. Berger verweist weiter auf fehlende Möglichkeiten einer ambulanten Therapie, es könne also nicht effektiv auf Max eingewirkt werden. Das Gericht müsse in seine Prognose den bisherigen Vollzugsverlauf, das zweimalige Scheitern einer Sozialtherapie und die Verweigerung regelmäßiger Arbeit berücksichtigen, was Max als „psychisch Gesunder“ selbst zu verantworten habe.

Die beantragte Sicherungsverwahrung werde im übrigen eine andere sein als der normale Strafvollzug, durch den behandelnden Psychiater seien bereits die Grundlagen für eine neue Sozialtherapie geschaffen worden.

Das Plädoyer des Prozessbevollmächtigten

Rechtsanwalt Jörg Habetha stellt fest, dass die Voraussetzungen für die nachträgliche Anordnung der Sicherungsverwahrung nicht vorlägen. Die Staatsanwaltschaft befürchte nur, dass Max weiter Straftaten begehen werde, und bewege sich in einem hochspekulativen Bereich, den weder BGH noch Gesetzgeber für die Annahme einer „hohen Wahrscheinlichkeit“ genügen ließen.

Der Staatsanwalt spreche reflexhaft vom „Angeklagten“, es gehe aber eben nicht um einen Schuldvorwurf, sondern um die Wahrscheinlichkeit der Begehung weiterer Straftaten. Er, Habetha, sehe sich deshalb nicht als „Verteidiger“, sondern als „Prozessbevollmächtigten“. Die von Max begangenen Straftaten seien durch starke situative Elemente gekennzeichnet, zudem habe das Gericht damals hinsichtlich des zweiten vollendeten Totschlags immerhin das objektive Vorliegen einer Notwehrlage bejaht und lediglich die subjektiven Voraussetzungen verneint. Darauf wolle er aber gar nicht abstellen.

Beide Gutachter seien nicht in der Lage gewesen, ihre Ergebnisse unter die Voraussetzungen des § 7 II JGG zu subsumieren. Elliger habe „eine 4“ gegeben, und auch Dittmar habe eine „hohe Wahrscheinlichkeit“ der Rückfälligkeit abgelehnt. Es liege bei Max auch kein „außergewöhnlicher seltener Ausnahmefall“ vor, der eine Anwendung von § 7 II JGG rechtfertigen könne. Hier hätten BGH und Gesetzgeber Fälle schwerer sadistischer sexueller Abweichung im Auge gehabt, davon könne bei Max nicht die Rede sein.

Die Gutachten der Sachverständigen dürften nicht umgedeutet werden. Max habe in Haft kein einziges Körperverletzungsdelikt begangen – trotz dissozialer und impulsiver Persönlichkeitsstörung.

Habetha erkennt zwar in § 7 II JGG einen Verstoß gegen die Europäische Menschenrechtskonvention und ist der Ansicht, das die nachträgliche Sicherungsverwahrung abgeschafft werden soll. Er meint, dass es keinen Unterschied zwischen der nachträglichen Sicherungsverwahrung im Jugend- und Erwachsenenstrafrecht gebe, da die Vorschriften des Erwachsenenstrafrechts im Jugendstrafrecht bis auf wenige Ausnahmen entsprechend angewendet werden müssten. Es sei daher bereits fraglich, warum dieses Verfahren überhaupt durchgeführt worden sei. Glücklicherweise habe aber die Beweisaufnahme klargestellt, dass schon die materiellen Voraussetzungen des § 7 II JGG nicht vorlägen.

Richterin Voßkuhle erteilt Max das letzte Wort: „Ich möchte mich nur meinem Rechtsbeistand anschließen.“


Die Entscheidung

Um drei Uhr tritt das Gericht erneut zusammen, die Anwesenden erheben sich, und Richterin Voßkuhle weist den Antrag der Staatsanwaltschaft auf Anordnung der nachträglichen Sicherungsverwahrung ab.

Voßkuhle bekundet noch einmal, dass sich mit einem solchen Verfahren alle Beteiligten schwer täten. Es gehe um viel für die Gesellschaft. Auf der einen Seite seien die Sicherheitsinteressen der Allgemeinheit, auf der anderen Seite das Interesse an Freiheit berührt. Vieles sei eine Frage der Perspektive. Die nachträgliche Sicherungsverwahrung sei nicht schon dann anzuordnen, wenn weitere schwere Straftaten nicht ganz ausgeschlossen oder gut möglich seien, sondern erst bei „hoher Wahrscheinlichkeit“. Damit lägen schon die einfachgesetzlichen Voraussetzungen des § 7 II JGG nicht vor. Erst in einem zweiten Schritt wäre zu überlegen gewesen, ob dieses Gesetz nach den Artikeln 7 und 5 EMK einzuschränken sei.

Die höchstrichterliche Rechtsprechung beschränke die Anwendbarkeit des § 7 II JGG auf außergewöhnliche, seltene Ausnahmefälle. Danach könne im hier zu entscheidenden Fall keine „hohe Wahrscheinlichkeit“ festgestellt werden. Das Votum der Sachverständigen habe eine hohe Bedeutung, und deren Gutachten seinen für das Gericht plausibel gewesen. Beide hätten die „hohe Wahrscheinlichkeit“, dass Max rückfällig werde, verneint. Ein gewisses Restrisiko reiche nicht aus, zumal es in Ansätzen eine positive Entwicklung bei Max gebe.

Das Gericht gehe auch mit den Sachverständigen davon aus, dass Max' Fortschritte nicht vorgetäuscht seien, dass sei bei einer mehrtägigen stundenlangen Untersuchung aufgrund dessen impulsiven und unkontrollierten Verhaltens nicht plausibel. Positiv wertet Voßkuhle auch Max' Integration beim „Schwarzen Kreuz“, der Gefangenen-Hilfsorganisation. Die von Max begangenen Totschläge seien zudem sehr spezifisch gewesen und nicht „von jetzt auf gleich“ begangen worden, sondern hätten sich über einen längeren Zeitraum aufgebaut. Hier könne in Zukunft interveniert werden.

Appell an Max

Richterin Eva Voßkuhle appelliert an Max: „Wenn Sie wieder das Gefühl haben, Waffen tragen zu müssen, betrachten sie das als Warnsignal und suchen sie sich Hilfe!“ Max nickt. Und eindringlich warnt Voßkuhle: „Es geht um sie und Ihr zukünftiges Leben. Sie sollten aus der Ablehnung des Antrags nicht folgern, dass alles in Ordnung ist. Sie müssen mit Ihrem Therapeuten zusammenarbeiten und sich Arbeit suchen. Wenn so etwas noch einmal passiert, geht es nicht mehr um nachträgliche, sondern um originäre Sicherungsverwahrung. Wir wünschen Ihnen alles Gute für den weiteren Lebensweg, arbeiten Sie weiter an sich!“

In einem weiteren Verfahren, das Max noch bevorsteht, können im Rahmen der Führungsaufsicht bestimmte Anordnungen getroffen werden, zum Beispiel, dass Max kein Messer oder andere gefährliche Gegenstände bei sich tragen und bestimmte Orte nicht aufsuchen darf.

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  [Bild: Ingo Schneider]