Ólafur Arnalds im Spiegelzelt: Isländische Verhältnisse

Carolin Buchheim & Ruben Sakowsky

Samstagabend auf dem ZMF, kurz vor 22 Uhr. Im Zirkuszelt hauen Schandmaul ein letztes Mal auf diverse Mittelalterinstrumente ein, dumpf dröhnt der Trommelschlag über das Festivalgelände. Auf dem Platz lautes Getümmel und lange Schlangen an den Freßständen - und im Spiegelzelt ist es muxmäuschenstill. Wie es beim Sitzkonzert von Ólafur Arnalds unter isländischen Bedingungen war:



Plopp. Plopp. Plopp. Es tropft im Spiegelzelt. Allerdings nicht - wie sonst so oft  - der Schweiß von der Decke - es tropft Klang aus den Lautsprechern: ein Regensturm, eine Tropfsteinhöhle, ein Sample des ZMF-Startabend-Regens, wer weiß. Dazu spielt Ólafur Arnalds auf dem Schimmel-Flügel. Erst plätschernd, dann drängelnd, treibend, ausschweifend, und die Band - in diesem Fall ein Streichquartett plus Frickelei-Fachmann - geht in die Vollen. Dazu reichlich dramatisches Gegenlicht - bis die Diskokugel am Zeltdach angeschaltet wird, und ihre Lichtflecken auf das Publikum auf den Sitzplätzen wirft.

Da halten Paare Händchen, liegen Köpfe auf Schultern und so mancher wischt sich Tränen aus den Augenwinkeln. Während draußen gefeiert und im Zirkuszelt ge-mittelaltert wird gibt's im Spiegelzelt große Musik, große Beleuchtung, große Emotion bei isländischen Verhältnissen. Es ist kalt, sehr kalt im Zelt - draußen sind 12°C, drinnen vielleicht 17° oder 18°, aber die Musik erwärmt zwar nicht Hände, aber zumindest das Herzchen.

Abwechslungsreich ist Ólafur Arnalds Musik nicht. Die meisten Tracks scheinen nach dem gleichen Strickmuster zu entstehen: Piano-Intro - bisschen Streicher - mehr Streicher - mehr alles - kurz vor dem Höhepunkt ein wenig Elektrogefrickel rein (das erwähnte Plätschern, ein bisschen Radiogeräusche, ein wenig mehr U-Boot-Sounds) - und dann wieder runter - fade out. Und er funktioniert trotzdem, dieser Sound: der Gesamteindruck ist durchschlagend hypnotisch, die Gesamtwirkung geradezu beängstigend. In dieser Musik verliert man sich und die Zeit; treibt so vor sich hin, wippt im Breakbeat der Elektrofrickelei mit, schwingt den sitzenden Körper sanft im Kitsch der Streicher mit. Der Kopf schaltet auf Kopfkino-Mode und übrig bleibt die Emotion. Irgendwo zwischen Schnief!, #hach und ohwieschön.

Der Zeremonienmeister am Flügel ist dazu über-charmant und sich der Wirkung seiner Musik bewusst. Geradezu genüsslich weist Ólafur Arnalds darauf hin, dass der Song 'Ljósið' ursprünglich für die Werbung eines Sanitärherstellers gedacht war. "Auf YouTube lese ich gerne dazu die Kommentare. Da hat jemand geschrieben, dass ich bestimmt auf der Spitze eines isländischen Vulkans gestanden hätte, kurz nachdem ich die Liebe gefunden hatte, um das Lied zu komponieren." Er kichert. "Aber das ist ein Song über Badewannen!" Tatsächlich dauert es ein bisschen, sich nach dieser Information in dem Lied zu versenken - klappt aber schließlich trotzdem.

Und auch sonst klappt alles, an diesem Abend, passt die Stimmung. Nur ab und zu stört Geschrei vom Platz, das Knistern von Pommestüten (!) in der letzten Reihe oder das nervige Piepsgeräusch eines DSLR-Autofokus die Stille zwischen den Tönen. Von Schandmaul ist im Spiegelzelt glücklicherweise nichts zu hören - deren Konzert war pünktlich um fünf vor zehn vorbei.

Arnalds hatte sich die Band vor seinem eigenen Konzert übrigens angeguckt. "Ich war heute Abend bei dem Konzert im anderen Zelt", sagt er. "Da spielt eine Goth Balkan-Band und 2000 Leute, die jede Zeile kennen, singen die Lieder mit. Auf Deutsch. - It was the strangest thing I've ever seen."



[FYI: Wir wollten die Stille des Konzerts nicht unnötig durch das Klicken der Kamera stören - deswegen gibt es von diesem wunderbaren Konzert weniger Fotos als sonst üblich.]

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Foto-Galerie: Ruben Jacob Fees

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