Lächeln und Schweigen: Auf Kneipentour mit Frank-Walter Steinmeier

Manuel Lorenz

Gestern Abend, nach seiner Veranstaltung im Jazzhaus, lud Frank-Walter Steinmeier zur Kneipentour ein. Dass es nur ein 20-minütiger Pitstopp in der Warsteiner-Galerie werden sollte, konnte fudder-Redakteur Manuel Lorenz nicht ahnen. Sein Ziel war: den Langweiler-Steinmeier vergessen machen und den Mittelfinger-Steinmeier zum Vorschein bringen. Ob's geklappt hat:



Kneipentour mit Frank-Walter Steinmeier. Das klingt für naive Ohren wie “Saufen mit Steini” oder “Absturz mit Frank”. Nach der Möglichkeit, dem Fraktionsvorsitzenden der SPD-Fraktion die Politiker-Maske vom Gesicht zu reißen und sein wahres Menschen-Antlitz zu schauen. Alkohol als Wahrhaftigkeitskatalysator. Als Antidot gegen postdemokratische Phrasendrescherei. Steinmeier trinkt das erste Bier: Er bietet mir das Du an. Steinmeier trinkt das dritte Bier: Er lehnt sich zu mir rüber. Steinmeier trinkt das fünfte Bier: Er legt seinen Arm um meine Schulter. Steinmeier kippt drei Kurze: "Wer kommt noch mit in die Playboy Lounge?" So weit mein Plan.


Ich bin gut vorbereitet. Ich habe alle Steinmeier-Porträts gelesen, die in deutschen Tageszeitungen erschienen sind. Ich habe seinen Wikipedia-Artikel auswendig gelernt. Ich habe mir auf YouTube Reden von ihm angesehen. Ich habe mir auf Amazon sein Buch bestellt, “Mein Deutschland. Wofür ich stehe”. Mein Ziel: den Langweiler-Steinmeier, den Kurnaz-Steinmeier, den Agenda-2010-Steinmeier vergessen zu machen und den Mittelfinger-Steinmeier, den Immer-dagegen-egal-Wofür-Steinmeier, den Deutschland-die-Beine-wegtreten-Steinmeier zum Vorschein zu bringen. Ich sehe die Schlagzeile schon vor mir: Stein Meier Scherben.

"Haben Sie vorher schon was getrunken?"

22 Uhr, Warsteiner-Galerie, wir sitzen uns direkt gegenüber. Er hat ein Bier vor sich, ich hab' ein Bier vor mir. Ich eröffne. "Früher hab' ich Sie immer mit Steinbrück verwechselt." Er lächelt. "Ja, das ist uns früher öfters passiert. Einmal, in New York, bin ich aus dem Bus gestiegen, und alle haben gerufen: Steinbrück! Steinbrück!" Gelächter. Ich schalte einen Gang hoch. "Wie machen Sie das, nie zu viel zu trinken und dann vielleicht doofes Zeugs zu sagen?" Er lächelt. "Wenn ich merke, dass meine Sprechweise sich verändert, höre ich auf." - "Dann sollte ich jetzt aufhören. Ich lalle." Steinmeier schaut auf mein halbvolles Bierglas. "Haben Sie vorher schon was getrunken?" - "Drei Gläser Weißwein. Erstens muss der weg, weil's jetzt wieder kälter wird und ich dann keinen Weißwein mehr trinke, sondern nur noch Rotwein. Zweitens wollte ich mich auf den Abend mit Ihnen einstimmen." Steinmeier lächelt und schweigt.

Gernot Erler, SPD-Kandidat des Wahlkreises Freiburg, erzählt, wie er von Tür zu Tür geht, um die Leute zum Wählen zu animieren. "Das kenn' ich!", sage ich. "Ich bin in einer Freikirche aufgewachsen! So was ähnliches wie die Zeugen Jehovas. Nicht ganz so schlimm, aber fast. Da sind wir auch immer von Tür zu Tür gegangen. Mir war das immer unheimlich peinlich." - "Das ist doch was anderes", sagt ein Juso, der rechts von mir sitzt, und mich in ein Gespräch verwickeln will. Zuerst denke ich: Die sind geschult. Die schirmen den Steinmeier gezielt vor mir ab. Die werfen sich in die Kugel meiner Gegenwart, damit er ja schön unversehrt bleibt. Dann denke ich: Vielleicht bin ich auch einfach nur paranoid. Vielleicht hab' ich einfach nur zu viel The West Wing und House of Cards geschaut. Vielleicht haben mir zu viele Frauen das Herz gebrochen. Vielleicht war ich zu lange in dieser Freikirche.

Wieder die Nervensäge

Ich schaff's, mich loszureißen, und konzentriere mich wieder auf Steinmeier. Er ist - na ja - vertieft in ein Gespräch mit einer Genossin aus dem Stühlinger. Ich nehme einen Schluck von meinem Bier und warte ab. Ich will wenigstens noch einer der Fragen stellen, die ich vorbereitet habe. Bisher war ja alles nur Warm-up und Vorgeplänkel. Ich merke, dass meine Zeit fast abgelaufen ist, ich spüre, dass ich vielleicht nur noch diese eine Chance hab'.

Sie schweigt. Er schweigt. Sie schweigt. Ich hebe an. "Herr Steinmeier, ich hab' da noch eine Frage."

Wieder die Nervensäge. Wieder der Typ, der denkt, er könne mich mit seinen billigen Tricks aus der Reserve locken. Wie er mir vorhin den aktuellen SPIEGEL mit dem Merkel-Cover auf den Tisch gelegt hat. Stümperhaft. Da bin ich schon mit ganz anderen Kalibern fertig geworden. Ich mach' hier noch meine 20 Minuten voll, trink' noch einen Schluck warmes Bier und schau, dass ich hier endlich wegkomm'.

"Herr Steinmeier, die Merkel-Raute. Irgendjemand muss sie ihr doch gezeigt haben, damals: ein Berater, ein Körpersprachen-Guru. Wenn jetzt Sie den Kerl engagiert hätten, durch einen blöden Zufall, nicht Merkel, hätten dann nicht vielleicht auch Sie die Wahl gewonnen, 2009?" Ich forme mit meinen Händen eine Raute und strecke sie ihm entgegen. Er lächelt und schweigt. Ich frage noch mal. "Herr Steinmeier: Wenn damals die Merkel-Raute zufällig in ihre Hände gefallen wäre, hätten dann nicht vielleicht auch Sie die Wahl gewonnen?" Wieder: Lächeln und Schweigen.

"Ich glaube, wir müssen so langsam", sagt Erler, und Steinmeier nickt. Er steht auf. Ich fasse mir ein Herz und versuch's ein letztes Mal. "Herr Steinmeier: Ich bin mir sicher, Sie wären heute Bundeskanzler, wären Sie damals nur irgendwie an diese Merkel-Raute gekommen." Steinmeier dreht sich noch einmal zu mir. Schaut mir ins Gesicht, schaut mir auf die Hände. Sie formen immer noch die Merkel-Raute. Er lächelt und schweigt. Dann dreht er sich weg und geht.

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