Ladies' Night & Welcome Drinks: Ist es fair, dass Frauen und Männer in Diskos ungleich behandelt werden?

Simone Martiny & Marco Peicic

Ladies' Night! Eintritt frei! Welcome Drinks für Ladies! Sekt 2,50! Mit diesen und vielen verschiedenen Angeboten versuchen Diskotheken in Freiburg und Umgebung, Frauen anzulocken. Vergleichbare Sonderangebote für Männer gibt es jedoch nicht. Das ist unfair. Und verstößt vielleicht auch gegen bestehende Gesetze.



Mittwochabend, 23 Uhr, Bermudadreieck. In der Diskothek Nachtschicht wird heute „Sparschicht“ gefeiert. Das Bezahlkonzept der Partynacht ist einigermaßen kompliziert, aber wird den Diskobesuchern an der Kasse ausführlich und freundlich erklärt. „Du als Frau hast heute eigentlich freien Eintritt,“ sagt der Mitarbeiter an der Kasse zu Katja (Name von der Redaktion geändert). „Aber ich rate Dir, drei Euro Eintritt zu bezahlen, dann kriegst Du zwei Freigetränke-Bons umsonst.“


Für Chris, Katjas Begleitung, gilt ein anderes Angebot: „Du zahlst zwei Euro!“ Freigetränke gibt es für Chris nicht. Eine Ausnahme gibt es aber doch „Da du Student bist, kriegst du für die zwei Euro allerdings einen Verzehrbon.“Katja löst ihre Freigetränke an diesem Abend für zwei Caipirinha ein, die eigentlich jeweils 5 Euro kosten würden; sie hat drei Euro ausgegeben, also sieben Euro gespart. Chris würde für die gleichen Getränke, unter Verwendung des Getränkebons, acht Euro bezahlen; fünf mehr als Katja.



Das Angebot in der Nachtschicht, das Katja bevorzugt, weil sie eine Frau ist, ist in Freiburg kein Einzelfall. Fast alle Diskos bieten Frauen an bestimmten Tagen freien Eintritt, drastisch vergünstigte oder machmal sogar kostenlose Getränke an.

Beispiele gefällig? Beim Happy Friday im Schneerot haben Frauen bis 1 Uhr freien Eintritt und verschiedene „Lady-Drinks“ gibt es ebenfalls. Ebenfalls am Freitag gibt es in der Nachtschicht die „Ladies Night“, bei der Frauen zwei 'Welcome Drinks' bekommen. Auch im Xerox müssen Frauen freitags keinen Eintritt bezahlen, bei der „Bad Bunny Party“ im Universal D.O.G. haben „die ersten 69 Bunnys“ freien Eintritt. Auch in der Parabel haben Frauen Freitags freien Eintritt; Sekt gibt es für 2,50 Euro.

Für Männer gibt es in keiner dieser Diskotheken an diesen Abenden besonderen Angebote. Außer den betrunkenen Frauen.

Welche Annahme sich hinter diesen Angeboten versteckt, ist offensichtlich: da wo im Nachtleben die Frauen sind, sind auch die Männer. Und wenn die Frauen gut gelaunt und flirtwillig sind, weil sie vielleicht schon betrunken sind, vielleicht noch mehr Männer.



"Ein hoher Frauenanteil ist für das Überleben einer Diskothek von Vorteil“, sagt Stefan Gras, Pressesprecher der Nachtschicht. „Es ist halt einfach so, dass da, wo mehr Frauen sind, auch die Männer hinkommen. Deswegen investieren wir viel Energie in frauenorientiertes Marketing.“ Als Beispiel verweist er allerdings auf die Frauenclubkarte, einem Treueprogramm für weibliche Gäste, bei dem Frauen bei Eintritt und Getränkekauf in der Nachtschicht Punkte sammeln können, die gegen Freigetränke eingelöst werden können.

Das Vorgehen der Diskotheken wie der Nachtschicht ist dabei nicht nur unfair, sondern auch rechtlich nicht ganz unproblematisch. "Im Privatrecht gibt es den Grundsatz der Vertragsfreiheit", erklärt Anwalt Werner Karlin aus Waldkirch. "Das bedeutet, dass es keinen sogenannten Kontrahierungszwang gibt. Wenn Leute sich auf ungerechte Verträge einlassen, dann ist das nicht grundsätzlich widerrechtlich. Allerdings gibt es auch das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz".

Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) verbietet nicht nur im Arbeitsrecht, sondern auch im allgemeinen Zivilrecht, dass jemand wegen Geschlecht, Rasse, sexueller Orientierung oder anderen Gründen benachteiligt wird. "Das AGG gilt im Zivilrecht, wenn diese Rechtsgeschäfte typischerweise ohne Ansehen der Person zu vergleichbaren Bedingungen in einer Vielzahl von Fällen zustande kommen, also sogenannte Massengeschäfte sind," erklärt Karlin.

Dem Juristen stellt sich da die Frage, ob der Besuch einer Diskothek ein solches Massengeschäft ist, oder ob das 'Ansehen der Person' bei der Entscheidung des Diskobetreibers, mit einem Gast am Eingang einen Vertrag abzuschließen, eine Rolle spielt. "In der Praxis wird das Ansehen der Person wohl eine Rolle spielen", vermutet Karlin. "Vielleicht sogar eine entscheidende." Ganz sicher ist er sich jedoch nicht: "Wir sollten wohl auf den ersten Prozess warten, in dem jemand auf freien Zugang in eine Diskothek klagt."

In Österreich ist genau das vor wenigen Wochen zum ersten Mal passiert. Dort klagte ein Diskothekenbesucher im Februar erfolgreich auf Basis des dortigen Gleichbehandlungsgesetzes, weil ihm auf Grund seiner Hautfarbe und Herkunft der Zutritt zu einer Disko untersagt wurde. Er bekam 1.440 Euro Schadenersatz zugesprochen. Weil das Gleichbehandlungsgesetz sowohl in Deutschland als auch in Österreich eine EU-Richtlinie umsetzt, hat dieses Urteil auch für Deutschland eine Hinweiswirkung.



Ein Freitagabend im Klub Kamikaze in Oberlinden. Heute findet hier „Zimmer 840“ statt, eine Party mit wechselnden DJs. Heute wird Elektro, Nu Rave, Minimal und Techhouse aufgelegt; eigentlich dominiert im Kamikaze sonst der Indie; Mädchenmusik. Heute sind zumindest etwas weniger Frauen da als sonst. Spezielle Angebote für Frauen gibt es im Kamikaze nicht.



„Bei uns werden die Geschlechter gleich gut behandelt“, sagt Jan Ehret (Bild links), der das Kamikaze zusammen mit Markus Gut betreibt. Er lehnt spezielle Angebote für Frauen ab, denn Diskotheken, die ausreichend von Frauen besucht werden, müssen seiner Meinung nach derartige Marketingmaßnahmen nicht ergreifen.

„Solche Vergünstigungen werfen nicht nur ein schlechtes Licht auf die jeweilige Location, sie schrecken das weibliche Publikum auch noch ab. Selbst ich fühle mich nicht wohl, wenn in einem Raum 80% Männer sind.“

Auch Carla Commodore, die in Freiburg zahlreiche Partys und Events veranstaltet, darunter auch „Zimmer 840“, kann dem Konzept der Frauenbevorzugung in Diskotheken nichts abgewinnen – sowohl als Veranstalterin als auch als weibliche Partygängerin. „Wenn ich ausgehe, dann tu' ich das, weil ich Lust dazu habe, und nicht um Gratis-Cocktails abzustauben, weil ich eine Frau bin“, sagt sie. „DJ, Musik und Atmosphäre sind mir wichtiger. Entscheidend ist nicht das Geld, sondern der Spaßfaktor und ein bunt gemischstes Publikum.“

Die Gratis-Cocktails für Frauen und Mädchen werden auch von Suchtfachleuten kritisiert. „Für die Mädchen und die jungen Frauen sind solche Angebote eine sehr, sehr gefährliche Sache", sagt Diplom-Psychologin Bärbel Köhler von Frauenzimmer, einer Suchtberatungsstelle für Frauen und Mädchen in Freiburg. "Mädchen und Frauen haben ein geringeres Körpergewicht, der Alkohol schlägt stärker zu Buche und sie sind schneller betrunken. Außerdem erhöht der Alkohol die Wahrscheinlichkeit, dass das Mädchen sich danach riskant verhält, sich zum Beispiel abschleppen lässt, oder nicht mehr auf ihr Glas achtet und nicht bemerkt, wenn etwas dazugeschüttet wird."

Köhler kritisiert, dass die Veranstalter auf den kleinen Geldbeutel junger Erwachsener spekulieren: "Es verführt dazu, zu trinken was geht, wenn man wenig oder gar nichts bezahlen muss", sagt die Fachfrau.

Den "Chicken Run", der vor einigen Jahren im Glamour, der Vorgänger-Disko der Nachtschicht, stattfand, hat Bärbel Köhler in besonders schlechter Erinnerung; damals lockte die Disko Frauen bis Mitternacht mit kostenlosem Eintritt und Sekt. Um Mitternacht wurden die Männer dazu gelassen. Regelmäßig waren damals im zeitlichen Zusammenhang zu dieser Veranstaltung erbärmliche Szenen von sich erbrechenden Mädchen im Bermudadreieck zu beobachten.

„Ich finde die Haltung, die solche Veranstaltungen gegenüber Mädchen kultivieren, ganz furchtbar. Sie werden zu Freiwild gemacht, um Jungs in Diskotheken zu holen.“ Damals haben Köhler und ihre Kolleginnen versucht, gegen die Veranstaltung vorzugehen. „Uns wurde gesagt, dass es keine rechtlichen Wege gibt um einzuschreiten.“ Dass das heute aufgrund des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes anders sein könnte, findet sie ermutigend.

Mittwochabend in der Nachtschicht, 2 Uhr. Es ist wenig los. Außer Katja und Chris sind vielleicht sechzig Gäste in der Diskothek. Und trotz des freien beziehungsweise verbilligten Eintritts für Frauen sind deutlich mehr Männer als Frauen da.



Umfrage: Wo feierst Du?



Leonie,17


"Ich mache da Party, wo ich mit meinen 17 Jahren reinkomme. Notfalls hilft mir der geliehene Ausweis einer Freundin. Auf spezielle Angebote für Frauen gehe ich nicht sonderlich ein, da ich mich in diesen Locations nicht wohl fühle. Schließlich lasse ich mich nicht gerne von fremden Männern antanzen."




Kim, 16


"Auf große Partys habe ich meistens keine Lust. Ich treffe mich lieber mit Freunden in Bars oder Pubs, um gemütlich was zu trinken. Wenn ich flirten möchte, gehe ich schon mal gerne in die Disko, aber spezielle Angebote für Frauen lassen mich kalt. Ich entscheide lieber spontan, wo ich hingehe."



Adriano, 17


"Wenn in einer Disko nicht genügend Frauen da sind, dann gehe ich woanders hin. Meinen Erfahrungen nach haben viele Türsteher in Freiburg und Umgebung eine Abneigung gegenüber Ausländern, deshalb werde ich manchmal nicht reingelassen. Diese Probleme habe ich in der Nachtschicht jedoch nicht. Dort lerne ich viele Frauen kennen, meine Traumfrau allerdings nicht."



Jonathan, 23

"Ich bin Student und feier hauptsächlich mit meinen Kumpels, am liebsten im Karma. Da kann man gut Frauen kennenlernen, allerdings wirken die meisten Mädchen dort auf mich zu unnatürlich."





Carina, 20

"Wenn ich feiern gehe, achte ich vor allem auf gute Musik und ein cooles Publikum. Spezielle Angebote für Frauen locken mich schon an, aber dann verschwinde ich nach zwei Cocktails wieder. Jungs lerne ich lieber in Kneipen als in Diskotheken kennen."


Simone Martiny
(22, Literatur & Musikwissenschaft) und Marco Peicic (21, VWL) studieren an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Am Zentrum für Schlüsselqualifikationen haben sie im Wintersemester an einem Grundlagenkurs zum Thema "Online-Journalismus" teilgenommen, den die fudder-Redakteure Markus Hofmann und Carolin Buchheim angeboten haben. Diese Reportage ist im Rahmen dieses Kurses entstanden.

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[Fotos: fudder, Caro, Marco Peicic & Simone Martiny]