La Cherga im Spiegelzelt: Feurig scharfer Klezmer-Dub

Manuel Lorenz

Geheimtipps ziehen in Freiburg nicht. Wenn kein großer Name lockt, kriegt man die Bude einfach nicht voll. Und wenn dann noch die Balkan-Diaspora ausbleibt und die Alternativos für heute Abend ihre Tofu-Lasagne geplant haben, sieht’s halt leer aus, im Spiegelzelt. So gestern Abend bei La Cherga. Manuel war für fudder dabei.



Ein paar Ethnologiestudenten/innen sind aber dennoch gekommen und mischen sich patschuli-selig unter die ZMF-typische Ü40-Fraktion. Irgendwann, als die Veranstalter sich für die innovationslahme Provinz genug fremd geschämt haben, rekrutieren sie vorm Zeltvorplatz kampfunerfahrene Party-Söldner, die mit Pommes und Merguez bewaffnet die Manege umstellen.


La Cherga gibt sich unbeeindruckt. Routiniert stellen die sieben Slawen ihr Debütalbum vor und knüpfen aus verschiedensten stilistischen Elementen einen bunten musikalischen Flickenteppich (= Tscherga). Gut, dass sie einen Schlagzeuger mitgenommen haben, dessen satte Bassdrum die zaghaft programmierten Beats des Tonträgers augenblicklich vergessen machen („Don’t Go This Way“); beeindruckend, wie souverän die Musiker aus Dub, Polka, Ska und Klezmer feurig-scharfen Ajvar garen.

Wäre da aber nicht die nuancenreiche, soulige Stimme einer Anka Ilijasevic, stünde das gewagte Stil-Patchwork in großer Gefahr, klanglich auseinanderzufallen. Auch optisch hält die markante Sängerin die Band zusammen, macht erst auf cool, dann auf lasziv und lässt ihren Bauch tanzen, als wolle sie Herodes verführen. „Come closer!“ fordert die Ost-Shakira das Publikum auf, das zwar schüchtern, aber gehorsam ist und nach fünf Songs endlich die Bühne bedrängt.

Auch dem Aufruf des routiniert animierenden DJs Nevenko Bucan wird deutsch folgegeleistet: „Free your minds and move your asses!“ Und schon zappeln die Fortiesomethings wie zuletzt Costa Cordalis. Klangtüftler Bucan steht dabei hinter seinen zwei Vaios, klickt, frickelt und macht, und lässt sein weißes Handtuch über seinem Kopf kreisen, als wolle er die feuchte Hitze der Großraumsauna gerecht verteilen.

Die heimlichen Stars des Abends sind aber die beiden Bläser an Trompete und Saxophon. Scheinbar mühelos changieren Trajce Velkov und Kiril Kuzmanov zwischen Bebop und Balkan-Brass, spielen eingängige Melismen und furiose Soli („Muki’s Pub“) und machen den Eindruck, an der Terz siamesisch zusammengewachsen zu sein. Stromgitarrist Muamer Gazibegovic geizt an seiner halbakustischen Ibanez nicht an Wa-Wa („Cooking Dub“), imitiert stolpernd eine Balalaika („Lajka“) und rockt – wenn’s drauf ankommt – AC/DC-like hart („Private Eye“). Nino Skiljic liefert am E-Bass solide Fundamente, unprätentiöse Läufe und funky slappings („Love Song“).

Nachdem Trajce Velkov mit der zweiten Zugabe beweist, dass er nicht nur trompeten sondern auch in schmalzigem Vibrato anrührend den Wurzeln osteuropäischer Musikkultur gerecht zu werden vermag, ist nach anderthalb Stunden Schluss.
Hoffentlich beehrt uns La Cherga bald wieder. Bis dahin trinke ich melancholisch Chai.

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