Kyosko-Protokoll

David Weigend

Im Kyosk in der Adlerstraße feiert man am 1. Mai achtjähriges Jubiläum. Zum anstehenden Geburtstagsfest haben gestern einige Kyoskfreunde die Fassade bedschungelt. Ein Besuch bei Winny und den Anderen.



Der Kyosk ist anders oder zumindest kein normaler Kiosk. Deshalb schreibt man ihn ja auch mit y. Die Menschen, die hier vor und hinter dem Tresen stehen, sagen, sie seien gar nicht anders, sie seien ganz normal, und deshalb wollen sie auch nicht, dass man großes Aufhebens um sie macht. Winny zum Beispiel.




Winny mag sich nicht fotografieren lassen, sich nicht in den Vordergrund stellen. Dabei ist Winny einer, der den Kyosk in der Adlerstraße vor acht Jahren mit aufgebaut hat.

Der bärtige Mann mit dem schwarzen T-Shirt und den Lachfältchen um die Augen hat damals die Heizung eingebaut und den Boden gemacht. Und ob er das nun will oder nicht: wenn man reinkommt, und ihn sieht, wie er da gerade mit diversen Rohrverbindungsteilen hantiert, dann weiß man nach zwei, drei Blickkontakten, dass dieser Winny zumindest so etwas ist wie die gute Seele vom Kyosk.



"Schwer zu definieren", sagt Winny, als man ihn fragt, was der Kyosk denn nun eigentlich sei. Ein Geschäft jedenfalls nicht. "Wenn man hinter der Theke steht und Geld will, verliert das Ambiente."

Und doch bekommt man hier alles, was man von einem gut sortierten Krämerladen erwartet: Kalte Getränke, Eis, Tabak, Kaffee, Snacks und so weiter.

Manchmal gibt es sogar die Schweizer Parisienne-Zigaretten, die gelben, milden. Im Raum steht ein Kopierer, zwei Plattenspieler für spontane Feierei, ein grünes Sofa. Es geht hier mehr um Kommunikation denn um Kommerz.



Die Gäste im barrio-spot gefallen durch ihre Durchmischung. SC-Vize Henry Breit schaut hier ebenso vorbei wie Senioren aus dem nahe gelegenen Altersheim ("Eine Milch, bitte!"), Dreiradfahrer ("Drei saure Zungen!") und diverse Radio Dreyeckländer, zu denen Winny früher auch gehört hat, als Nachrichtenmann.



Zum achten Geburtstag des Kyosk, in dessen Räumen früher eine Wäscherei beheimatet war, bewerkstelligen die Kyoskfreunde eine Totalbegrünung, die gestern abend abgeschlossen wurde. Dschungelgraffiti mit Farnschablonen, Berliner Charme im Gretherviertel.

"Das Eingangstor habe ich komplett mit Bambus verstärkt", sagt Christopher und erzählt dann, dass er im Juli für drei Monate mit einem gerade gekauften Bus Richtung Marokko aufbrechen will. Indem er das sagt, steht er neben Pflanzen, die er am Kyoskeingang aufgestellt hat: Efeu, Buchs, Fingeraralie, eine Trichterwinde.



Fünf bis sieben Menschen sind im Kyosk tätig. "Wenn die Leute wollen, machen wir auch Schlüssel nach", sagt Winny. Tatsächlich hängt über der Sitzecke mit den ausliegenden Zeitschriften (Titanic, natürlich) ein riesiges Hakenbrett mit unzähligen Schlüsseln. "Schlüsselnachmachen, Spontanbedürfnisse halt."

Eigentlich könne sowas jeder. Nachbarschaftsfreundlichkeiten royal.



Am 1. Mai, abends ab 19 Uhr, wird im und um den Kyosk gefeiert. Wahrscheinlich würde das "Wiener" seinen Geburtstag ein wenig anders gestalten und vielleicht ist der Kyosk auch der Gegenentwurf zur Freiburger Aperol-Prosecco-Gastronomie.

Beides hat seine Berechtigung. Winny und die anderen bestätigen die ihre jeden Tag aufs Neue. Nur nicht in der Siesta. Da ist zu.