Kuttner: "Fudder! Nicht aufschreiben!"

Nina Braun

Gut gelaunt zeigte sich Sarah Kuttner gestern Abend im Jazzhaus. Dort las sie Passagen aus ihren beiden Büchern, zeigte Clips ihrer früheren Fernsehshows, sprach mit Zuschauern auf der Bühne und hatte ein scharfes Auge auf die Notizen unserer Autorin Carina.



Hosenknopf auf

Mit dem ersten Schritt auf die Bühne hat sie bereits das Publikum auf ihrer Seite: Applaus empfängt Sarah Kuttner, die weiße Stiefelchen, rosa Schal und schwarze Mütze trägt, mal wieder ziemlich hinreißend aussieht und ein bisschen erkältet ist.

Etwas hastig wirkt sie dann, als sie zu sprechen beginnt, doch nie unsicher. Was im ersten Moment wie ein Anflug von Nervosität scheinen mag, ist wohl eher, und dieser Eindruck verfestigt sich mit Fortlauf des Abends, das dosierte Ablassen von Energie – denn davon hat Sarah Kuttner bekanntlich eine Menge. Immer wieder sucht sie den Kontakt zu den Zuschauern und kokettiert zugleich mit der Position der Beobachteten, in der sie sich sicher und spielerisch bewegt, ohne sie zu sehr zu genießen.

Mal wendet sie dem Publikum schamhaft den Rücken zu, mal führt sie anhand eines Stuhles ihre bevorzugte Pinkelposition auf fremden Toiletten vor, sie schlägt ein Rad, sie zeigt ihre (rasierten) Achseln, sie futtert rohe Paprika und Süßigkeiten, bis sie den Hosenknopf öffnen muss. Manchmal liest sie auch aus ihren Büchern vor.



Spontan und eloquent

Denn eigentlich läuft diese Veranstaltung der „Best of Kuttner“-Tour unter dem Begriff „Lesung“: Die ehemalige VIVA- und MTV-Moderatorin hat die beiden Bücher mitgebracht, in welchen sie ihre Kolumnen aus der Süddeutschen Zeitung und dem Musikexpress veröffentlicht hat. Beide tragen ebenso auf den ersten Blick undurchsichtige wie auf den zweiten durchaus sinnvolle Titel: „Das oblatendünne Eis des halben Zweidrittelwissens“ heißt das erste aus dem Jahr 2006, „Die anstrengende Daueranwesenheit der Gegenwart“ das zweite, das nun im April erschienen ist.

Aus beiden trägt Sarah Kuttner kurze Passagen vor, dazwischen spielt sie auf der Leinwand immer wieder kleine Beiträge aus ihren TV-Shows ein. Den mit Abstand größten Teil des Abends widmet sie jedoch der Improvisation, für die sie sich gänzlich auf ihre Schlagfertigkeit verlassen kann.

So wirkt die Veranstaltung im Endeffekt weniger wie eine Lesung denn wie ungezwungene Stand-Up-Comedy. Vielleicht ist Sarah Kuttner tatsächlich die einzige Frau aus dem deutschen Fernsehen, die zu einer solchen fähig ist – und ganz sicher liegt es daran, dass sie weniger mit Witzen denn mit Charme, Eloquenz und zuweilen fast hemmungsloser Spontaneität besticht. Kaum etwas an ihrem Auftritt wirkt geplant oder durchdacht oder gar so, als wolle sie mit dem, was sie sagt, Lacher heischen – viel eher scheint ihr ganz selbstverständlich, dass selbige ohnehin kommen werden, und erfreulicherweise wird so der Ungemütlichkeit erzwungener Komik vorgebeugt.

Das fraglos vorhandene Selbstbewusstsein schlägt jedoch nicht in Arroganz um: Die gebürtige Berlinerin bewegt sich an diesem Abend recht mühelos auf dem schmalen Grat, voll hinter sich zu stehen und sich dennoch nicht zu ernst zu nehmen. Zudem lässt sie keinen Zweifel daran, die Besucher gut unterhalten zu wollen.



Konzept unnötig

Inhaltlich ist ein roter Faden kaum zu erkennen, aber auch nicht nötig. Statt ein festes Programm abzuspielen, kommuniziert die 28-Jährige mit den Zuschauern, holt sie zum Lesen auf die Bühne und entlockt ihnen dort im Gespräch mehr, als sie eigentlich von sich preisgeben wollten. Die Beamtin Martina verrät mit roten Wangen ein bisschen zuviel von ihrer Beziehung zum Arbeitskollegen – ungeklärt indes bleibt, ob der Zivildienstleistende Michael nun seines zu schmalen Bettes wegen tatsächlich noch Jungfrau ist.

Immer wieder gerät Sarah Kuttner, ähnlich wie in ihren Kolumnen, vom Hundertsten ins Tausendste und vertritt konsequent ihre ganz eigene Ansicht auch zu den harmlosesten Details des Alltags.

So muss sich ein (dem Anschein nach schwer verliebter) Milka-Mitarbeiter anhören, dass sein Arbeitgeber der Phil Collins unter den Schokomarken sei. „Milka ist Vollmilch“, lautet das vernichtende Urteil der Angebeteten, „und Vollmilch ist 90er. 2007 ist Halbbitter!“

Erfahrungsgemäß scheut sie weder Schlüpfriges noch Unappetitliches, und so werden anhand detailgetreuer Erläuterung auch einige Fragen geklärt, die sich so mancher lieber nicht gestellt hätte – etwa warum Damentoiletten versiffter sind als die der Männer (weil Mädels lieber daneben machen als sich richtig auf fremde Brillen zu setzen), oder warum Tampons mit Einführhilfe bei Frauen mit langen Fingernägeln vielleicht doch sinnvoll sind („die verlieren sie sonst am Ende noch in ihren Körperöffnungen“).



Schorle Rot-Süß

Weniger die Themen sind es jedoch, die den Abend der Ex-Moderatorin so kurzweilig machen, sondern vor allem ihre Mimik, Gestik und eine leichte Affinität zu Kraftausdrücken und Übertreibungen. Lediglich im letzten Gespräch wirkt sie ein wenig müde – das mag aber auch an der Schorle Rot-Süß liegen, zu der sich die eigentlich bekennende Nicht-Trinkerin („hin und wieder ein Baileys“) von Martina hat bekehren lassen.

So nimmt ein rundum gelungener Abend bei einem guten Gläschen langsam sein Ende: ein unkapriziöser Auftritt, der auch von einem dankbaren Publikum gelebt hat. Von diesem zeigt sich Sarah Kuttner „ganz ehrlich, ohne zu schleimen“ (und das glaubt man ihr) begeistert. Sie bedankt sich überschwänglich – „Vielen lieben Dank dafür, dass es mir solchen Spaß gemacht hat!“ – und signiert geduldig die unzähligen Bücher und Eintrittskarten, die ihr hingehalten werden.



Sittsames Interesse

Ein running gag des Abends war übrigens fudder selbst. Wie genau Sarah Kuttner auf ihre Zuschauer achtete wurde mir jedenfalls bewusst, als ich, fleißig meine Eindrücke notierend, mit einemmal ins Zentrum der Aufmerksamkeit gezerrt wurde. „He, du in der dritten Reihe!“ kam es von der Bühne. Moi? „Du schreibst schon an der zweiten DinA4-Seite. Wofür?“

Sehr aufmerksam: Es war nämlich tatsächlich die zweite Seite, und ich beeilte mich denn auch umgehend, meinen Auftrag zu erläutern. Immer wenn von nun an Worte wie „Titten“ oder „Nutten“ fielen hob sich ein mahnender Finger in meine Richtung, ab und an begleitet von einem forschen „Fudder! Nicht aufschreiben!“ Den Finger habe ich des öfteren gesehen gestern.