Kuss aus der Ferne

Meike Riebau

Jeder Fünfte führt eine Fernbeziehung. Ein Jahr Trennung, das geht ja noch. Aber Berufssoldaten im Auslandseinsatz erleben Distanz als Dauerzustand. Meike hat dazu den Experten Peter Wendl befragt und unter anderem erfahren, was der so genannte Weihnachtseffekt sein soll.



Zu Fernbeziehungen hat jeder seine Meinung. Weil man selbst eine führt oder weil man jemanden kennt, der eine führt. Für Berufssoldaten dagegen ist die Fernbeziehung kein netter small talk, sondern schmerzhafter und schwieriger Alltag. Seit etwa drei Jahren werden immer mehr deutsche Soldaten zu Auslandseinsätzen berufen. Peter Wendl von der Universität Eichstätt-Ingolstadt hat zu diesem Thema Forschungen betrieben und ein Buch veröffentlicht.


Was ist das Besondere an einer Fernbeziehung, die ein Soldat führt?

Die Soldaten führen ja, solange sie in Deutschland sind, eine Wochenendbeziehung. Der deutsche Soldat soll mobil sein, also entweder ist es seine Frau auch, oder er pendelt. Das Ergebnis: weit über zwei Drittel der deutschen Soldaten führen eine Fernbeziehung. Manchmal über 200 bis 300 Kilometer. Wenn sie Pech haben, ist es die Strecke zwischen Garmisch-Partenkirchen und Kiel.

Dazu kommt, dass die Soldaten alle zwei bis drei Jahre für vier bis sechs Monate einen Auslandseinsatz machen müssen und dann komplett weg sind. Vor diesen Auslandseinsätzen findet noch einmal eine Vorbereitung statt; wochen- oder sogar monatelange Lehrgänge, Impfungen, Sprachkurse. Da sind die Soldaten im Kopf oft gar nicht mehr richtig anwesend. Die Ehefrauen erzählen mir häufig, dass sie froh seien, wenn der Ehemann endlich „richtig weg“ sei, dann könnten sie endlich „wirklich trauern“, bisher hätten sie nur Angst um ihn.

In dieser Phase, kurz vorher, kommt es häufig zu Spannungen. Ich nenne das den Weihnachtseffekt. Wenn sich alle gerade ein harmonisches Zusammensein wünschen, kommt es zu den größten Streitigkeiten. In solchen Momenten über die größten Ängste und Hoffnungen zu sprechen, das kann man gleich vergessen, vor allem wenn noch Kinder, Schwiegermutter und andere Verwandte in der Nähe sind.



Gehen Fernbeziehungspaare nach Beziehungsende anders miteinander um als Nahpaare?

Das ist zwar nicht wissenschaftlich belegt, aber mein persönlicher Eindruck. Ich meine, dass Paare aus einer Fernbeziehung nach der Trennung sich häufiger mit mehr Respekt behandeln, weil häufig einfach ein Erschöpfungssyndrom eintritt.

Außerdem glaube ich, dass die erotische Anziehungskraft bei diesen Paaren hinterher größer ist, aber das müsste man erst untersuchen. Ich habe den Eindruck, die gehen eher im Guten auseinander, auch wenn die Geschichten genauso dramatisch sind wie andere.

Wie lange dauert es, bis sich Paare nach einer längeren Trennung wieder aneinander gewöhnt haben?

Faustregel: etwa solange, wie die Trennung gedauert hat, teilweise bis zu 50 Prozent länger. Wenn der Partner sechs Monate im Ausland war, kann es bis zu einem Jahr dauern, bis die beiden sich wieder aneinander gewöhnt haben. Und bei Soldaten, die im Ausland vielleicht ein traumatisches Erlebnis hatten, kann es noch viel länger dauern. Es kehrt also nie richtig Alltag ein.

Bei allen Chancen, die eine Fernbeziehung bietet, lebt eine Partnerschaft eben vor allem von Nähe und Alltag.



Wie sollte dieser Alltag aussehen?

Es muss etwas geben, worauf ich mich verlassen kann. Bei Soldaten kommt erschwerend eine tatsächliche Gefährdung hinzu: die Angst vor Verletzung oder Tod. Eine riesige Belastung. Es kommt eben alles zusammen: Fernbeziehung, Auslandseinsatz, kein gelebter Alltag, sehr wenig Nähe, die Angst, dass etwas passieren könnte.

Sie sagen, eine Fernbeziehung sei auch eine Chance. Inwiefern?

Ich sehe die Distanz als Chance. Scheidungsquoten von verheirateten Paaren, die auf Dauer auf Distanz leben müssen, sind nicht automatisch höher als die von Paaren, die ihr Leben lang eine Nahbeziehung geführt haben. Das ist meine Annahme und Erfahrung. Das hat aber auch eine Studie aus den USA vom November letzten Jahres bestätigt.

90 Prozent der Beziehungen in Deutschland scheitern an nicht gelingender Kommunikation zwischen den Partnern. Es geht in der Beziehung darum, Kommunikation am Laufen zu halten, sich dem anderen anzupassen und zu merken, wenn der andere sich verändert.



Also merken Fernbeziehungspaare schneller, wenn sich etwas ändert?

Richtig. Häufig lassen sich Menschen ja scheiden, wenn sich etwas Wichtiges verändert in ihrem Leben, etwa wenn die Kinder aus dem Haus gehen, dann fällt ihnen plötzlich eine schon länger existierende Lücke auf.

Fernbeziehungspaaren wird das bei jedem Telefongespräch schmerzlich vor Augen geführt. Die leben nicht sechs, sieben, acht Jahre weiter, ohne zu merken, dass die Beziehung schon längst gescheitert ist; sondern sie bekommen jedes Wochenende die gelbe Karte gezeigt.



Was hält eine Fernbeziehung am Leben?

Kommunikation, Liebe, Geborgenheit, Vertrauen, erfüllende Sexualität und die Fähigkeit, Probleme zu lösen. Und, ganz wichtig: eine gemeinsame Perspektive. Ich habe fünf Jahre Fernbeziehung hinter mir, da war alles dabei: Wochenendbeziehung, sich drei Monate nicht sehen, sich ein halbes Jahr lang nicht sehen.

Zurück zum Berufssoldaten. Hat der denn auch so eine gemeinsame Perspektive?

Naja, das ist relativ. Ich kenne zum Beispiel ein Ehepaar, beide sind 45. Der Mann muss noch 20 Jahre für die Bundeswehr arbeiten. Trotzdem bauen sich die beiden ein Häuschen auf Gran Canaria, verbringen jedes Jahr ihren Urlaub dort und bauen sukzessive weiter. Die beiden haben nicht besonders viel Geld. Bei ihnen gibt es die Perspektive, dass sie nach Gran Canaria gehen werden, sobald er pensioniert wird.

Diese Perspektive ist natürlich altersabhängig. Eine 22-Jährige wie Sie kann ich damit natürlich nicht hinter dem Ofen hervorlocken, mit dem Pensionsplan auf Gran Canaria. Mich als 37-Jährigen würde das wahrscheinlich auch nicht locken.



Was muss ich tun, um meine Fernbeziehung am Laufen zu halten?

Es ist klar, dass die Zeit, die man zusammen verbringt, natürlich wesentlich intensiver ist, weil man ja auch ausgehungert ist nach einander. Plötzlich ist der andere wieder weg und man muss sich trotzdem in völliger Distanz austauschen und versuchen, nahe zu sein.

Ein anderer Punkt ist natürlich eine erfüllende Sexualität, wobei erfüllte Sexualität keine Frage der Quantität ist. Je kürzer das Paar zusammen ist, desto größer ist das Problem der Sexualität. Je länger das Paar zusammen ist, völlig unabhängig davon ob das Paar 16 oder 66 ist, desto entspannter ist dieses Thema. Aber es bleibt immer ein Thema.

Mehr dazu:

  • Peter Wendl: Gelingende Fernbeziehung, Herder, 9,90 €