Kurort Möslestadion: Strategien gegen Bundesliga-Tristesse

Veit-Lorenz Cornelis

Der Sieg vom Sonntag hat dem gemeinen SC-Fan Erleichterung verpasst. Der 4:1-Sieg gegen Frankfurt war gut für leidende Fanseelen. fudders Fußball-Philosoph Veit-Lorenz Cornelis hat einen erstklassigen Gesundheitstipp für SC-Fans:



Okay. Das Wochenende war gut. Es war sogar sehr gut. Es war... unerwartet gut ... 4:1 Auswärtssiegfür den Sport-Club Freiburg. Bei einer starken ... okay ... viel besser spielenden ... Frankfurter Mannschaft. Mit einem sehr angenehmen Trainer... so nebenbei gesagt. Aber das ist ein anderes Thema. Es war Balsam für geschundene Seelen der letzten Zeit. Es war die Glücksumkehr, nach der wir so lange gelächzt haben. Wir haben diesen „glücklichen Sieg“ gebraucht wie der Junkie das Heroin. Jetzt befinden wir uns – zumindest bis Freitagabend – in einer Art Post-Party-Status: es war geil. Ich will mehr davon! Und so weiter und so fort.


Ab Donnerstag beginnt der Kater. Das schwöre ich! Und der kann schmerzen. Es sei denn, man haut schnell das Konterbier runter. Aber das ist ein anderes Thema. Doch es gibt auch eine „gesündere“ Variante, dem Frust der Bundesliga zu entgehen. Weit weg vonKicker, der SportBild oder dem ewigen Suchen nach Livebildern im Internet um den Sieg der Mannschaft noch einmal zu sehen. Fündig wird man zumeist auf YouTube, wo man sich abgefilmte Fernsehgeräte mit wackligen AlJazzera Zusammenfassungen anschauen muss. Mein Arabisch ist seither jedoch auf einem aufsteigenden Ast. Aber auch das ist ein anderes Thema....

Zurück zur gesunden Alternative: der SC Freiburg II. Die Tabelle zeigt die heilsame Situation geschundener SC-Seelen. Nicht einmal die beste Freud'sche Psychoanalyse oder die übermassige Einnahme stimmungsaufhellender Pillen können das übertreffen: der SC II ist mit 51 Punkten Erster der Tabelle. Und somit im Moment qualifiziert für die Aufstiegsrunde zur Dritten Liga! Spitzenreiter, Spitzenreiter!

Also ich: Raus auf's drahtige Pferd des modernen Menschen, rein ins Stadion. Fünf Minuten vor Anpfiff. Das reicht. Und damit rein ins Erholungsparadies. Vergesst die Badelandschaft in Titisee-Neustadt, vergesst die Center Parks und Europaparks dieser Welt. Das Möslestadion ist mein neuer Subkultur-Freizeit-Spaß. Es gibt das gleiche Bier, es gibt die gleiche Wurst. Es gibt Fußball und kleine Sozialstudien über Trainingskiebitze, Rentner mit Sitzkissen und stolze Eltern gratis zu den paar Euro Eintritt dazu.

Und nun zum Wichtigsten: der Fußball ist solide wie die SPD unter Willy Brandt. (Für echteTaktikfüchse: klar kann man sagen, dass die Räume offener sind, die Ausrichtungen der Jeams weniger strukturiert. Aber hey! Es ist Fußball! Es ist unser aller Lieblingsdroge! Also nim' mal wieder den ungestreckten, rohen Shit!)

Vergangenes Wochenende: Auswärtssieg gegen den KSV Baunatal. Wer braucht schon Berlin, München oder Hamburg, wenn er gegen den großen(-kleinen) KSV spielen kann? Seit Jahren ein Stiefkind der Liga im Schatten des großen hessischen Konkurrenten aus Kassel (diese Information wurde Ihnen präsentiert von: dem Internet). Davor: der grandiose Heimsieg gegen die TSG Hoffenheim. Die zweite Mannschaft natürlich. Also nicht die „Trainingsgruppe Zwei“. Die warten weiterhin auf Angebote aus der Champions League, während stolze Hoffenheimer Eltern auf der Tribüne mehr aus sich rausgehen als Jürgen Klopp. Nur Geldstrafen muss hier keiner bezahlen. Es gehört zum elterlichen Strafgesetzbuch, die Zöglinge schon mal während des Spiels vor versammelter Kulisse für Fehlpässe und schlechte Haltung bei Kopfbällen so richtig zur Schnecke zu machen.

So sitzt man also, bewaffnet mit einem kühlen Pils, der Aufstellung in Form eines DIN A4–Zettels, (der mich sehr an meine früheren Mathe-Arbeitsblätter erinnert hat: viele Zahlen und ich kenne keine Sau) und einem herrlichen Blick auf das schöne Dreisamtal auf der Tribüne und schaut Regionalliga Südwest. Und ich lehne mich weit aus dem Fenster wenn ich sage: es ist herrlich!

Die Namen der Spieler sind nur den wirklich eingefleischten SC-Fans bekannt. Doch das ändert sich spätestens nach dem zweiten Besuch der zweiten Mannschaft. Namen wie Philipp, Albutat und Bozic gehen runter wie Öl, wenn sie der Stadionsprecher blechern verkündet. Sorry, Ginter et al!

Man ist im Anachronismus angekommen. Eine alte Tribüne, ein altes Mikrofon und eine zweifarbige Anzeigetafel ohne Werbung und Schnickschnack. Minimalisten kommen hier absolut auf ihre Kosten. Also kommt raus. Macht einen Frühlingsspaziergang und schaut es euch an. Nächstes Heimspiel ein Klassiker für Fußballhistoriker: SC Freiburg II vs Waldhof Mannheim. Samstag, 14 Uhr. Aber bitte nicht alle auf einmal kommen. Sonst muss ich solange am Bierstand anstehen ... aber das ist ein anderes Thema.

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