Kunsteis am Ku'damm

Johann Schwarz

Kunst im öffentlichen Raum: Ein Kunstwerk der Freiburger Künstlerin Schirin Kretschmann lässt in diesen Tagen die Menschen am Berliner Ku'damm staunen: ein riesengroßer Eisblock, auf den ein Video projiziert wird. Johanna Schwarz hat dem Kunsteis in Berlin einen Besuch abgestattet und mit der Künstlerin gesprochen.

Wenn heute ein deutscher oder internationaler junger Künstler auf dem Weg nach oben ist ? oder auch nur meint, er sei es ?, dann zieht es ihn in die Hauptstadt. Berlin, die Kunstmetropole Deutschlands, aber auch die Stadt in ganz Europa mit der höchsten Künstlerdichte. Mehr als 5000 Künstler wohnen und arbeiten hier, etwa 400 Galerien gibt es inzwischen in der Stadt. Und in diesem kreativen Umfeld ist der Berliner Kunstherbst entstanden (siehe unten).Anlässlich des zehnjährigen Bestehens des Kunstherbst kann man in diesen Tagen am Berliner Kurfürstendamm eine Ausstellung der besonderen Art erleben: Im Rahmen eines Projektes mit dem ? etwas gezwungen auf Originalität pochenden ? Namen “boulevART ? Kunst erobert den Kurfürstendamm” stellen mehr als 30 aufstrebende Künstler (man spricht in der Szene von ”emerging artists?) noch bis kommenden Freitag, 6. Oktober, zwischen dem Breitscheid- und dem Lehniner Platz an zehn Stationen ihre Objekte aus. Ein Konzept, mit dem zum einen versucht wird, an die Tradition der Kunstausstellungen auf Boulevards der 1920er Jahre anzuknüpfen. Und das zum anderen den immer drastischer von Ladenschließungen und Traditionsverlust gezeichneten Kudamm als Flaniermeile wieder beleben soll. Nun gelingt die Umgestaltung von Vitrinen, Schaufenstern, Passagen, dem Pflaster, Grünflächen und Wänden zum Raum für Kunst nicht immer gleich gut: Oft verdankt man es lediglich den Hinweisschildern, dass man ein Objekt zu entdecken vermag; so manches Mal scheint das Gesehene austauschbar ? vom Ort zu schweigen. Doch gibt es auch durchaus Arbeiten, die zu bannen wissen und bei denen die Wurschtigkeit nicht überwiegt: Sei es die überragende Videoarbeit “Sleeping” von Simone Häckel oder eben die den nächtlichen Passanten zum Verweilen einladende Eisblock-Video-Installation der Freiburger Künstlerin Schirin Kretschmann. Bei ihrem Werk projiziert ein Beamer rund um die Uhr ein Video auf zwei Eisblöcke. Die Eisblöcke brechen dabei das Licht, reflektieren es aber auch, so dass man immer neue Spiegelungen und Verzerrungen des Videos beobachten kann. Da der Beamer hinter eine Scheibe steht, spiegelt sich zugleich auf der Scheibe das ursprüngliche Videobild: ein sich immer wieder verschiebendes Mosaik.

Diese Arbeit, die wohl wie kaum eine andere auf der Flaniermeile, ständig im Wandel ist, habe ich mir vom Aufbau an immer wieder angeschaut und mit Schirin Kretschmann gesprochen. Die 26jährige Künstlerin hat an der Außenstelle Freiburg der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe bei Prof. Leni Hoffmann studiert. Seit vergangenem Jahr absolviert sie bei Professor Hoffmann auch ihr Aufbaustudium. So ganz nebenbei studiert sie auch noch Germanistik auf Lehramt an der Freiburger Uni ? ob sie deshalb dann auch Lehrerin werden muss, steht aber noch in den Sternen?Die Arbeit, die Schirin im Rahmen des Kunstherbstes zeigt, hat sie während ihres Auslandssemesters in Mexiko Stadt entwickelt. “Da taute das Ganze natürlich viel schneller und auch sonst waren die Rahmenbedingungen total anders”, gibt sie zu bedenken, wenn man sie fragt, ob die Arbeit dann hier einfach eine Form des “Kunstrecyclings” sei.

Zunächst einmal sah sich Schirin in Berlin mit so manchem Problem konfrontiert, so dass die Auswahl des Ortes für ihre Installation sich schwierig gestaltete. Geschlossene Räume kamen genauso wenig in Frage wie zu gut beleuchtete. Schließlich will niemand das Schmelzwasser von mehr als zehn Kubikmetern Eis in seinem Geschäft haben ? und wenn eine Fassade auch nachts gut beleuchtet ist, kann die Arbeit nicht in dem Maße zur Geltung kommen, wie das beabsichtigt ist. Also: Kompromisse. Schirin hat ihre Eiswürfel nicht aus der Cellophanfolie gewickelt, in der sie geliefert wurden und zudem stehen die Eisklötze auf Paletten. Dafür: Keine Teichfolie. Die wollten die Zuständigen der Stadt Berlin nämlich gerne unter die Eisblöcke schieben, damit die Straße nicht zu nass wird? “Bei etwa zwei bis fünf Litern Schmelzwasser am Tag, etwas übertrieben, in einer Stadt in der es im September eh meist regnet”, findet die Künstlerin nicht zu Unrecht und erinnert sich an die Riesenpfützen, die sich in Mexiko innerhalb von Stunden um ihre Arbeit bildeten. Und der Standort? Neben der “Schaubühne”, dem Berliner Theater, in dem sonst in erster Linie Regisseure wie Thomas Ostermeier provozieren und für Aufmerksamkeit sorgen, konnte Schirin nach einigem Hin und noch viel mehr Her schließlich ihr Objekt aufbauen. “Nicht ideal, da nachts nur wenige Menschen daran vorbeikommen, aber doch der bestmögliche Platz für die Arbeit”, findet sie. Denn einen Ladenbesitzer davon zu überzeugen, dass er nachts bitte die Beleuchtung seiner Schaufensterauslage ausschalten soll, damit die Videoinstallation besser zur Geltung kommen kann, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Und hier wird nach dem alle Zuschauer die letzte Vorstellung verlassen haben sowieso das Licht gelöscht.

Und nun taut sie also munter vor sich hin, die Arbeit “ohne Titel” ? noch bis zum 6. Oktober. Und während sie tagsüber eher verwunderte Blicke erntete, war sie nachts für manchen, der aus dem Café der Schaubühne seinen Weg gen Heimat nahm, zum Hingucker. Und noch mehr? “Kunst im öffentlichen Raum, das heißt immer auch, das man sein Kunstwerk der Kreativität oder auch dem Vandalismus der anderen preisgibt”, erklärt Schirin:

“Einer wickelt einen Eisblock aus der Folie, der nächste drückt seine Zigarette darin aus und anderer meint sogar, er muss seinen heißen Kaffee drüber leeren. Aber das ist gewollt. Das macht das Objekt lebendig!”



Der Kunstherbst

Bereits seit zehn Jahren gibt es ihn nun schon: den Kunstherbst Berlin. Entstanden im Jahr 1997 kurz nach der Gründung des Art Forum Berlin und zu einer Zeit, als Galerien wie Pilze aus dem fruchtbaren Boden schossen, den das wiedervereinigte Berlin bot. Ziel des Kunstherbstes Berlin ist es dabei, Kunstinteressierten und Experten gleichermaßen die Möglichkeit zu bieten, sich mit dem Kunstgeschehen der Stadt und den internationalen Entwicklungen der Branche anschaulich und fundiert auseinanderzusetzen. Dies geschieht in diesem Jahr in über 40 Diskussionsrunden, Führungen und Besichtigungen privater und öffentlicher Sammlungen, die Tendenzen und Strömungen des Berliner Kunstgeschehens aufzeigen ? und nicht selten bieten sich im Rahmen dieser Veranstaltungen einmalige Gelegenheiten zur Besichtigung sonst unzugänglicher Privatsammlungen. Kurzum: Schon für sich genommen ist der Kunstherbst Berlin also eine Reise wert.