Kunst, Kultur und Kulinarik im Bahnhof St. Georgen

Franziska Kiedaisch

Eine Goldschmiede, zwei Plattenläden, ein Plattenlabel, eine Booking-Agentur und ein Lagerverkauf für Spezialitäten aus der Normandie: Der Bahnhof in St. Georgen soll zu einem Ort für Kunst, Kultur und Kulinarik werden. Das wünschen sich die fünf neuen Mieter, die hier von Sonntag an arbeiten werden. Drei von ihnen waren bis vor kurzem am Bahnweg zuhause. Am Sonntag gibt's einen Tag der offenen Tür. Fanny war in dieser Woche schon einmal vor Ort und hat mit den neuen Mietern gesprochen.



Vier Tage vor dem Tag der offenen Tür herrscht im alten Bahnhof in St. Georgen allgemeine Umzugs-Stimmung: Malerplanen und Farbeimer, Abdichtungsschaum und Spachtel sind zu finden und zeugen von den letzten sechs anstrengenden Wochen. „Ich hatte nicht selten einen 18 Stunden-Tag“, verrät Herwarth Malzy, der als Goldschmied arbeitet und auch schon im Bahnweg ein Atelier hatte. Er wird in den neuen Räumlichkeiten unter anderem seine Arbeiten ausstellen und Goldschmiedekurse anbieten.


Susanne Merkwitz wird einen Lagerverkauf mit Spezialitäten aus der Normandie führen. Um die Köstlichkeiten vor Ort abzuholen, ist sie eigens dafür noch einmal nach Frankreich gefahren. Wenn Susanne Merkwitz nicht gerade in der Normandie ist, arbeitet sie als Journalistin. Neben ihr und Herwarth Malzy sind Christoph Keim, Florian Schäffer und Christoph Crone beteiligt.



Christoph Keim (Bild unten rechts) ist hauptberuflich im Einzelhandel tätig, nebenbei noch DJ, betreibt im Bahnhof sowohl eine Booking-Agentur als auch seinen Plattenladen Urban Record Store. Er ist unter den fünf Mietern der Einzige, der beim Projekt am Bahnweg von Anfang an dabei war. Christoph Crone ist Inhaber des Plattenlabels Roca Records/ Manmade und ebenfalls DJ. Und auch Florian Schäffer legt auf, verkauft aber in seinem Laden Flowin Vibes Record Store Reggae-Platten und andere Dinge aus der Karibik, unter anderem T-Shirts und Schmuck. Auch er war im Bahnweg mit von der Partie.

Als vor rund einem Jahr klar wurde, dass das Projekt in Haslach nicht weiter bestehen kann, beschlossen die Mieter sich nach einer alternativen Immobilie umzusehen. Ein halbes Jahr hat es gedauert, bis sie diese schließlich gefunden hatten. Ausziehen mussten sie, weil der Vermieter des Bahnwegs, die Breisgaumilch-Genossenschaft, den Mietvertrag gekündigt hatte. „Natürlich war es emotional als wir raus mussten, aber insgesamt ist alles sehr human abgelaufen“, sagt Christoph Keim. „Die Breisgaumilch-Genossenschaft war uns gegenüber ausgesprochen fair und kulant - im Übrigen genauso wie es jetzt die Deutsche Bahn ist.“. Mit dem über 300 Quadratmeter großen Gebäude samt 1000 Quadratmeter Garten haben sie nun einen Platz gefunden, an dem sie sein und arbeiten können: „Wir hoffen, dass auch dieser Ort zu einem Platz für alle wird.“, sagt Herwarth Malzy (Bild unten Mitte).

Organisiert sind die fünf Künstler und Händler in einer GbR, einer Gesellschaft bürgerlichen Rechts. „Der große Vorteil daran ist, dass wir alle fünf gleich viele Pflichten und Rechte besitzen. Die Haftung ist durch unseren Gesellschaftsvertrag geregelt.“, sagt Christoph Keim. „Die GbR bedeutet eigentlich nichts anderes, als dass wir uns an die Vorschriften des bürgerlichen Gesetzbuchs halten, die ohnehin für jede Privatperson gelten. Unsere Zusammenarbeit wird durch die Regelungen aber enorm erleichtert“, erklärt Herwarth Malzy. Trotz der Regelungen sei aber ihre Zusammenarbeit nicht durchgeplant, sondern spontan und flexibel: „Das unterscheidet unser Modell beispielsweise von anderen, starren Geschäftskonzepten.“, sagt Christoph Keim. Der große Unterschied zu dem Projekt am Bahnweg sei hingegen genau diese Regelung des Zusammenarbeitens: „Im Bahnweg war zunächst einmal gar nichts geplant“, sagt Florian Schäffer. „Dort ist unser Geschäftskonzept langsam gewachsen und schließlich zu dem geworden, was es heute ist.“.



Nun liegt es an ihnen, die St. Georgische Bevölkerung von dem Konzept zu überzeugen. Einige Anwohner seien zwar misstrauisch was die Lautstärke angehe – bevor die fünf Gesellschafter in den Bahnhof gezogen sind, haben hier verschiedene Musikvereine geprobt - doch die Bedenken seien nicht begründet, sagt Christoph Keim: „Es wird hier keine Probenräume geben, wie das noch im Bahnweg der Fall war. Wir müssen Rücksicht nehmen und es bringt keinem etwas, wenn wir hier wegen Lärmbelästigung wieder raus müssen.“ Insgesamt seien die Anwohner aber sehr interessiert an den neuen Nachbarn, ergänzt er.

Und einen entscheidenden Vorteil habe die Nähe zur Nachbarschaft: „Jetzt befinden wir uns direkt an einer Bahnhaltestelle. Vom Hauptbahnhof braucht man gerade einmal drei Minuten. Und jeder, der in St. Georgen in den Zug steigt, muss erstmal an unserem Bahnhofsgebäude vorbei. Das bedeutet, dass wir sicherlich wesentlich mehr Laufkundschaft haben werden als früher.“, sagt Florian Schäffer. Dass die durchfahrenden Züge ab und an knattern und knarzen sei dabei nur ein kleiner Wehrmutstropfen.

„Wir freuen uns jetzt einfach auf den Sonntag. Dann ist die erste Etappe geschafft.“, sagt Herwarth Malzy. „Wir hoffen natürlich auf schönes Wetter und darauf, dass die Bürger St. Georgens und aus ganz Freiburg zahlreich vorbeischauen und mit uns in einen Dialog treten.“, sagt Christoph Keim. „Schließlich ist es uns wichtig, Kommunikation, nicht nur unter den Künstlern, voranzutreiben und dass Menschen hier Kontakte knüpfen können.“, fügt er hinzu.   



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Was:
Tag der Offenen Tür am Bahnhof St. Georgen - Essen und Trinken, Live-Musik & ein umfangreiches Familienprogramm
Wann: Sonntag, 13. Juni 2010, 13 bis 19 Uhr
Wo: Bahnhof St. Georgen