"Kunst ist harte Arbeit": Interview mit Rap-Journalist Marcus Staiger

Bernhard Amelung

Wenn Marcus Staiger einen Roman schreibt, muss er natürlich einen Titel tragen wie "Die Hoffnung ist ein Hundesohn". Am Samstag liest er daraus im White Rabbit vor. fudder-Autor Bernhard Amelung hat ihn zuvor gefragt, ob die schöne Kunstwelt eher ein Alptraum oder erotischer Feuchttraum ist:



Herr Staiger, Sie waren Labelbetreiber, sind Journalist und Schriftsteller. Ist Ihr Leben ein Album, ein Bericht oder ein Roman?

Marcus Staiger: Zur Zeit ist mein Leben ein Album. Es besteht aus einer Aneinanderreihung von Höhepunkten, also Hits. Am Ende aber wird ein Roman daraus.

 

Was sind die Hits, was die B-Seiten Ihres Lebens?

 
Ein Hit wird ja immer von einer breiten Öffentlichkeit wahrgenommen. Deshalb sind meine journalistische Arbeit und Kommentatorentätigkeit in der deutschen Hiphop-Szene die Hits. Damit verbinden mich die meisten Menschen. Die B-Seite ist mein Privatleben, denn dazu haben nur wenige Menschen Zugang. Auf einem Album gibt es aber immer auch den Lieblingssong des Künstlers. Das ist bei mir die Schriftstellerei.

 

Für viele Außenstehende ist es ein Traum, sich in der Welt der Musik und Literatur zu bewegen. Wie ist es wirklich: Alptraum oder erotischer Feuchttraum?

 
Ein Feuchttraum ist es nicht. So etwas hat man in der Pubertät. Da bin ich längst raus. Das Musik- und Literaturgeschäft ist für mich vielmehr ein Traum, der aus harter Arbeit besteht. Ich habe lange gebraucht, um ihn mir zu erfüllen. Ich arbeite heute auch als Industriekletterer, um unabhängig zu sein und das machen zu können, was mir Spaß macht.

 

Das hört sich so gar nicht nach schöner Kunst an.

 
Kunst allgemein ist harte Arbeit. Die wenigsten Menschen bringen so viel Talent, dass ihnen alles zufällt. Wenn jemand Schriftsteller sein möchte, aber keine Texte schreibt und nicht nach Worten ringt, dann ist er alles, nur kein Schriftsteller. Wenn jemand Musiker sein möchte, aber keine Songs schreibt, mit seiner Stimme arbeitet oder ein Instrument beherrscht, ist er kein Musiker. Dann ist er halt irgendetwas anderes.

 

Daniel Kehlmann hat einmal gegenüber dem Süddeutsche Zeitung Magazin über sein Schreiben gesagt: "Es ist ein konzentrierter Zustand, der keine Erinnerungen produziert." Wie sieht das bei Ihnen aus?

 
Schreiben versetzt mich tatsächlich in eine Art Trance. Ich habe mein Manuskript oft überarbeitet. Dabei habe ich gemerkt, dass manche Sätze, die ich soeben niedergeschrieben habe, auch drei, vier Zeilen später standen. Daran habe ich festgestellt, dass mich die Sprache und das Thema meines Buches völlig durchdrungen haben.

 

Welche Figur ist Ihnen beim Schreiben ans Herz gewachsen?

 
Die scheinbar unscheinbare Sabine. Am Ende des Romans gehört sie zu den aufrichtigsten Personen. Sie selbst ist nicht frei von Widersprüchen, sie erkennt ihre Widersprüchlichkeit, lebt sie auch, aber sie ist ehrlich und moralisch doch irgendwie integer. Aufrichtigkeit ist eine Charaktereigenschaft, die ich sehr bewundere.

 

Mit welcher Figur lagen Sie am Ende über Kreuz?

 
In einem Roman gibt es immer Figuren, mit denen man sich nicht identifizieren kann oder will. Da unterscheidet sich der Autor nicht vom Leser. Aber solche Figuren braucht ein Buch. In meinem Roman gibt es ja den Jedele, ein Postangestellter. Er verkörpert den dumpfen, deutschen Rassisten. Er ist ein Widerling und Inbegriff eines Hassobjekts. Den kann man nicht mögen. Doch auch für ihn kann man so etwas wie Mitleid empfinden, denn letzten Endes ist er eine durch und durch gebrochene Personlichkeit.

 

Trauen Sie die Handlungen Ihrer Romanfiguren auch realen Personen zu?

 
Ich bin überzeugt, dass alles möglich ist. In meinem Buch kauft sich die Regierung beispielsweise Gruppen von Oppositionellen, um die Widerstandsbewegung zu unterwandern und zerschlagen. In Berlin wird aktuell offen gemutmaßt, dass die Stadtregierung einige Flüchtlinge am Oranienplatz bestochen haben soll, um die Protestbewegung dort kaputt zu machen. Eine Gruppe von Flüchtlingen nämlich zerstörte alle provisorischen Behausungen, ganz egal, ob die Menschen den Platz verlassen wollten oder nicht. Es kam zu Handgreiflichkeiten unter den Flüchtlingen. Von der Polizei war nichts zu sehen. Die kam erst ganz zum Schluss, als der Platz schon fast vollständig geräumt war. Ich habe auch noch ander Beispiele.

 

Bitte.

 
Der Postangestellte Jedele zieht los und knallt Ausländer ab, wahllos, so nach dem Motto "Du hast mich schief angeschaut, dafür musst du bezahlen". Die Figur hatte ich konzipiert, da war von der NSU-Mordserie noch nichts zu lesen, geschweige denn, dass der Verfassungsschutz auf irgendeine unschöne Weise involviert sein soll.    

 

"Die Hoffnung ist ein Hundesohn" thematisiert auch die Aufbruchstimmung in der DDR, die Wendezeit. Was fasziniert Sie an dieser Epoche?

 
Im Frühjahr '89 ging meine Schule auf Klassenfahrt nach Berlin und in die DDR, allerdings ohne mich. Der Grund war, dass ich angekündigt hatte, ein T-Shirt mit dem Aufdruck "Freiheit ist immer Freiheit des Andersdenkenden" zu tragen. Mit diesem Zitat von Rosa Luxemburg wollten Oppositionelle wie der Sänger Stephan Krawczyk gegen das SED-Regime demonstrieren. Er wurde festgenommen. Meinem Klassenlehrer war das wohl zu heiß. Er hatte Angst, dass ich ihn in Schwierigkeiten bringen würde.

Sechs Monate später gab es das Ganze nicht mehr. Ich war 18 als die Mauer fiel. Wir sind damals von Stuttgart sofort nach Berlin gefahren. Am 10. November war ich mit Freunden in Berlin und habe diese Mischung aus Anspannung und Euphorie hautnah erlebt. Heute fasziniert mich der Gedanke, dass keine Ordnung ewig halten wird ...

 

... auch wenn sich das manche gewünscht hätten, wie zum Beispiel auch Helmut Kohl, der in Ihrem Buch immer noch Bundeskanzler ist. Haben Sie ihm ein Leseexemplar geschickt?

 
Nein.
 

Zur Person

Marcus Staiger, geboren 1971 in Leonberg, hat als Gründer und Betreiber des Plattenlabels von Royal Bunker Rapmusiker wie Kool Savas, Eko Fresh oder K.I.Z. in Deutschland etabliert. Später war er Chefredakteur des Szenemagazins rap.de. Heute schreibt er als audiophiler Musikenthusiast und kritischer Kenner der Hiphop-Szene für die FAZ, den Tagesspiegel, die Zeit und das Vice-Magazin. Sein Debütroman "Die Hoffnung ist ein Hundesohn" ist Anfang März 2014 erschienen.

Mehr dazu:

Was: Marcus Staiger liest: "Die Hoffnung ist ein Hundesohn". Danach: Beats & Rhymes mit Untergrund Urte & Ubermensch Uncut.
Wann: Samstag, 12. April 2014, 21 Uhr.
Wo: White Rabbit. [Foto: Marcus Steiger / Promo]