Kunst, die rumsteht: Kugel, Kegel, Kreis des Zen

Nadja Röll

Das Uniklinikum ist ein Ort modernster Heil-Künste, und das auf den ersten Blick von der Breisacher Straße aus: Ein Riesen-Ring steht vor dem Eingang zum Neurozentrum. Ein Kreislauf in Schwung? Oder eher Anlass zu fernöstlicher Kontemplation? Geschaffen hat ihn nämlich der japanische Künstler Kazuo Katase.



Was’n das?

Ein 15 Meter hoher und 32 Tonnen schwerer Metallring droht von dem kleinen Hügel vor dem Neurozentrum zu rollen. Nur ein rostiger Metallkeil scheint den schwarz-gelben Koloss daran zu hindern. Könnte man diesen Keil mit leichter Hand wegziehen, so würde der Reif geradewegs auf zwei weitere, viel kleinere Skulpturen zurollen: auf eine schalenförmige Halbkugel aus poliertem Granit und eine weitere Kugel mit eingravierten Stern. Kreis, Keil und Kugeln bilden zusammen ein imaginäres Dreieck auf dem Klinikvorplatz - und das Kunstwerk „Tonus“, Körperspannung, aus dem Jahr 1995.

Der schwarz-gelbe Ring als Kreis, seit der Antike Symbol für Ganzheit und Gleichgewicht, scheint hier eine kleine Stütze zu benötigen, um nicht aus der Balance zu geraten. Eine Anspielung darauf, dass wir uns hin und wieder eine „Gesundungsstütze“ aus Therapie oder Medikamenten unterschieben lassen sollten, um unseren Organismus wieder ins Gleichgewicht zu bringen? Um es dann den beiden granitenen Kugeln gleichtun zu können und das ausgeglichene Geben und Nehmen einer Brunnenschale zu verkörpern, immer im fließenden Bewusstsein, Teil eines großen Ganzen zu sein?



Um eine Antwort auf diese philosophischen Fragen zu finden, muss der monumentale Ring in Gedanken weiterrollen, zwischen den beiden Kugeln hindurch, und erst am Fuße eines 2 Meter hohen, schneebedeckten Berges zum Stehen kommen. Die Skulptur „Stimme vom Berg“, ein Kegel aus grünblauem Dolomit mit marmorner Spitze, ist eine Erweiterung des Skulpturenensembles aus dem Jahr 1996 und versinnbildlicht laut dem Künstler Kazuo Katase eine innere Stimme, die jeder hören sollte: Es ist „ein Megaphon, das seine Öffnung, den schweigenden Ruf zur Erde, zur Natur gerichtet hat.“



Wo steht’s und warum da?

Der Riesen-Reif steht vor dem Hauptportal des Neurozentrums vom Uniklinikum – und das aus gutem Grund. Hier bedeutet Kunst mehr als Deko, hier wird ihr eine geradezu heilende Wirkung zugesprochen. So wurde die Kunst am Bau schon bei der Planung des neuen Neurozentrums mit sehr viel Platz und einer Summe von 280 000 DM einberechnet. 



Aus westlicher Sicht spielt der „Tonus“-Ring auf den „Lorenzring“ an, ein Konzept des Oberregierungsbaurats Adolf Lorenz aus dem Jahr 1926. Das sah eine ringförmige Anordnung aller Freiburger Klinikgebäude vor -, die nach dem 2. Weltkrieg aber nicht vollendet wurde. Eindrucksvoller ist aber wohl die östliche Sicht auf die Dinge: „Die Farbe Gelb steht für Energie und Aktivität“, erklärt der japanische Künstler Kazuo Katase. „Die Farbe Schwarz für Ruhe und Entspannung. Das Helle und das Dunkle unseres Lebens müssen in einem dynamischen Spannungsverhältnis stehen.“ Also etwa so, wie wir es aus der chinesischen Symbolik des Yin und Yang kennen.



Wer hat’s gemacht?

Der 1947 im japanischen Shizuoka geborene Katase lebt und arbeitet seit 1976 in Kassel. In seinem Skulpturenensemble „Tonus“  und „Stimme vom Berg“ geht es wie in den meisten seiner Werke um polare Prinzipien wie Innen und Außen, Positiv und Negativ oder Licht und Schatten. Aber es geht auch auch um unsere Befindlichkeit in der Welt, um Tiefe und Transzendenz: Katase verbindet Zen und Konzeptkunst, östliches und westliches Denken. So wie auch in seiner hier wohl bekanntesten Skulptur , dem „Ring des Seyns“ am Klinikum in Ludwigshafen.



Obwohl auf dem Ring unübersehbar ein Schild mit der Aufschrift „Betreten verboten“ angebracht ist, meditieren die meisten Besucher des Klinikgebäudes wohl eher auf oder in als vor dem Kreis über seine Bedeutung: beim Rutschen, Sonnenbaden oder gar BMXen.