Kunst, die rumsteht (5): Der rote Otto

Nadja Röll

Während der Name an einen Sozialdemokraten denken lässt, erinnert diese Großplastik auf den ersten Blick eher an ein dreiköpfiges Ungeheuer. Nadja Röll hat sich das rote Monstrum des Künstlers Eberhard Rau in Landwasser angeschaut.



Vor 50 Jahren konnte man sich kaum vorstellen, dass im Mooswaldgebiet einmal Wohnraum für fast 10 000 Menschen entstehen soll. Geschweige denn, dass es einmal Platz für große Kunst geben wird.


1965 wurde der junge Vorort Landwasser gegründet und in den folgenden Jahren stampfte man etliche Hochhauskomplexe und Wohnsiedlungen aus dem sumpfigen Boden. Das Naturgrün wird hier seither von Betongrau beherrscht. Plattenbauästhetik der 1970er.



Um dieses architektonische Grau(en) etwas aufzulockern, beauftragte man den Künstler Eberhard Rau mit dem Bau einer Großplastik auf der Auwaldstraße. Der „Rote Otto“, heute vielleicht ein Wahrzeichen des Stadtteils, steht seit 1973.

Aus einem geschlängelten Betonuntersatz wachsen die Oberkörper dreier Figuren in bis zu zwölf Meter Höhe. Die Figuren, aus Eisengerüsten minimalistisch geformt und mit Polyester überzogen, setzen sich durch ihre Farbe, aber auch durch ihre runden Formen deutlich von der klotzigen Umgebung ab. Mit ihren großen Kugelaugen und der breiten Grinse sollen sie die Stimmung von Passanten und Anwohnern zusätzlich aufheitern.



Die Oberkörper der drei Figuren sind mit Gewinden auf dem Betonsockel befestigt und drehen sich mit dem Wind. Dies bewirkt wiederum ein Ineinanderspielen der klobigen Hände. Aus dem Windspiel wird ein Winkspiel: Eine freundschaftliche Geste, eventuell zu deuten als ein Zeichen für nachbarschaftlichen Zusammenhalt auf engem Wohnraum.



Den Namen hat der Künstler seiner Plastik nicht selbst gegeben. Die Bürger von Landwasser sollten entscheiden, wie sie ihren neuen Nachbarn nennen möchten. Man einigte sich auf „Roter Otto“. Besonders an der Albert-Schweitzer-Schule hielt man diesen Namen aber für unpassend und wollte ihn in „Der Stadtgucker“ ändern. Doch es blieb beim „Roten Otto“, auch wenn das Kunstwerk viel mehr darstellen soll als einen Durchschnittsbürger.



Denn bei der Skulptur handelt es sich nicht nur um die Darstellung eines Ottos, eines Mannes. Die beiden größeren Kulleraugenmenschen sind Frau und Mann. Die geschlechterspezifischen Merkmale sind nur rudimentär angedeutet, aber sie sind da. So lässt ein Ring, an den Griff einer Schere erinnernd, vor dem Oberkörper der Frau an weibliche Rundungen denken. Die verschieden großen Halbkreise über den Augen lassen zudem unterschiedliche Frisuren, kürzer und länger, erahnen.

Die zwei großen Figuren als Paar deuten zu können, dazu regte auch der Künstler selbst in einem Interview an. Und das kleine Wesen? Es sieht aus, wie ein mit Gesichts-Mortadella belegtes Toastbrot. Sinn? Ein Kind, ein Fleischwurströllchen liebendes Kind inmitten seiner strahlenden Eltern, warum nicht?



So könnte man die Großplastik Raus sehen und verstehen. Der Künstler gibt aber eine andere, tiefsinnigere Erklärung zu seinem Werk, beziehungsweise zu der kleinen, eckigen Figur. Das Quadratgesicht stellt einen Halbgott aus der römischen Mythologie dar, Faunus. Weniger bekannt als seine Frau Fauna, steht auch Faunus in enger Verbindung zur Natur.

Er gilt als Beschützer von Bauern und Hirten und symbolisiert die Fruchtbarkeit von Mensch und Tier. Als solcher könnte Faunus auf die ehemaligen Waldgebiete in Landwasser anspielen, in denen er einst die Äcker befruchtete. Im heutigen Betonwald könnte man ihn auch als Metapher für das Zusammenwachsen junger Familien und Nachbarschaften deuten, die nun die Trabantenstadt beleben.



1985 befürchtete man kurzzeitig Ottos Ende. Das Windspiel funktionierte nicht mehr und durch Risse in der Plastikverkleidung begann die Eisenkonstruktion zu rosten.

Während die Anwohner den Roten noch als „Stadtverunstaltung“ oder „Bedrohung“ wahrnahmen, hatten sie sich mit den Jahren an ihren riesigen Nachbarn gewöhnt und setzten sich für die Restaurationsarbeiten ein.



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