Kunst, die rumsteht (3): Schlucker und Spucker

Nadja Röll

Köpfe, Hände, Füße, aber keine Körper: Komische Gestalten sind das, die da mit lackierten Zehennägeln am Bahnhof liegen und den ganzen Tag nur schlucken und spucken. Nadja Röll hat sich zu den Riesen des Münstertäler Künstlers Franz Gutmann unter die Stadtbahnbrücke gesetzt und ihr Wasserspiel beobachtet.



In Freiburg gibt es viele Bächle. Aber nur im Stühlinger Kirchpark entspringt es einem riesenhaften Maul: Hier liegen sich zwei Steinriesen gegenüber, der Wasserspucker und der Wasserschlucker.


Sie sind einander zugewandt, Füße an Füße und nur durch Brückenpfeiler voneinander getrennt. Das von dem einen ausgespuckte Wasser fließt durch einen circa 30 Meter langen Bachlauf zum anderen, dem es dann in den dunklen Schlund läuft.



So nimmt das Bächle, zwischen Altstadt und Stühlinger, nun schon seit fast 25 Jahren seinen Lauf. 1982, mit dem Umbau des Stühlinger Kirchplatzes zu einem 'Erholungsgebiet', wurde auch der Platz unter der Brücke neu angelegt.

Gemeinderat und Bauausschuss hatten sich für eine künstlerische Gestaltung entschieden, für die zwei Plastiken von Franz Gutmann, einem Münstertäler Künstler und ehemaligen Studienkollegen Joseph Beuys.

Für seine beiden Riesen hat die Stadt Freiburg 170 000 DM hingeblättert, für zwei Paar Hände und Füße und einen stehenden und einen liegenden Kopf. Gegenstimmen gab es nur von den Grünen, der Stadträtin Wax und dem Stadtrat Breit, die das Geld lieber für andere Zwecke eingespart hätten.



Auffällig ist die verschiedenartige Gestaltung der beiden Köpfe. Der stehende Kopf, in seiner Form an einen Schleifstein erinnernd, erhält seinen Gesichtsausdruck nur durch wenige Ritzungen. Die angedeuteten, heruntergezogenen Augenbrauen stehen ganz im Gegensatz zu dem geckenhaft wirkenden Stahlrohr, das dem Mondgesicht aus dem Mund ragt. Der eigentliche Spaß ist aber der spielplatzartige Charakter des stehenden Riesen. So sind von der Rückseite zwei Stahlleitern angebracht, über die man an dem Steinkopf hochklettern kann.



Jeder kann so einmal aus den Augen eines Riesen auf den Kirchplatz schauen; durch die Augenlöcher in der dicken Steinplatte den Wasserlauf hinunterschauen, zu dem zweiten Riesen hin.



Der Schlucker ist der Gegenpol zum Spucker. Auch er ist in seiner Gestaltungsweise ein guter Gegensatz zu seinem stehenden Gegenüber.

Während die Formen bei dem Einen durch Wegmeißeln dünner Linien entstanden sind, ist der Liegende nach kubistischer Manier, nach Art eines Bauklotzhaufens, entstanden.
Er besteht, abgesehen von dem Nasendreieck, nur aus Halbkreisen, die an Melonenscheiben erinnern. Er kommt im Gegensatz zum Stehenden, allein durch seine Größe, weniger zu Geltung. Aber seine Besonderheiten liegen im Detail, beziehungsweise in den Nasenlöchern.



Das Wasserbecken ist heute voller Müll. Bierflaschen, Plastikdosen und andere Verpackungen bilden einen bunten Staudamm in dem riesigen Maul.

Um den Blick durch die Gucklöcher des anderen Riesen zu genießen, muss man erst ein paar Schritte auf den von Tauben bekackten Stiegen ertragen und der Anblick des Gesamtkunstwerks ist mittlerweile auch durch Malereien verändert: Nicht nur die Finger- und Fußnägel haben einen neuen Anstrich bekommen, sondern auch andere Stellen wurden mit Tags bunt gemacht.



1982 dachte man sich, der Stühlinger Park sollte kein 'Edelpark' werden. Man sollte sich auf dem Platz wohl fühlen und keine Angst davor haben, etwas kaputt zu machen.
Allerdings waren auch eine schöne Marktatmosphäre, eine Tollwiese für Kinder, Feste und Hocks geplant. Franz Gutmann widmete sein Kunstwerk zwei Herren, die sich das eben so vorgestellt haben, den beiden Freiburger Oberbürgermeistern Eugen Keidel und Rolf Böhme.



Das sieht heute doch alles etwas anders aus. Der Stühlinger Park ist verdreckt und für viele Freiburger einer der wenigen Orte, über die man ungern spaziert.

Hier ist das Kunstwerk Gutmanns ein wahrer Lichtblick, eine Quelle des Frohmuts. Auch wenn die beiden Riesen immer mehr im Dreck versinken, so bringen sie einen doch noch zum Lachen. Genau das wünschte der Künstler nicht nur den Freiburgern, sondern insbesonders auch dem Freiburger Architekten und Städteplaner, Klaus Humpert.