Kunst, die rumsteht (2): Müde Musen in der Uni

Nadja Röll

Neun bronzene Frauen sitzen und liegen zusammengekauert im Foyer des KG III der Universität. Barfuss und in schwere Tücher gehüllt, erinnern sie an Flüchtlinge, die einen langen, schweren Weg auf sich genommen haben. In der Uni haben sie Unterschlupf gefunden, eine Notunterkunft. Woher die dunklen Damen kommen und wohin sie wollen oder ob sie überhaupt irgendein Ziel haben, darüber erfährt man wenig.



Nur der Titel der Skulpturengruppe weist darauf hin, wen die neun Bronzegestalten darstellen. „Die neun Musen“ von der Schweizer Bildhauerin Bettina Eichin sind als griechische Göttinnen nicht gerade leicht zu erkennen. 1978 gewann die heute 65-jährige Künstlerin mit ihren Musen einen Wettbewerb der Stadt Freiburg in Zusammenarbeit mit dem Berufsverband Bildender Künstler Südbaden. Als „Göttinnen des Wissens, der Erinnerung und der Künste als verbindende Elemente zwischen Theater, Universität, Künstlerhaus und Museen“ sollten sie den Platz rund um die Mehlwaage schmücken.


 



Erst zeigten sich alle begeistert von Eichins überlebensgroßen Bronzefiguren, doch dann brach der große Musenstreit aus: Sie seien nicht zeitgemäß, 30 000 Mark für eine Figur zu teuer und außerdem seien es viel zu viele. 15 Jahre lang debattierten Stadtverwaltung, Künstlerverband und die Bildhauerin um einen Standort für die Göttinnen, den damals zweitteuersten Kulturankauf der Stadt. So wie Musen aus der griechischen Mythologie von den Irrfahrten des Odysseus erzählen, so könnten Eichins Göttinnen auch von langen Reisen berichten: An der Mehlwaage wünschte man auf einmal „diese Weiber nicht vorm Haus zu haben“ und auch auf dem Augustinerplatz wollte man sie nicht sehen.

 



Für die Bildhauerin begann ein harter Kampf. 1986, nach fast zehn Jahren Musenstreit, waren die Bronzefiguren erstmals in der Öffentlichkeit zu sehen. Im Seepark wurden sie zur Landesgartenschau in einem sumpfigen Gebiet ausgestellt. Und nun war auch nicht mehr das Kulturamt, sondern das Gartenbauamt für das Kunstwerk zuständig. Musen, das wurde in den 90er Jahren zu einem Hasswort im Rathaus. Eichin schaffte es so eben noch, ihre „Stadtmusen“ vor einer traurigen Existenz im Tiergehege des Mundenhofs zu bewahren, wohin man sie dann verbannen wollte. Die Irrfahrten der Musen gingen weiter: Nach einem kurzen Aufenthalt in einer Rumpelkammer im Mundenhof wurden sie nach Bern, Basel und Berlin transportiert, bis sie zuletzt im Foyer der Freiburger Universität landeten. Denn verkaufen wollte man die ungeliebten Frauen nun auch wieder nicht.

 



Da sind sie nun, abgemüht und in einer Ecke neben der Treppe zusammengedrängt, von vielen gesehen, aber von wenigen beachtet. Sie gehören der Stadtverwaltung. Die will sie aber nicht haben und leiht sie deshalb seit 1996 der Uni. So in sich gekehrt und deprimierend empfand man sie hier ganz passend.

Nur fühlt man sich bei ihrem Anblick eben nicht von der Muse geküsst. Die dunklen, klotzigen Frauengestalten haben nichts mit mythologischen Grazien gemein, sie sind nicht „dünnleibig“ und „luftig“, wie Goethe sie beschreibt. Zusammengekauert sitzen sie da, kein bisschen weiblich. Ganz anders stellt man sich die griechischen Schutzgöttinnen der Künste vor, die für Inspiration und Weisheit stehen und im Gesang unübertrefflich sind.

 



„In schweres Tuch gehüllt, tragen sie die Last der Geschichte“, so rechtfertigt Eichin die mangelnde Übereinstimmung mit den griechischen Vorbildern. Sie spielt damit auf die Gedächtnis- und Erinnerungskultur der Musen an, „eine typisch weibliche Qualität.“ Der Streit um die Musen ist nach Meinung der Bildhauerin auch aus verletztem, männlichem Stolz entstanden. Man hätte lieber einen Apoll, den Führer der Musen auf einem Podest gesehen, statt der gebildeten Bronzefrauen.

 



Nun stehen die Musen seit zehn Jahren im KG III und kaum einer nimmt davon Notiz. Vielleicht aber manch eine? Zumindest bietet der Musenstreit dann und wann noch Stoff für Gender-Debatten. So zum Beispiel in Vorträgen wie „Das Bild der Frau in einer von Männern bestimmten Welt“ an der Uni.



Zugegebenermaßen stehen „Die neun Musen“ bis heute ein wenig unterbelichtet im Foyer des KG III. Aber sie haben nichts von der Ausdrucksstärke à la Rodin und sie verfehlen heute, wie auch schon damals, den zeitgenössischen Kunstgeschmack. In den 80ern wurde neben den Musen immerhin „Der Wasserschlauch“ von Claes Oldenburg für den Eschholzpark und „Die Liegende“ von Henry Moore für den Vorplatz des KG II gekauft.