Kunst, die rumsteht (1): Claes Oldenburgs Wasserschlauch

Nadja Röll

Wenn es ein Ding ins Museum geschafft hat, dann ist es Kunst: Gerahmt, auf einen Sockel gehoben, mit einem Schildchen versehen. Aber wie ist es, wenn die Dinge nicht als Kunstwerk gekennzeichnet sind und einfach in der Stadt herumstehen? Wenn man sie nur daran erkennt, dass sie im Gegensatz zu Briefkasten, Mülleimer und Parkbank keinen Nutzen haben? Nadja Röll hat sich in Freiburg nach solchen Kunstobjekten umgeschaut. Teil 1: Der Wasserschlauch im Eschholzpark.



Ein postmoderner Kirchenturm? Ein Triumphbogen? Eine verdrehte Riesenschlange? Oder eine Wasserrutsche? Wie kommt dieses Schlauchmonstrum in den Eschholzpark und zu was soll es gut sein?


Zwischen dem technischen Rathaus und dem Berufsschulzentrum im Stadtteil Stühlinger schlängelt sich ein überdimensional großer Wasserschlauch in bis zu 10 Meter Höhe. 84 Meter ist er lang und in den 90ern schon etwa 350 000 Mark schwer. Denn der Wasserschlauch ist das Werk von Stars der amerikanischen Kunstrichtung Pop-Art, dem gebürtigen Schweden Claes Oldenburg und seiner Frau Coosje van Bruggen. Mit dem Wasserschlauch gewannen die beiden 1980 den Kunstwettbewerb der Stadt Freiburg, den ersten, der international ausgeschrieben wurde.

Das Künstlerpaar stellt Alltagsgegenstände in Übergröße dar und schafft so banale Monumente, an denen niemand vorbeiläuft, ohne sie zu bemerken. So kann man auch den Wasserschlauch im Eschholzpark nicht übersehen. Aber warum einen Gegenstand zeigen, den jeder schon zig Mal gesehen hat? Den man schon gar nicht mehr betrachtet, weil man ihn so gut kennt?



Aus eben diesem Grund. So viele Dinge werden im Leben einfach nur genutzt und nicht betrachtet. Und genau diese kleinen, alltäglichen Dinge stellt Oldenburg riesenhaft dar, ihrer Funktion beraubt, einfach nur um angeschaut zu werden. Die Erfahrung mit der Kunst soll den Blick auf die Dinge verändern, ihn auf die banale Wirklichkeit richten. Der Wasserschlauch bringt dem Park keinen Nutzen, er bewässert die Grünflächen im Eschholzpark nicht. Es plätschert lediglich ein Bächle aus den Rohren in einen Tümpel. Wenig Wasser für Rohre mit 55 Zentimeter Durchmesser, die eher an eine Turborutsche im Schwimmbad erinnern, als an einen Schlauch für ein Vogelbad. Und das, obwohl man die Vögel mit den Bauarbeiten für die Parkanlage Anfang der 90er doch schon vertrieben hat.



Früher, da konnten sich die Vögel in einem der vielen Schrebergärten einnisten, heute fehlen dafür die Bäume. Mit dem Bau des Berufsschulzentrums und der Neuanlage des Eschholzparks wurden die Kleingärtner vertrieben, die hier einst ihre Vogelknabberstangen aufhängten und ihre kleine, eigene Flora heranzüchteten. Das Künstlerpaar bedauert deren Verschwinden und versteht sein Kunstwerk als eine Hommage an die verdrängten Kleingärtner.

Neben dem Motiv, das an die ehemaligen Schrebergärten erinnert, ist das große, silberfarbene Drehkreuz ein weiteres Konzeptelement des Wasserschlauchs. Kantig abstrahiert, entspricht die Form dem Zähringerkreuz. Dieses ist ein Merkmal für den Städtebau von Zähringerstädten und war für den Aufbau des ganzen Parkgeländes im Stühlinger bestimmend.



Der riesige Schlauch sollte nicht nur die Blicke von Menschen aus oberrheinischen Gebieten auf sich ziehen, sondern auch in der internationalen Kunstszene Aufsehen erregen. Der Park im Stühlinger sollte ein Großstadtpark werden.

Schon Herstellung und Aufstellung des Kunstobjekts dauerten zwei Jahre. In einem Stahlwerk im Ruhrgebiet, bei Mannesmann in Mühlheim, mussten Maschinen umgebaut werden, damit die dicken Rohre in die Windungen gebogen werden konnten, die das Künstlerpaar anhand eines Modells vorgab. Nachdem das Monstrum dann fertig geschlängelt war, wurde es 1982 mit einem Spezialtransporter nach Freiburg verfrachtet.



Heute wird die große Wiese vor allem zum Ballspiel genutzt. Wäre ein überdimensionales Fußballtor nicht angemessener für den Park gewesen? Für die Freizeitsportler wäre dies sicher eine gute Alternative zum Wasserschlauch, so müssten sie sich kein Ziel mehr mit Schuhen oder Rucksäcken abstecken. Der Park ist ja als Freizeitanlage gedacht.

Der Künstler selbst, der mit seiner Frau Coosje van Bruggen bei der Einweihung des gemeinsamen Werks anwesend war, warnte davor, den Schlauch zu sehr als „playground sculpture“, als Spielplatz-Objekt anzusehen. Zu einer Art Spielzeug ist es aber doch geworden: Kleine Kinder klettern darauf herum, andere sonnen sich auf dem Schlauch wie auf einem Liegestuhl oder nutzen es als Fußballtor. Und an die Kleingärtner denkt heute fast niemand mehr.

Aber es regt sich auch niemand mehr über das rote Ungetüm auf. Die Stühlinger haben sich an die Riesenhaftigkeit des Gegenstands gewöhnt. Und tatsächlich ist Freiburg dadurch in verschiedenen internationalen Kunstbildbänden vertreten.



Ob man dadurch erreicht hat, dass das ehemalige Kleingartengebiet zum modernen Stadtteil geworden ist, wie es der damalige Oberbürgermeister Rolf Böhme wünschte, ist allerdings fragwürdig.