Kultur in Freiburg: Eine Schmierenkomödie

Philip Hehn

Sind wir nicht alle ein wenig Kulturschaffende? Vor einigen Tagen hat die CDU im Jazzhaus die 2864. Folge der Soap "Kultur in Freiburg" veranstaltet. Die Mitspieler waren merklich gut aufgelegt und präsentierten eine routinierte Schmierenkomödie. Protokoll einer planlosen Schlammschlacht.



Die Besetzung war ein Querschnitt durch die Gesellschaft. Die Liberalen waren mit einem Schlossherren vertreten, die Kulturliste mit einem Musiker, die Freien Wähler mit einem Rechtsanwalt, die Grüne Alternative mit einem Alternativen, die CDU mit einem Lehrer und Junges Freiburg mit einem Studenten. Nicht nur das Podium war hochkarätig besetzt, auch im Publikum waren Akteure platziert worden. Mehr und mehr der meist älteren, sehr gediegen gekleideten Zuhörer outeten sich im Laufe des Abends als Kulturschaffende oder Politiker, Wähler waren scheinbar eher schwach vertreten.


In Ermangelung konkreter Leitfragen und wirkungsvoller Regie mäanderte die Debatte. Herbert Schiffels von der CDU forderte bessere Statistiken und bessere Außendarstellung. Er beklagte die soziale Dimension des Schuldenmachens. Auch McCabe von der GA beklagte, eine Bestandsaufnahme der Kulturszene in Freiburg sei sehr schwierig.

Die Kulturschaffenden forderten mehr Wertschätzung für Kunst und Kultur, die Konservativen waren der Meinung, Kultur sei nicht nur, was die Stadt Geld koste, und fragten, ob man nicht mit Studium Generale und Musikhochschule letztlich genug Kultur habe. Eine Freie Wählerin forderte, das Engagement der Unternehmen mehr zu würdigen, der Liberale kritisierte die Anspruchshaltung gegenüber der öffentlichen Hand. Tim Simms beklagte für die Grünen, in der Politik sei teils sehr wenig Wissen über die „Kulturszene“ vorhanden.

Die Museen und ihre Wirkung auf den Tourismus wurden gelobt. Martin Jost von Junges Freiburg forderte hingegen weniger Touristenkultur und mehr lebendige Kultur, zum Beispiel, für die Stadt kostenneutral, mehr legale Graffitiflächen und die Freigabe von elektronischen Abspielgeräten in der Straßenmusik, um Aufführungen von Straßenhiphop zu ermöglichen, und stand mit diesen konkreten Vorschlägen ziemlich alleine auf weiter Flur.



Überraschend konnte ein Konsens hergestellt werden über die wohlfeile Platitüde, Kultur habe positive soziale Effekte. Aber welche Kultur? Viele bemerkten, Vereine gehörten ja zur Kulturlandschaft und hätten wichtige soziale Funktionen, Kultur müsse von unten kommen, was abwechselnd als Synonym für „wir wollen weniger Geld ausgeben“ und „wir brauchen mehr Kunstunterricht“ benutzt wurde.

Einige forderten bessere „kulturelle Bildung“, andere forderten eine bessere Definition von „kulturelle Bildung“ und ob nicht auch Medienkompetenz gemeint sei. An den Schulen komme Kultur zu kurz, dann stellte sich heraus, es fange schon bei der Erzieherausbildung an.

Einige forderten bessere Finanzierung für Kultur. Die von Vertretern mehrerer Listen gestellte Gegenseite meinte, es gebe zum Glück eine Menge kulturelle Institutionen, die nichts mit der Stadt zu tun hätten. McCabe wies andererseits darauf hin, viele Mitarbeiter von freien Theatern arbeiteten an der Grenze ihrer menschlichen Möglichkeiten. Einsparungen seien nicht mehr möglich, argumentierte auch Simms von den Grünen. Man müsse sich überlegen, ob man zufrieden sei mit dem, was die Einrichtungen leisten, und hier ansetzen. Schlossherr Gayling wies darauf hin, die Begriffe „Kultur“ und „Nachhaltigkeit“ stammten letztlich aus der Forstwirtschaft, ohne der Diskussion damit nennenswert neue Impulse geben zu können.

Immer wieder wurde sich auf die Erde geworfen vor dem Götzen Dreispartenhaus, als sei Moses länger als erwartet auf dem Sinai geblieben und seine Rückkehr stünde beim derzeitigen Stand der Dinge ernstlich in Zweifel. Selbst der Liberale forderte eine Bestandsgarantie für das Theater, das wohl den Vorteil hat, groß und damit symbolträchtig und über die Stadtgrenzen hinaus bekannt zu sein. Im Publikum saß der kaufmännische Direktor des Theaters und schwieg weise.

Von den Debatten, pardon Aufführungen, die ich im Kommunalwahlkampf bisher verfolgt habe, hatte diese bei weitem den aggressivsten, teils herablassenden, teils hämischen Umgangston. Am Ende führte eine Serie „untragbarer Falschdarstellungen“ eines Kulturliste-Vertreters das Publikum an den Rand der Meuterei, aber der Theaterdonner verpuffte dann doch wieder. Die Bewerbung Freiburgs als Kulturhauptstadt wurde auf beschwingtem Stehpartyniveau kurz angerissen – zu teuer, überflüssig, hat eine Kulturmetropole wie Freiburg ja gar nicht nötig.

Am Ende wurden viele Fragen angerissen, wenige beantwortet und niemand war klüger. Einige Egos wurden gestreichelt, andere zurechtgestutzt. Theater ist ja letztlich Kreuzworträtsel für Geisteswissenschaftler. Am Ende fühlt man sich selten schlauer, aber das Gehirn hat schön seine Runden gedreht, und auch die Schauspieler haben Spaß. Warum bewerfen sich die Figuren mit halbrohem Fleisch und essen es dann vom Boden? Warum kriecht die Hauptdarstellerin nackt auf allen Vieren über die Bühne? Hat es etwas mit der von den Diskutanten beklagten Tatsache zu tun, dass Männer weniger oft ins Theater gehen als Frauen? Was ist kulturelle Bildung? Über diese Dinge lässt sich sehr schön aus dem Theatersessel heraus nachdenken, solange man nicht davon abhängig ist, dass etwas unternommen wird.

Als ich das Jazzhaus verlasse und mich auf den Weg ins White Rabbit mache, um noch ein Feierabendbier zu trinken, bricht als letzter dramaturgischer Kunstgriff ein Platzregen los. Zorn Gottes? Oder zog der Planet die Spülung? Der Abend war jedenfalls bis zum Ende ganz großes Theater.

Mehr dazu:



Was: Politiker-Speed-Dating
Wann: Mittwoch, 20. Mai 2009, 19 Uhr
Wo: Peterhofkeller der Uni, Niemensstr. 10
Web
: Live-Stream anschauen