Kühl bleiben - Das WM-Tagebuch (3)

Rudi Raschke

Wenn mich das Fußballfieber packt, leere ich mir oft einen Becher Bier in den Hosenbund und stecke mir anschließend die Zipfel der Stadionwurst in die Ohren. Zumindest wenn es so ein Fußballfieber wäre, wie es sich die ahnungslosen Werber eines Sponsors ausgemalt haben.

Es ist das bisher bescheuertste TV-Bild dieser WM: Ein Mann, offenbar fußball-verrückt, reißt in einem Werbespot die Kühlschranktür auf und stürzt sein Gesicht in einen roten Wackelpudding. Hat er gewonnen? Verloren? Ein Spiel verpasst? Jedenfalls weist dieser Irrsinn einem nicht den Weg ins nächst gelegene Fußball-Kuckucksheim, sondern zum großen Kreditkarten-Glück.


Wenn dagegen ich dieser Tage den Kühlschrank aufreiße, bekomme ich höchstens einen Tollwut-Ausbruch wegen des Fäßchens, das darin kühlt. Sagen wir so: Die eilig auf den Markt geworfene Zapftechnik der 5-Liter-Dose wird es in keine “Land der Ideen”-Broschüre schaffen, mit denen die Bundesregierung ihr “schwarz-rot-geiles” (Bild) Land derzeit anpreist. Einem halben Glas Bierschaum mit Niagara-Druck folgt regelmäßig ein Rinnsal Marke “Ein Bier dauert 70 Minuten.”

Man möchte aufschreien. So wüst wie der spanische Trainer, der sich gleich bei der Ankunft in Deutschland als legitimes Nachfolge-Maskottchen des derzeit im Alpenland marodierenden “Problembären” (Edmund Stoiber) empfahl. Mit der Tirade “Was soll ich mit den Blumen. Mir passt nicht einmal das Haar einer Gamba in den Arsch” (!?) erlegte Luis Aragones gleich mal ein Empfangskomitee und pries die große südländische Fluch-Kultur. Gut vorstellbar, dass die FIFA noch im Turnier seine Einschläferung fordert, wenn er zum Beispiel beim Auftaktspiel am Mittwoch einen Linienrichter reißt, vielleicht mit “Der Schnauz deiner Mutter kratzt beim Küssen” oder ähnlicher Schmäh-Folklore.

Die sonstigen Beobachtungen, die ich nach nunmehr elf Spielen zusammenfassen kann:
  • Die Abwehr von Trinidad ist besser als die deutsche.

  • Franz Beckenbauer wurde bereits jetzt an mehr Orten gesehen als Elvis nach seinem vermeintlichen Ableben

  • Kaum verursachen die englischen Fans mal keine Sachschäden vor Anpfiff, versucht ihr Torwart den Frankfurter Videowürfel mit einem Abschlag zu demolieren.

  • Die Idee, einige WM-Tage an RTL zu verhökern, fand eine noch lausigere Umsetzung als befürchet (demnächst mehr dazu).

  • Die lustigsten Modespäße bisher waren die Scherzartikel-Krawatte von Mexikos Kettenrauch-Trainer “El Fluppe” und die Flamencoblusen-Ärmel vom Portugiesen Christiano Ronaldo. Man fragt sich, was Spaniens Brummbär darüber schimpfen könnte. Zurück zum Kühlschrank.
[Der gebürtige Freiburger Rudi Raschke ist der Autor unseres WM-Tagebuch-Blogs, das wir in den kommenden vier Wochen auf fudder führen werden. Er lebt in München und arbeitet als Redakteur des Playboy]