Kryoniker in Gundelfingen: Einfrieren fürs ewigen Leben

Jonas Nonnenmann

Kryoniker hoffen, dass unsere Nachfahren den Tod heilen wie eine Krankheit. Deshalb lassen sie sich bei minus 196 Grad einfrieren, um die Verwesung zu stoppen. In den USA lagern bereits um die 200 Leichen im Tiefkühlcontainer, in Deutschland ist diese Form der Bestattung verboten. Marcus Beyer aus Gundelfingen will das ändern. Wir haben ihn besucht.



Neben der alten Gundelfinger Bundesstraße zeigt ein Straßenschild Richtung Friedhof.  Wer in die andere Richtung fährt, landet beim Haus von Marcus Beyer. Der arbeitet daran, den Menschen das mit den Friedhöfen auszureden.


Beyer, 37, ist Kryoniker. Das Wort kommt aus dem Griechischen, bedeutet Frost. Nach dem Tod soll  Beyers Körper in einem tagelangen Verfahren auf minus 196 Grad gekühlt werden – bis die Leiche aufhört, zu verwesen. Ein paar Jahrhunderte später, hofft er, hauchen ihm Ärzte wieder Leben ein. Auch heute unheilbare Krankheiten sollen dann heilbar sein.

Vorbilder gibt es, die meisten davon in den USA:  Knapp 200 „Patienten“ schwimmen dort in riesigen Kühlbehältern. Etwa zehn mal so viele haben schon ihren Platz im Container reserviert – sei es beim Cryonic Institute oder bei Alcor, den beiden großen Kryonik-Anbietern.  Laut Satzung sind beide Institute gemeinnützig. Erstes Versuchsobjekt: James Hiram Bedford, Psychologieprofessor aus Kalifornien. Der ließ sich 1967 als erster auf Eis legen.

In Deutschland ist die Zahl der Kryoniker überschaubar: Ein Grüppchen von 30 Lebenshungrigen und Technikbegeisterten trifft sich in der DeutschenGesellschaft für angewandte Biostase. Erster Vorstand: Marcus Beyer.



Will er ewig leben? Beyer streicht langsam mit der Hand um den Mund und überlegt. „Das ist zu weit gedacht“, sagt er.  „Ich will einfach leben, den morgigen Tag erleben. Außerdem bin ich  neugierig auf die Zukunft.“ Die künftigen Segnungen der Kryonik vergleicht er mit der modernen Medizin: „Es gab Zeiten, da betrug die menschliche Lebenserwartung 30 Jahre. Damals hätte auch keiner gedacht, dass Menschen einmal so alt werden wie heute.“

Noch ist es in Deutschland Gesetz, Tote nach ein paar Tagen zu bestatten. Wer das verhindern will, kann sich in die USA ausfliegen lassen oder nach Russland: In beiden Ländern wird das Lagern bei Minustemperaturen geduldet.

Beyer und seine Mitstreiter setzen sich dafür ein, dass das Lagern von Leichen auch in Deutschland legal wird. Wie er sind fast alle im Verein Akademiker. Beyer selbst studierte Informatik und Medizin. Eine Zeit lang war er wissenschaftlicher Angestellter an der Freiburger Uniklinik, heute ist er Softwarearchitekt.

Er wippt mit dem Stuhl, sein Blick wandert durchs Zimmer: Viel Ikea, viele Bücher, im Hintergrund läuft Chilloutmusik von Morcheeba. In der Küche hängen Schwarzweißfotos - von ihm, der Frau und den beiden Töchtern. Darunter die Einkäufe, alles Alnatura.

Seine Worte wägt Beyer ab wie ein Verkäufer. Weil es spät ist, aber wohl auch, weil er nicht als Spinner dastehen will. Zu oft wurde über die Kryonik negativ berichtet, findet er. Etwa, als ein Vereinsmitglied im Internet die Kryonik als Gottes Wille verkündete – falls es denn eine höhere Macht gäbe. Derselbe Mann bot Tierliebhabern an, tote Haustiere bei ihm abzuliefern und für ein paar Tausend Euro in flüssigem Stickstoff zu lagern. Frostschutzmittel benutzte er nicht. Zwei Katzen lagern heute in seinem „Tierkryonikinstitut“, eine davon lag Tage im Tiefkühlfach, bevor sie bei ihm ankam.

Die öffentliche Meinung mache vielen Kollegen zu schaffen, sagt Beyer. Manchmal auch die professionelle Ächtung: „Ich kenne Biologen, die sich nicht als Kryoniker outen, weil sie befürchten, aus ihrem Fachverband zu fliegen.“



Andere halten die Kryonik aus professionellen Gründen für Quatsch - Wissenschaftler wie der Zellbiologe Jörg Klug (49), der an der Uni Gießen forscht.  Mit Kältetechniken kennt er sich aus. „Ich halte die Kryonik für sehr unrealistisch“, sagt er. Problematisch sei, dass Zellen beim Einfrieren beschädigt würden. Das lasse sich bei kleinen Organismen wie Embryos verhindern, bei größeren nicht. Kryoniker versuchen, diese Schäden durch Frostschutzmittel zu minimieren – was zu einem neuen Problem führt: Nach dem Auftauen, geben auch Kryoniker zu, müssten die Leichen entgiftet werden.

Beyer ist dennoch guter Dinge, dass unsere Nachfahren solche Schwierigkeiten überwinden. Und wenn das Wiederbeleben gelingt? „Vielleicht treffe ich ja den einen oder anderen Bekannten, so dass wir uns zusammen orientieren können“, hofft er. Allerdings müsse er davor wohl eine Reha besuchen, um sich an die neue Realität zu gewöhnen. In 200 Jahren, schätzt er, soll es soweit sein.

[Fotos: Nonnenmann, privat]

Mehr dazu: