Kripo-Interview zur Liquid-Razzia: "Wir hoffen auf eine Signalwirkung"

Carolin Buchheim & Joachim Röderer

Die Drogenrazzia im Liquid Club am vergangenen Samstag schlägt noch immer Wellen in der Freiburger Partyszene - und auch hier in den Kommentaren auf fudder. Warum der Liquid Club und keine Großveranstaltung, warum ausgerechnet jetzt? fudder-Redakteurin Caro und BZ-Redakteur Joachim Röderer haben bei Raoul Hackenjos, dem stellvertretenden Chef der Kriminalpolizei Freiburg, nachgefragt, welche Hintergründe die Aktion hatte.

Warum haben Sie den Liquid Club ausgesucht?


Was jetzt nach außen hin als Ausrufezeichen wahrnehmbar war, ist nur die eine Seite. Wir haben bereits im April eine neunköpfige Ermittlungsgruppe eingerichtet, die sich ausschließlich mit dem ausufernden Drogenmissbrauch in der Party beschäftigt. Da kamen schon viele Dinge zu Tage: Es ist erschreckend, mit welcher Unbedarftheit 18- bis 25-jährige Discogänger mit Kokain, Ecstasy oder Amphetaminen, teils sogar LSD umgehen. Wir haben schon vor der Razzia zehn Haftbefehle erwirkt und fast 30 Durchsuchungen vollzogen und eine umfangreiche Menge an Drogen sichergestellt.

Gegen wen richteten sich die Haftbefehle?

Gegen die Händlerebene. Es hat sich dann konkretisiert, dass über diese Diskothek eine Vielzahl der Kontakte stattgefunden hat. Alle rechtlichen Erfordernisse für die Maßnahme einer Razzia waren gegeben – in allen Punkten.

Der Liquid Club ist eine relativ kleine Diskothek. Wäre bei einem Großevent der Elektroszene nicht mehr zu "holen" gewesen?

Wenn wir konkrete Hinweise auf ein Objekt haben, dann können wir nicht auf ein Großevent warten, nur weil man dort möglicherweise mehr erreicht. Mit einer "Razzia" verfolgt man ja immer verschiedene Zielrichtungen. Ein Ziel ist der Schutz der Jugendlichen und Heranwachsenden. Die Aktion gibt auch das klare Signal: Wir wollen das in Freiburg nicht. Wir wollen nicht, dass Jugendliche und Heranwachsende vollkommen außer Kontrolle ihr Partyleben führen und Partydrogen konsumieren und gar nicht wissen, was sie auf die Zukunft gerichtet ihrem Leben antun. Das hat alles viele Facetten und es geht auch nicht darum, dass die Polizei Stärke zeigt. Es gibt da noch einen anderen Aspekt: Stellen Sie sich vor, da geht jemand am Sonntagmorgen [Anmerkung von fudder: Der Liquid Club hat als After Hour Club bis in die frühen Morgenstunden geöffnet] über den Zebrastreifen und wird überfahren. Später stellt man fest, der Fahrer war nicht allein mit sich, sondern "drauf". Dann kommt schnell der Vorwurf: Die Polizei weiß es, tut aber nichts. Auch das ist ein Signal nach außen: Wir wissen und wir reagieren – aber nicht vage, sondern aufgrund sauber ermittelten Daten. Wir passen unser Handeln nicht dem Partykalender an.

An Freitagabend feierten Abiturientinnen und Abiturienten des Bertold-Gymnasiums im Liquid Club nach dem Ende ihres Abiballs eine Party. Warum wurde an diesem Abend zugegriffen, und nicht an einem szenetypischeren Event?

Wir haben zum Zeitpunkt eines szenetypischen Event zugegriffen. Die Abitursfeier war überhaupt nicht unser Ziel. Und sie war bei Beginn der Polizeimaßnahme annähernd beendet, weswegen auch nur wenige Schüler in die Kontrolle gerieten.

Wie ist das Ergebnis der Razzia?

Knapp einem Drittel der Besucher konnte der Drogenkonsum nachgewiesen werden. Die Strafbarkeit richtet sich aber danach, wer Drogen in welchem Umfang dabei hatte. Es laufen nach der Nacht nun 25 Ermittlungsverfahren gegen Beschuldigte. Es gab auch am Samstagmorgen noch mehrere Wohnungsdurchsuchungen, die Erfolge gebracht haben. Für uns ist maßgeblich, ob es nach Eigenkonsum aussieht, oder nach Handel. Selbst wenn jemand nur eine geringe Menge an Drogen besitzt, das ganze aber wie im Krämerladen aussieht – ein paar Pillen, ein bisschen Koks, ein paar Amphetamine – dann sind dies Indikatoren, die für "Handel" sprechen.

Besucher der Liquid Lounge schildern das Auftreten der Polizei als martialisch - Polizisten stürmen herein, das Licht geht an, die Diskogäste müssen mehrere Stunden mit Händen über dem Kopf warten, sich peniblen Leibesvisitationen unterziehen.

Es ist ein sehr qualifizierter und professioneller Einsatz durch die Bereitschaftspolizei und eigene Kräfte der Kripo gewesen. Um die Spitze "martialisch" zu nehmen: Es ist stickig und warm in der Disko, wir haben die Versorgung mit Wasser gewährleistet, auch Notarzt und Rettungsdienst waren vor Ort. Es wird hier nicht ein entpersonalisiertes Verfahren durchgezogen. Man weiß um die Gesundheitsrisiken und Probleme derer, die Drogen konsumieren und dann in eine solche Kontrolle kommen.

Warum hat die Razzia so lange gedauert?

Die Durchsuchung jedes einzelnen Besuchers braucht nun mal Zeit. Bei den Durchsuchungen und Befragungen müssen die Persönlichkeitsrechte gewahrt werden. Wir machen das ja nicht einfach in einer Ecke der Diskothek. Aus diesem Grund haben wir die Universitätstraße gesperrt: So waren die Wagen, in denen wir die Befragungen durchgeführt haben, nicht einsichtig. Wir wollen schließlich niemanden vorführen.

Hat der Missbrauch mit synthetischen Drogen nach ihrer Ansicht in Freiburg zugenommen?

Was uns aufgefallen ist: Bei vielen gibt es null Unrechtsbewusstsein und keine kritische Distanz mehr. Wir hoffen, dass die Aktion Signalwirkung hat und vielleicht auch Eltern erreicht: Guckt mal nach euren Kindern, merkt ihre eine Veränderung: Sind sie, auch wenn sie am Freitagabend gegangen sind, am Sonntagmittag immer noch gut drauf?

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[Dieses Interview erschien in anderer Form auch in der heutigen Ausgabe der BZ.]