Kreisklasse B: Freiburg-HipHop von AndOne

Gina Kutkat

Andreas Wagner, 23, studiert im fünften Semester Medizin in Freiburg. Als AndOne rappt er auch, als Drittel des Trios All Inn. Nun hat er mit "Kreisklasse B" sein Solodebut veröffentlicht. Im fudder-Interview berichtet er von seinem früheren Alkohol-Leben und von der Umsonst-Mentalität mancher HipHop-Hörer.



All Inn ist euer Rap-Trio. Wie kam es dazu, dass du ein Soloalbum aufgenommen hast?

Ich hab in den letzten anderthalb Jahren immer mal wieder Sololieder aufgenommen, über Beats, die den anderen nicht gefallen haben. Nachdem ich mit All Inn zwei Alben und ein Mixtape gemacht hatte, hat es sich dann einfach so ergeben.

Warum „Kreisklasse B“?

In der Kreisklasse B habe ich Fußball gespielt und viele lustige Sachen erlebt. Ich sehe mich selber noch am Anfang und Kreisklasse B ist so ziemlich die niedrigste Fußballklasse.

Argumente für den Kauf deines Albums?

Es ist vielfältig. Wenn man also eine Seite an mir nicht mag, kann man die andere wieder gut finden. Auf Kreisklasse B sind 20 Lieder vertreten, das ist für ein HipHop-Album heutzutage nicht selbstverständlich. Für eine Low-Budget-Produktion finde ich den Klang außerdem ziemlich professionell.

In welchem Zeitraum entstand „Kreisklasse B“?

Das älteste Lied ist vom Juni 2007. Ich war im März 2008 schon komplett fertig, aber dann habe ich noch mal alles überworfen. Die Hälfte der Lieder hab ich rausgeschmissen und sieben oder acht neue Lieder aufgenommen.



Inwiefern ist die Solonummer anstrengender?

Ich musste immer ein ganzes Lied alleine aufnehmen, anstatt bei All Inn nur einen Part zu übernehmen. Es war kreativer, da man nur mit einer Person im Studio ist. Auf der anderen Seite war es aber alleine auch nicht so spaßig, zu dritt macht man eben mehr Scheiß.

In welchem Tempo nimmst du Songs auf?

Je nachdem, wie oft ich beim aufnehmen verhaue, stehe ich dann bis zu einer Stunde in der Kabine, um ein Lied aufzunehmen. Ich bin aber relativ schnell und schaffe vier bis fünf Songs an einem Abend. Danach bin ich aber ganz schön geschafft.

Wovon?

Von der Konzentration. Man muss auf die Betonung achten und darauf, dass man die Wörter im Takt sagt.

Dein Lieblingstrack?

Schwierig. „Stadionsprecher“ finde ich von der Idee her sehr cool. Ich möchte aber kein Lied besonders hervorheben. Man muss das Album als Gesamtkunstwerk sehen. Mir ist es wichtig, dass man ein Album von vorne bis hinten durchhören kann. Da habe ich mir wirklich viele Gedanken zu gemacht.

Hörst du nur HipHop?

Nein. Ich höre deutschen Rap wie Kool Savas, Curse, Chakuza; viel amerikanischen Rap, aber auch Sachen wie Coldplay, Michael Jackson, alles dabei. Nur mit Hardrock kann ich nichts anfangen. Wenn ich nur Deutsch-Rap hören würde, dann würde ich irgendwann wahnsinnig werden.

Wie würdest du deinen Stil beschreiben?

Vielfältig, ehrlich und bodenständig, oftmals auch ironisch. Außerdem ist mir wichtig, dass die Technik beim Rappen stimmt.

Wie persönlich ist dein Soloalbum geworden?

Sehr. Ich habe mir ein paar Themen gesetzt, zu denen ich unbedingt etwas schreiben wollte. Bei ein paar Liedern wäre es einfach schwierig, das zu dritt zu machen. Themen, zu denen jemand anders wenig sagen kann, weil es nur mich betrifft.



Zum Beispiel?

Vergangenheitsbewältigung. Da spielt Alkohol eine große Rolle. Eine zeitlang war das ein Fixpunkt in meinem Leben. Man geht drei, viermal die Woche saufen und lebt ein Partyleben. Wenn man darüber Songs schreibt, sprechen einen die Leute natürlich darauf an. So nach dem Motto: “Ihr redet ja nur über Alkohol.“

Was stört dich daran?

Es irritiert mich einfach, dass sie unsere Musik auf den Alkohol reduzieren.

Weitere Themen, die du auf deinem Soloalbum verarbeitet hast?

Die Sache mit der Uni ist auch so ein Thema. Das wollte ich aber auf keinen Fall breittreten. Von wegen „Der erste Student der rappt“. Das Thema fließt trotzdem ein bisschen mit ein, aber das Wort „Uni“ habe ich nur ungefähr zweimal erwähnt.

Du willst nicht der rappende Student sein?

Ich finde das ziemlich unerheblich. Es sagt ja nichts über mich als Musiker aus. Musik ist die Freiheitskomponente in meinem Leben. Mein Studium ist in eine klare Richtung ausgerichtet: Irgendwann bin ich Arzt, wenn es gut läuft. In der Musik habe ich mehr Freiheit. Ich habe einen Beat und kann machen, was ich will. Keiner sagt mir, was ich lernen muss oder wie ich etwas machen muss.

Würdest du dein Studium an den Nagel hängen, wenn du als Rapper erfolgreich wirst?

Solche Gedanken mache ich mir nicht. Ich denke nicht, dass ich alles über den Haufen schmeißen würde. Mein Versuch ist es, eine Balance zu halten zwischen Musik und Studium. Am Ende des Tages muss ich aber sehen, wo ich bleibe. Mit CDs allein kann man heutzutage kein Geld mehr verdienen.

Wie siehst du die Chancen für Rap-Newcomer in Freiburg?

Schwierig. Entweder musst du dich hier als Vorgruppe an jemanden dranhängen oder du trittst im „Z“ auf. Hier gibt es nicht so viele Möglichkeiten.

Worin liegt das Problem?

Die wichtigen Strukturen sind nicht vorhanden. In Berlin, Hamburg und Stuttgart gibt es größere Labels, hier ist in dieser Hinsicht tote Hose. In den vergangenen Jahren ging in Freiburg einfach nicht viel, das Angebot war nicht so groß. Das ändert sich aber gerade und das Spektrum wird weiter.



Wie vertreibst du deine Musik?

Mein Album kann man bei justaloud runterladen, für 1,80 Euro. Die ersten 10 bis 20 Downloads gab es das Album umsonst. Nach zwei Stunden, als das Album dann etwas kostete, lief es schon um einiges schleppender.

Die Leute sind also nicht mehr bereit, Geld für Musik auszugeben?

Die Mentalität geht mittlerweile in die Richtung, dass die Musik von unbekannten Künstlern nicht gekauft wird, wenn man das Album von Jay-Z umsonst kriegen kann. Das finde ich schon nervig, vor allem, weil ich mir mit meiner CD echt Mühe gegeben habe. 50 Exemplare habe ich mit Cover und Hülle vorbereitet, um sie dann für fünf Euro zu verkaufen. Das ist den meisten, auch engeren Bekannten, oft schon zuviel, auch wenn es für mich ein Nullgeschäft ist.

Was sagst du zum HipHop-Bild, das in Deutschland etwa durch Bushido vertreten wird?

Wie HipHop sich selber darstellt, finde ich gar nicht so schlimm. Aber wie HipHop dargestellt wird, finde ich zum Kotzen. Alles hat seine Daseinsberechtigung. Vor allem die Boulevard-Medien wie RTL oder Bildzeitung reduzieren HipHop auf Bushido und Gangster-Rap. Durch derartige Sensationsgeilheit wird HipHop bewusst in eine Ecke gedrängt.

Geplante Projekte in Freiburg?

Zur Zeit noch nichts, aber ich will wieder live auftreten. Der Sound muss aber auf jeden Fall stimmen, weil ich mir mit den Texten viel Mühe gebe. Ansonsten ist der zweite 791 Sampler in Planung, von MannyBeatz produziert. Mit sechs oder sieben Freiburger Rappern. Dabei sind Mr. Whisper, Casablanca, Fame, wir von All Inn und ein paar Newcomer. Definitiv repräsentativ für eine neue Facette im Freiburger Hip Hop.

Mehr dazu:

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