Krawumm: Stomp-Show in Baden-Baden

Gina Kutkat

Spülbecken, Streichhölzer, Mülltonnen, Besen und Eimer. Das Equipment der Rhythmus-Show Stomp kann man auf jedem Schrottplatz finden. Seit 19 Jahren sorgt die Tanz-, Schauspiel- und Musikperformance dafür, dass es in den Theatersälen dieser Welt nie leise oder langweilig wird. Ab kommender Woche gastiert das Stomp-Ensemble in Baden-Baden. Gina hat sich die Show vorab angeschaut.



Rscht. Klack, tack, tack. Ssssssst. Es beginnt mit einem Besen. Nein, mit dem Geräusch eines Besens. Rscht. Klack, tack, tack. Die Bühne ist in Dunkelheit gehüllt. Vage kann man alte Ölfässer, verrostete Werkzeuge und allerhand anderen Schrott erkennen. Das Geräusch kommt näher, der Takt wird schneller. Da schlendert plötzlich der erste Performer vom linken Bühnenrand daher. Er wienert, wischt, stampft mit dem Stiel auf den Boden, immer im Takt, dabei vor sich her pfeifend.


Nach und nach füllt sich die Bühne, schließlich arbeiten sich acht Darsteller mit Stampfen, Klopfen und Schlagen im Crescendo zur größtmöglichen Lautstärke vor. Und zwar bei größtmöglicher Präzision. Aus dem leisen Wisch-Sound vom Anfang ist ein ohrenbetäubender Lärm geworden, mit vollem Körpereinsatz treiben die Darsteller das Spiel zur Eskalation. Es wird nicht geredet, es gibt keine Handlung und trotzdem ist man als Zuschauer von der ersten Minute an gebannt vom akustischen Spektakel auf der Bühne.



Wenn 16 Füße und Arme Blecheimer, Besen, Tonnen, Mülltonnendeckel und Spülbecken bearbeiten, wenn sie dabei tanzen, kämpfen und fähig sind, allein durch ihre Mimik die verschiedensten Charaktere darzustellen, wenn es knallt, kracht und scheppert - dann handelt es sich um Englands berühmtes Rhythmusspektakel Stomp. Die Geburtsstunde erlebte die Show 1991 in Brighton, seitdem wird die Theaterperformance der Erfinder Luke Cresswell und Steve McNicholas ständig weiterentwickelt und auf der ganzen Welt mit wechselnder Besetzung aufgeführt. Auch 2009 kann man die Show in Deutschland wieder live erleben: Vom 20. bis 25. Oktober kommt Stomp ins Festspielhaus Baden-Baden.

Schauspiel, Tanz, Musik, Pantomime, Slapstick - Stomp lässt sich in keine Schublade stecken. Es geht um das Zusammenspiel der einzelnen Charaktere auf der Bühne. Und um die Instrumente, die es in keinem Musikfachgeschäft zu kaufen gibt: Sink, Matches, Bins, Barrels, Brooms und Buckets - also Spülbecken, Streichhölzer, Mülltonnen, blaue Tonnen, Besen und Eimer sind die wichtigsten Nebendarsteller. Außerdem gibt es acht Hauptcharaktere, die von den Darstellern jedes Mal neu interpretiert werden. Es geht dabei nie um Perfektion: Eigenheiten und Macken sind besonders gefragt.



Die Stomp-Gemeinschaft besteht aus über hundert Performern, regelmäßig finden in New York und London Auditions statt, bei denen neue Stomper rekrutiert werden. Wer bei Stomp mitmacht, muss kein ausgebildeter Schauspieler sein, meist werden Percussionisten, Tänzer oder Leute, die sich gerne in Szene setzen, eingestellt. So jemand wie Andrew Patrick (Bild oben). Der Amerikaner hat schon als Steptänzer, Fitnesstrainer und Drummer gearbeitet, bevor er bei der Show anheuerte. "Das besondere an Stomp ist für mich die Straßenqualität, alles ähnelt einer einzigen Street-Performance" sagt Andrew, der wie jeder Performer bis zu fünf der verschiedene Stomp-Figuren verkörpern kann.

Die acht Stomp-Rollen tragen die Spitznamen der Original-Darsteller und werden von den Performern stets weiterentwickelt. Es gibt den strengen "Sarge", den Anführer der Show, der auch den direktesten Draht zum Publikum hat. Daneben gibt es "Mozzie", die komische Figur, "Cornish", sein weibliches Pendant, den athletischen "Particle Man", die so genannte Tonnenschlampe "Bin Bitch", den rhythmischen Mittelpunkt der Show "Potato Head", den Rhythmiker "Ringo" und den verrückten "Dr. Who".

Wenn sich diese Charaktere auf der Bühne versammeln, ist kein Gebrauchsgegenstand vor ihnen sicher. Bei einer Nummer tragen die Performer riesige Schläuche von Traktorreifen um ihre Hüften, die mit Gummibändern am Körper befestigt sind. In einer weiteren Szene hantieren drei männliche Darsteller geschickt mit großen Spülbecken, aus denen das Wasser träufelt.

Neben diesen lauten, groben Performances gibt es aber auch die filigranen Szenen, die beweisen, wie akkurat und hochkonzentriert die Darsteller arbeiten und welche fingertechnische Fähigkeit in ihnen steckt. Da ist beispielweise eine Szene, die nur vom Streichen der Streichhoelzer dominiert ist, und eine Nummer, in der allein Zeitungspapier den Ton angibt.



"Eine Stomp-Show besteht zu 60 % aus einstudierten Szenen, der Rest ist improvisiert," erklärt Andrew Patrick das Geheimnis von Stomp. So kommt es, dass man nie eine Show zweimal sieht. Es gibt mehrere Ensembles, einige touren durch die Welt, andere treten an festen Standorten wie dem Londoner Ambassador-Theater auf. "Wir sind eine große Familie."

Unter all dem Geschrammel, zwischen all dem Lärm und dem lauten Geklapper, Geklatsche und Getrampel findet sich stets ein roter musikalischer Faden, der alles zu einem kohärenten Ganzen zusammenfügt, das sich schwer in Worte fassen lässt. Eins, zwei, drei. Eins, zwei, drei. Immer schneller und schneller. Am Ende der Show steht der "Sarge" am Bühnenrand und gibt dem Publikum einen Klatschrhythmus vor. Was einfach anfängt, entpuppt sich als raffiniertes Handwerk, dem Sekunden später niemand mehr folgen kann. Stomper sein will eben gelernt sein.

Mehr dazu:

 

Was: Stomp...kommt Tour 2009
Wann: 20. Oktober bis 25. Oktober, 20 Uhr
Wo: Festspielhaus Baden-Baden