[Kommentar] Wir machen uns zum Klassenclown!

Aurélien Breton

Biokraftstoffe statt Erdöl: Seit Kyoto versuchen die Industrieländer mehr oder weniger intensiv, ihre CO2-Ausstöße zu verringern. Die EU will die Streber-Rolle übernehmen. Tatsächlich ist sie aber der Klassenclown - findet Aurélien Breton, der am letzten Tag unseres Vive l'Umwelt-Blogs begründet, warum Biokraftstoffe nicht die Umwelt retten werden.



21 Prozent der CO2-Emissionen der Europäischen Union gehen auf das Konto des Verkehrs. Noch dazu ist dieser zu 98% vom Erdöl abhängig. Deswegen spielen Biokraftstoffe eine wichtige Rolle innerhalb der Umweltmaßnahmen der EU. Einerseits, um die im Kyoto-Protokoll festgelegten Ziele zu erreichen. Andererseits, um sich von der Erdölabhängigkeit zu befreien.


Konkret heißt das: Bis 2020 sollen 10 Prozent der herkömmlichen Kraftstoffe – Benzin und Diesel – durch Biokraftstoffe ersetzt werden.

Wie es scheint, benutzt die EU dieses Ziel jedoch nur, um ihr Gewissen zu beruhigen. So kann sie sich in ihrer Streberrolle richtig wohl fühlen: Sie tut ja etwas für die Umwelt und vor allem grenzt sie sich gegenüber dem Energie-Schlamper Nummer eins, den USA, ab.

Dabei verschließt die EU aber die Augen vor den Problemen, zu denen es in den Entwicklungsländern kommen kann. Der größte Teil der für Biokraftstoffe benötigten Pflanzen wird nämlich außerhalb der EU angebaut.



Biokraftstoff statt Nahrungsmittel

Biokraftstoffe wie Biodiesel oder Bioethanol werden aus Raps, Sonnenblumen, Zuckerrüben, Getreide, Soja oder Mais hergestellt. Und genau da ist der Haken.

Die Bauern haben sehr schnell gemerkt, dass sie mehr Geld verdienen, wenn sie ihre Pflanzen als Kraftstoff statt als Nahrungsmittel verkaufen. Gerade in den Entwicklungsländern ist das fatal: Hier kann es um das Überleben ganzer Bevölkerungsteile gehen, da all diese Rohstoffe zu ihren wichtigsten Nahrungsmitteln gehören.

Widersprüchlich ist auch, dass für den Anbau von Pflanzen zur Herstellung von Biokraftstoff sogar die Umwelt zerstört wird, damit die Industrieländer wiederum ihre Umwelt schonen können. Sollen wir dabei zusehen, wie der Regenwald in Brasilien oder Indonesien abgeholzt wird, damit neue Plantagen für unseren Biotreibstoff entstehen?

Fakt ist: Der Treibhauseffekt wird dadurch verstärkt und nicht wie vorgesehen verringert.

Ausbeutung des Bodens und der Arbeiter

Darüber hinaus wird auch nicht darauf geachtet, wie die Pflanzen wirklich angebaut werden. Dass die Bauern zu Kunstdünger, Pestiziden oder Gentechnik greifen, scheint niemanden zu beunruhigen. Daraus entstehen aber enorme Umweltrisiken: Die Artenvielfalt ist bedroht, Pflanzen und Tiere sterben aus. Aber was interessiert das die EU?

Auch die Arbeitsbedingungen sollten nicht übersehen werden. In Indonesien, Malaysia und Brasilien werden die Feldarbeiter ausgebeutet. Die Hilfs- und Entwicklungsorganisation Oxfam berichtet, dass zahlreiche Menschen vor Erschöpfung in den Zuckerrohrfeldern sterben – und das, damit wir mit gutem Gewissen Auto fahren können.

In diesem Fall verstößt die Umweltpolitik der EU ganz offensichtlich gegen ihre höheren Prinzipien. Aber bloß nicht die Augen offen lassen.



Verpasste Chance

Bei dem Treffen der EU-Kommission zu diesem Thema hätte man kürzlich etwas ändern können. Mehrere Berichte weisen bereits seit längerem darauf hin, dass die Herstellung der Biokraftstoffe nicht nachhaltig ist. Die verfahrene Situation ist auch dem EU-Kommissar für Umwelt, dem Griechen Stavros Dimas, bewusst. Er lieferte sich heftige Debatten über die energiepolitische Zukunft der EU mit dem für Energie zuständigen Kommissar, dem Letten Andris Piebalgs.

Im Endeffekt ist aber kein wirkliches Ergebnis dabei herausgekommen. Die EU ändert nichts: Biokraftstoffe sollen das CO2-Problem in Europa lösen – auch wenn das weltweite CO2-Problem dabei vergrößert wird und noch dazu auf Kosten der Entwicklungsländer. Ein Teufelkreis.

Und mit dieser Glanzleistung wollen wir zum Klima-Klassenbesten werden? Soll das unser Ernst sein?