Kommentar: Sea of Love, ohne Dich wird der Sommer doof

Nightlife-Guru

2013 wird das erste Jahr ohne Sea of Love. Trotz zahlreicher bekannter Kritikpunkte ist ihr Ausfall zu beklagen. Warum? Ein Kommentar unseres Nightlife-Gurus:

Lasst uns auf den Sommer 2013 verzichten. April und Mai nehmen wir noch mit. Doch danach komme bitte gleich der September, die Zeit der Weinlese und der Winzerfeste. Warum das? Der Freiburger Veranstaltungskalender für diesen Sommer ist gähnend leer, Festkrise reloaded, nichts los, und die Sea of Love findet das erste Mal seit zwölf Jahren nicht statt.


Es wird Kaffee, Kuchen, Vanilleeis und Wespen geben, anstatt Bier, Pillen, Sonnenbrand und Schnaken. Unsere Wochenenden werden so ruhig und aufregungsfrei wie ein Sonntagnachmittag in einem Mooswälder Kleinbürgerhaushalt. Freiburg, von der Altersstruktur her eine junge Stadt, setzt keinen Festival-Akzent in Richtung junge Menschen.

Es ist jammerschade, dass wir in diesem Sommer nicht am Tunisee feiern werden. Zugegeben: die Sea of Love stand stets unter Dauerbeschuss. Kritik hat sie, haben ihre Veranstalter, von allen Seiten erfahren.



Die Techno-Veteranen der ersten Jahre, schon beim Festivaldebüt im Jahr 2002 dem Jugend- und Subkultur-Untergrund längst entwachsen, beklagten alle Jahre wieder Ausverkauf, Kommerz und Identitätsverlust und trauerten lautstark, wie schön sei es damals gewesen, keine teuren Gast-Disc Jockeys, keine Touristen, nur Locals. Dabei bespaßte doch schon bei der allerersten Sea of Love ausgerechnet Techno-Titan Sven Väth die fast 300 Jungs und Mädels aus der Region. Nörgelnde Musiknerds glichen Wochen zuvor und Monate danach das SoL-Programm mit ihren persönlichen Traum-Line-ups ab, und immer verlor die SoL, logisch. Inmitten süßer Bikini-Mädels auf frisch verschlammten Tunisee-Wiesen rezitieren sie gebetsmühlenartig, welche besseren Festivals sie im Spätsommer und Herbst noch besuchen würden, und überall bessere Musik als hier, experimenteller Techno, Neues aus Bristol, Disco von irgendwelchen Disc Jockeys, die schon in den Siebziger Jahren ... Gähn! Sie vergaßen darüber, wie befreiend es sein kann, ausgelassen wie ein Flummiball zum gleichmäßigen Schlag der Bassdrum durch ein Zelt zu hüpfen oder sich im Regen mit Matsch zu bewerfen.

Unerfahrene Festivalgänger bemängelten die langen Wartezeiten beim Einlass (selbst im Koko-Jahr, als die Sea of Love das wahrscheinlich tightest organisierteste Festival der nördlichen Hemisphäre war) und an den diversen Bars, das überforderte Personal, die Hitze, die Kälte, die Sonne, den Regen, den Staub, den Schlamm. Aber gut, so ist das halt, wenn man keine Ahnung hat.



Doch Hand aufs Herz: Wie schön war es doch, verstohlen vor der Mainstage nach der Hand seiner Begleitung zu greifen, während Moby seine Dance-Hymnen in den Nachthimmel schmetterte? Und war das nicht ein auffordernder Blick von ihr, von ihm, an der Bar? Hat es nicht Spaß gemacht, in der Abendsonne zu liegen, ein angekühltes Bier zu trinken und sich dabei über Umlandfrisuren und schlecht gestochene Tribal-Tattoos lustig zu machen?

Auf der Sea of Love war irgendwie alles wie damals, im Schullandheim, im Jugendlager: laute Musik, Alkohol, Zigaretten, schlechtes Essen, verbotene Küsse und Berührungen, weit weg von den Eltern, den nervigen Ballettstunden bei Galina und dem armenischen Klavierlehrer, dessen Namen man nie aussprechen konnte.

Die Sea of Love vermittelte, bei allem Kram, der an ihr alle Jahre immer wieder falsch und ärgerlich war, ein Gefühl von jugendlicher Leichtigkeit und Unbeschwertheit.

Beides wird fehlen, in diesem Sommer, in diesen Zeiten, in denen auf Partys vielmehr über Seminar- und Bachelorarbeiten als über den Zauber der Geschlechteranziehung und sonstigen liebenswerten Unsinn gesprochen wird.