Kolkhorst: Game Over nach 20 Minuten

Gina Kutkat

Was für eine Darbietung, die Indieelektroniker Kolkhorst gestern Abend im Kamikaze hingelegt hat! Der Künstler flippte aus, weil die Musikanlage nicht seinen Ansprüchen genügte. Nach nur 20 Minuten war das Konzert beendet und die Zuschauer verfolgten ungläubig aber gespannt dem exzentrischen Anfall eines Mannes, der nicht mehr zur Ruhe zu bringen war.



"Das klingt einfach scheiße! Ihr seid unprofessionell und habt euch nicht an die vertraglichen Regeln gehalten!"

Zack! Auf einmal, das Konzert ist noch nicht über die Aufwärmphase hinausgegangen, platzt es aus Kai-Uwe Kolkhorst nur so heraus, er schreit ins Mikro, hämmert in seine Gitarren-Saiten und fordert den Soundtechniker des Kamikazes dazu auf, die Anlage zu kontrollieren und den Sound zu verbessern.


Der wäre "unter aller Sau" und mache ein Weiterspielen seinerseits unmöglich. Kolkhorst rennt wie wild hin und her, sucht den Vertrag in seinem Gitarrenkoffer und seine Stimme wird immer lauter. Die Zuschauer verstehen im ersten Moment gar nicht, ob dies nun zum Kolkhorst'schen Programm gehört, so unterhaltsam und skurill ist die Szene.



Ein junger Mann schlägt vor "Mach doch einfach weiter, war doch voll schön bis jetzt," aber Kolkhorst zetert lieber weiter. Weiterspielen wird Kolkhorst an diesem Abend nicht mehr- im Gegenteil. Er stellt die Verantwortlichen wutentbrannt zur Diskussion und droht sogar mit einer Konventionalstrafe.

Wie lange kann ein Musiker auf dem künstlerischen Ansatz beharren? Was darf sich ein Künstler gefallen lassen und ab wann verhält er sich selber unprofessionell? Bei diesem Konzert versuchte man, beide Seiten zu verstehen. Den enttäuschten Künstler, der seinem Publikum einen anspruchsvoll musikalischen Abend bieten wollte und das Team vom Kamikaze, das sich plötzlich einem cholerischen Mann gegenüber sah.



Aber von vorne: der Lüneburger Musiker Kolkhorst, der zusammen mit seiner Gitarre und einem Drumkit elektronische Musik produziert, hatten den Abend mit einem Akustik-Set und zahlreichen komischen Anekdoten aus seinem Leben eröffnet. So erfuhr das Publikum zum Beispiel, dass er einige Stunden zuvor die Idee hatte, sein Pfefferschnitzel an die Anlage zu schließen, um Freiburgs Tauben damit zu vertreiben. Gerne erwähnte er auch seine Geschichte über die Dreisam, in der er als Junge mal nach Bier getaucht hatte.

Einzelne, verhaltene Lacher von uns, dem Publikum, das ihm gespannt an den Lippen hing. "Uns" deshalb, da die 20 Leute eine derartig intime Atmosphäre schufen, die, wie Kolkhorst richtig feststellte "vielleicht etwas zu intim war". Aber der "Kinski mit Gitarre" versuchte das Beste draus zu machen.



Dies gelang ihm nicht hunderprozentig. Schon vor dem ersten Song löste sich das Mikro aus seiner Halterung, was Kolkhorst dazu veranlasste eine kleine Freddy Mercury Einlage zu bringen.
Zwei Lieder später tapte der Techniker das Mikro erneut und wurde mit den Worten "Is' ja gut jetzt" verscheucht. Kolkhorst wurde von Minute zu Minute unterhaltsamer und erlaubte sogar das Handy-Klingeln. "Aber ich bin dann natürlich nicht zu sprechen."

Mit einer surrenden Lüftungsmaschine im Hintergrund und nur von seiner verstärkten Gitarre begleitet, sang Kolkhorst melancholische Songs mit einer tiefen und sonoren Stimme. Es war schöne Musik mit guten Texten, die alle Anwesenden in ihren Bann zog. Die elektronischen Beats setzten mit dem Drumkit ein, aber schon nach zwei Songs brach der Musiker ab und die Dinge nahmen ihren Lauf.

Kolhorst machte seinem Spitznamen alle Ehre und erinnerte in seinem Ausfall tatsächlich an Kotzbrocken Klaus Kinski. Die Zuhörer versuchten ihn noch zu beschwichtigen und baten ihn, weiterzumachen. Veranstalter und Techniker diskutierten mit dem Wütenden, der sich nicht besänftigen ließ und weiterhin über den schlechten Sound und die schlechten Bedingungen schimpfte. Gitarre am Boden, streitende Beteiligte und fassungslose Zuhörer- das Bild des Abends.

Veranstalter Daniel Bär:" Das Kamikaze hat gestern eine neue Anlage bekommen, mit der wir uns erst einmal außeinandersetzen mussten. Vor dem Konzert hat die Technik noch einwandfrei funktioniert und Kolkhorst war zufrieden. Für mich war der Sound auch gut, schade, dass der Abend so gelaufen ist."

Fakt ist, dass sich die Beteiligten im Anschluss nicht mehr an die Gurgel gegangen sind, aber noch bis 1 Uhr versucht haben, Kolkhorst zu beruhigen.

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