Mordprozess am Freiburger Landgericht

Koks, Gewalt, Sex – und ein früherer Kripo-V-Mann

Frank Zimmermann

Vor dem Landgericht Freiburg findet seit Montag ein Prozess wegen versuchten Mordes statt. Vorangegangen ist ein Sexabenteuer, das völlig aus dem Ruder lief. Angeklagt ist ein junges Pärchen.

Vor dem Freiburger Landgericht findet seit Montag ein Prozess wegen versuchten Mordes statt. Angeklagt ist ein Pärchen, 18 und 22 Jahre alt. Ihr Opfer: ein 48-jähriger Handwerker aus der südlichen Ortenau, mit dem sie zum Sex gegen Bezahlung in den Wald gefahren sind. Der 22-jährige schlägt, so die Anklage, den Handwerker mit einem Stein nieder, verletzt ihn schwer und lässt ihn bewusstlos und halbnackt zurück. Kurios: Kurz nach der Tat trifft das Paar auf dem Stühlinger Kirchplatz einen koksenden ehemaligen V-Mann der Kripo und vertraut sich ihm an. Dieser verrät das Paar.


Ein Jäger fand das Opfer halbnackt und verwirrt im Wald

Ein Jäger fährt am 3. Oktober 2016 gegen Abend durch den Mooswald. Vor seinem Auto rennt ein Mann. Der 68-jährige Jäger hält ihn für einen Jogger. Erst als der nur scheinbar joggende Mann vom Weg in den Wald abbiegt und sich hinter einem Baum versteckt, wird der Förster stutzig, die Sache kommt ihm komisch vor. Er hält an und steigt aus.

Wie sich herausstellt, ist der Mann gar kein Jogger, sondern ein 48 Jahre alter Handwerker aus der Ortenau, der sich gegen Bezahlung zum Dreier-Sex im Wald verabredet hatte und Opfer eines Verbrechens wurde. Der vermeintliche Jogger hatte auch keine kurze Sporthose an, wie der Jäger zunächst dachte, sondern nur eine Unterhose und ein blutverschmiertes T-Shirt. Benommen sei der Mann gewesen, einen Arzt habe er seltsamerweise nicht gewollt, schildert der Jäger dem Gericht; er habe dann die Polizei gerufen.

Am Beginn der Ermittlungen hält das Opfer, Handwerker Peter M.* (*Name von der Redaktion geändert), die Polizei zum Narren, behauptet, auf einer Baustelle in Lahr gewesen zu sein. Er könne sich erst wieder daran erinnern, bewusstlos im Wald aufgewacht zu sein – ohne Hose und ohne Jacke, ohne Handy und ohne sein Auto, mit dem er unterwegs war. Der Grund für diese Falschaussage ist, dass ihm der wahre Anlass für seinen Aufenthalt im Wald zu peinlich war.

Über das Internet hatte das Opfer sich mit dem Täter-Paar zum Sex verabredet

Die Wahrheit ist: Peter M. hatte sich im Internet mit einem Pärchen zum Sex verabredet, und er wollte das explizit in freier Natur. So trifft er das Pärchen – er 22 und kokainsüchtig, sie 18, ebenfalls süchtig und mit schlimmer Kindheit – am späten Nachmittag des 3. Oktober an der Haltestelle an der Innsbrucker Straße in St. Georgen. Zu dritt fahren sie in den Mooswald zwischen Keidel-Bad und A5.

Das Pärchen schlägt dem Handwerker vor, sich als Teil des Sexspiels fesseln zu lassen. M. will das nicht, lässt sich dann aber doch mit Handschellen fesseln und die Augen verbinden. "Dann ist es aus dem Ruder gelaufen", sagt der angeklagte Stefan S.* dem Gericht. Der 22-jährige hat "Zeitlücken".

Mehrere Tage sei er vor der Tat auf Koks gewesen.

Seltsam ist, dass er sich im Prozess stärker belastet als zuvor gegenüber der Polizei. Den Ermittlern hatte er gesagt, er habe M. mit einem Stein auf den Kopf geschlagen und am Boden liegend getreten, weil seine Freundin mit dem "Kunden" in Streit geraten sei – angeblich wegen einer Sexpraktik, die sie nicht wollte.

Ohnehin ist das Pärchen eigentlich gar nicht auf Sex aus, sondern will den Handwerker "nur" fesseln und ihm das Bargeld abnehmen; diese Masche hatte zuvor ein Mal in einem Freiburger Hotel geklappt. Vor Gericht erzähltStefan S. nun aber eine andere Version: "Ich weiß gar nicht mehr, wie es dazu kam, dass ich den Stein genommen habe."

Das Paar lässt den halbnackten Handwerker schwer verletzt und bewusstlos liegen, klaut Geld und Handy und fährt mit seinem Auto davon. Das Fahrzeug stellen sie bei den Schrebergärten Innere Elben ab und gehen in die Stadt. Auf dem Stühlinger Kirchplatz treffen sie Milan P.*, man kennt sich, wie lange und wie gut, darüber gehen die Meinungen beider Seiten auseinander.

P. hat auch eine kriminelle Vergangenheit und ist dem Kokain nicht abgeneigt. Die Drei fahren in P.s Wohnung, wo sie gemeinsam kiffen. Das Paar vertraut sich P. an. Der sagt vor Gericht, dass er den beiden die Geschichte zunächst nicht abgenommen und deshalb auch nichts unternommen habe.

Ausgerechnet einem ehemaligen V-Mann erzählen sie von der Tat

Dass Milan P. ein ehemaliger V-Mann der Kriminalpolizei ist, wissen Sandra F. und Stefan S. nicht. In jedem Fall kontaktiert P. am nächsten Tag seinen früheren Bezugsbeamten – auch in der Hoffnung, wie in der Vergangenheit eine Gegenleistung von den Ermittlern zu bekommen. Als ihm der Bezugsbeamte ins Gewissen redet, die Karten auf den Tisch zu legen, packt P. aus – und verrät einen gemeinsamen Treffpunkt. Das Duo wird verhaftet.

Offenkundig wird im Prozess, dass der Ex-V-Mann vom Balkan im Gegenzug für seine Dienste und in Absprache mit Staatsanwaltschaft und Regierungspräsidium Karlsruhe auch einen Aufenthaltsstatus bekommt. P.s Tätigkeit sei inzwischen beendet, sagt der Bezugsbeamte, der P. nach eigener Aussage aber immer noch bei "Behördengängen" hilft, stets im Rahmen seines Betreuungsverhältnisses. Warum das, wenn die Spitzeltätigkeit beendet ist? Wie sich herausstellt, ist Milan P. noch wichtig für die Ermittlungsbehörden – er ist Zeuge in einem wichtigen bevorstehenden Prozess.

Der Prozess wird am Dienstag fortgesetzt.

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